Budapest

Judit Polgár lehnt Angebot der Präsidentschaft ab

Judit Polgar im Jahr 2023 Foto: picture alliance / Xinhua News Agency

Die jüdische Schachlegende Judit Polgár wird voraussichtlich nicht die neue Präsidentin Ungarns. Einen Tag nachdem Ministerpräsident Peter Magyar sie für das höchste Staatsamt vorgeschlagen hatte, sagte die frühere Weltklassespielerin ab.

»Ich habe nicht das Gefühl, die Kraft zu haben, die historische Verantwortung zu tragen, eine gespaltene Nation zu vereinen. Deshalb kann ich die Einladung nicht annehmen«, schrieb Polgár in den sozialen Medien. Zugleich kündigte sie an: »Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um einen neuen, unabhängigen und angesehenen Präsidenten der Republik bei der Erreichung dieser Ziele zu unterstützen.«

Magyar, der sich als proeuropäischer Konservativer versteht, hatte Polgár als parteiunabhängige Persönlichkeit für das Amt nominiert. Nach seiner Darstellung sollte sie den politischen Neuanfang nach der Ära von Viktor Orbán verkörpern. Nach der Absage erklärte der Regierungschef: »Ich bedauere ihre Entscheidung, respektiere sie aber.«

Mögliche Fehler

Der Ministerpräsident räumte zudem mögliche Fehler im Vorgehen ein. Kritiker hatten ihm vorgeworfen, Polgár bereits offiziell nominiert zu haben, obwohl er zuvor eine öffentliche Konsultation über die Besetzung des Präsidentenamtes angekündigt hatte. Magyar entschuldigte sich für mögliche »Kommunikationsfehler«, betonte jedoch, seine Tisza-Partei habe die Bevölkerung ausdrücklich um Vorschläge gebeten.

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Wer stattdessen als Kandidat für das Präsidentenamt nominiert werden soll, ist bislang offen. Magyar kündigte an, seine Partei werde sich in den kommenden Tagen mehrfach beraten und anschließend eine Entscheidung treffen. In Ungarn wird das Staatsoberhaupt vom Parlament gewählt.

Polgár, die am Donnerstag ihren 50. Geburtstag feiert, stammt aus einer jüdischen Familie und gilt als erfolgreichste Schachspielerin der Geschichte. Über 25 Jahre führte sie die Weltrangliste der Frauen an und erreichte als bislang einzige Frau einen Platz unter den Top Ten der allgemeinen Weltrangliste. 2014 beendete sie ihre Profikarriere.

Sieg gegen Kasparow

International wurde sie auch durch ihre Siege gegen mehrere Schachweltmeister bekannt, darunter Garri Kasparow im Jahr 2002. Immer wieder sprach sie über den Sexismus, dem sie in der von Männern dominierten Schachwelt begegnet sei. »Ich musste mich mehr beweisen, als wenn ich ein Junge gewesen wäre«, sagte sie 2020 in einem Interview mit AFP.

Nach ihrem Rückzug vom Turnierschach engagiert sich Polgár vor allem für Bildungsprojekte und die Förderung des Schachsports bei Kindern und Jugendlichen. Anfang dieses Jahres erschien zudem die Netflix-Dokumentation »Queen of Chess«, die ihre außergewöhnliche Karriere nachzeichnet.

Der Name Polgár war zunächst in einem offenen Brief von 16 bekannten Ungarn als mögliche Präsidentschaftskandidatin ins Gespräch gebracht worden. Zu den Unterzeichnern gehörte auch der Erfinder des Rubik-Würfels, Ernő Rubik.

»Marionetten« von Orbán

Die Suche nach einem neuen Staatsoberhaupt war notwendig geworden, nachdem das ungarische Parlament in der vergangenen Woche eine Verfassungsänderung verabschiedet hatte, die zur Absetzung von Präsident Tamás Sulyok führte.

Sulyok bezeichnete diesen Schritt als Ende des »demokratischen Rechtsstaats« in Ungarn, unterzeichnete die Änderung jedoch mit dem Hinweis, ihm stünden keine rechtlichen Mittel zur Verfügung, um sie zu verhindern. Magyar hatte Sulyok zuvor ebenso wie weitere Spitzenvertreter des Staates als »Marionetten« des langjährigen Ministerpräsidenten Viktor Orbán bezeichnet. im

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