Ein breites Bündnis jüdischer Organisationen und zivilgesellschaftlicher Initiativen hat sich mit einer gemeinsamen Erklärung scharf gegen die Kampagne »Kufiyas in Buchenwald« gewandt. In der Stellungnahme wird die geplante Aktion als gezielte Provokation gegen die Erinnerungskultur und als Angriff auf die Würde der Opfer des Nationalsozialismus bezeichnet.
Die Unterzeichner schreiben: »Was als vermeintlicher Protest gegen ein angebliches Symbolverbot inszeniert wird, ist in Wahrheit ein gezielter Angriff auf die deutsche Erinnerungskultur, auf die Würde eines Ortes des Gedenkens an die Schoa und auf das Gedenken an die jüdischen Opfer des Konzentrationslagers Buchenwald.«
Die Initiatoren werfen den Trägern der Kampagne vor, ein Bündnis aus linksradikalen Gruppen, extremistischen Organisationen und Terrorverharmlosern zu bilden. Diese versuchten, die Gedenkstätte zur Bühne »antijüdischer Agitation« zu machen.
Gericht bestätigte Entscheidung der Gedenkstätte
Ausgangspunkt der Kontroverse war ein Vorfall im April 2025. Einer Aktivistin war der Zutritt zur Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers verweigert worden, weil sie die Kufiya ausdrücklich als politisches Statement gegen Israel tragen wollte. Ein Gericht bestätigte die Entscheidung.
Die Unterzeichner betonen, es gebe kein generelles Verbot der Kufiya in der Gedenkstätte, wohl aber »die berechtigte und obergerichtlich bestätigte Pflicht, den Ort vor politischer Instrumentalisierung zu schützen.« Einschränkungen würden nur dann gelten, wenn das Kleidungsstück demonstrativ im Rahmen politischer Aktionen eingesetzt werde.
Besonders kritisieren die Unterzeichner eine für April angekündigte Protestkampagne. Aktivisten wollen demnach rund um das Gedenkwochenende Veranstaltungen, Rundgänge und Diskussionen organisieren sowie eine Mahnwache in der Nähe der Gedenkstätte abhalten.
Falsche Darstellungen
Die Erklärung spricht von einem Versuch, die offiziellen Gedenkfeiern zu überlagern. Die geplanten Aktionen seien Teil einer Kampagne, die bewusst mit falschen Darstellungen arbeite.
In der Stellungnahme wird zudem auf die politische Geschichte der Kufiya verwiesen. Zwar sei sie ein traditionelles Kleidungsstück, zugleich sei sie jedoch in bestimmten politischen Bewegungen zu einem Symbol geworden. Die Erklärung zeichnet eine historische Linie von arabischen Nationalbewegungen bis hin zu Terrororganisationen. In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass die Kufiya von verschiedenen Akteuren des bewaffneten Kampfes gegen Israel genutzt worden sei.
Gerade deshalb sei ihr demonstratives Tragen in Buchenwald besonders problematisch. »Dieses Symbol ausgerechnet an einem Ort zu tragen, an dem die SS Tausende von Jüdinnen und Juden ermordete – an dem Tag, an dem der Opfer des Konzentrationslagers gedacht wird –, bedeutet, das Gedenken an die Ermordeten durch die Insignien ihrer Feinde zu ersetzen.«
Legitimation des 7. Oktobers
Die Unterzeichner sprechen in diesem Zusammenhang von einer »antisemitischen Machtdemonstration auf den Gräbern jüdischer Toter«.
Die Erklärung erinnert außerdem daran, dass Buchenwald nach der Befreiung auch eine besondere Bedeutung für jüdische Überlebende hatte. In der Nähe des ehemaligen Lagers entstand ein sogenannter Kibbuz Buchenwald, in dem sich Überlebende auf ihre Auswanderung nach Eretz Israel vorbereiteten. Die blau-weiße Fahne mit dem Davidstern sei dort gehisst worden – als Symbol für Überleben und Selbstbestimmung. Die Erinnerung daran sei keine politische Instrumentalisierung, sondern Teil der historischen Realität.
Scharf kritisieren die Unterzeichner auch einige der Gruppen, die hinter der Kampagne stehen sollen. So wird etwa der »Kommunistischen Organisation« vorgeworfen, die Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel verherrlicht zu haben. Zitiert wird aus einer Erklärung der Gruppe: »Für uns und alle Freiheit und Gerechtigkeit liebenden Menschen auf der Welt ist es dagegen eine großartige Überraschung!« Weiter heißt es dort über den Angriff: »Er ist in Gänze legitim, genau wie all seine Mittel!«
Warnung vor Täter-Opfer-Umkehr
Auch die für die Verbreitung von Verschwörungsmythen bekannte Organisation »Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost« wird in der Stellungnahme kritisiert. Sie wird vom Verfassungsschutz als extremistische Bestrebung eingestuft.
Die Unterzeichner sehen in der Kampagne auch einen Versuch, die Erinnerung an die Schoa politisch umzudeuten. Israel werde dabei in eine Täterrolle gedrängt, während der Holocaust relativiert werde. In der Erklärung heißt es dazu: »Diese Täter-Opfer-Umkehr ist nicht nur geschichtsrevisionistisch, sondern zutiefst antisemitisch.«
Die beteiligten Organisationen fordern deshalb, die geplanten Aktionen rund um den Jahrestag der Befreiung des Lagers zu unterbinden. Versammlungsbehörden müssten die Würde der Opfer schützen.
Zunehmende Zahl von Angriffen
Außerdem rufen sie Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen dazu auf, sich klar gegen jede Instrumentalisierung von KZ-Gedenkstätten zu positionieren. Gleichzeitig appellieren sie an die Öffentlichkeit, an den offiziellen Gedenkveranstaltungen teilzunehmen.
Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen und Schoa-Überlebende Reinhard Schramm formulierte den Appell besonders deutlich: »In Buchenwald gedenken wir unserer ermordeten Angehörigen. Es ist ein Ort, der für viele von uns die meist fehlenden Gräber unserer Angehörigen ersetzt. Wir lassen uns Buchenwald nicht von Antisemiten entweihen.«
Auch der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) warnt vor einer zunehmenden Zahl von Angriffen auf Orte des Gedenkens. Politische Provokationen an solchen Stätten stellten deren gesellschaftlichen Auftrag infrage. Seit dem 7. Oktober 2023 hätten sich zudem israelfeindliche Deutungsmuster und Formen der Erinnerungsabwehr verstärkt ausgebreitet.
Zu den Unterzeichnern der Erklärung gegen die Aktion »Kufiyas in Buchenwald« gehören neben dem Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz und der
Jüdischen Landesgemeinde Thüringen auch die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main, die WerteInitiative, das Jüdisches Forum der CDU in NRW, die Jüdische Allianz Mitteldeutschland, die Organisation Ärztinnen und Ärzte gegen Antisemitismus, der Verband Jüdischer Journalistinnen und Journalisten, der Jüdischer Juristenverband in Deutschland, die Aktion Keren Hayesod Deutschland, die Deutsch-Israelische Gesellschaft TaMaR Germany, das AJC Berlin, das Tikvah Institut, das Mideast Freedom Forum Berlin sowie Michael Panse, der Beauftragte der Landesregierung für jüdisches Leben in Thüringen und die Bekämpfung
des Antisemitismus. im