Antisemitismus

Judenhass in Deutschland: Anstieg um 320 Prozent

Eine antisemitische Demonstration am 18. November in Berlin Foto: picture alliance / Caro

29 antisemitische Vorfälle pro Tag und ein Anstieg von 320 Prozent: Das ist das Ergebnis eines neuen Berichtes zu Judenhass in Deutschland nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober. Bis zum 9. November registrierte der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) insgesamt 994 Vorfälle mit Bezug zu den Hamas-Massakern, wie aus dem am Dienstag in Berlin veröffentlichten Bericht hervorgeht.

Demnach waren es durchschnittlich 29 Vorfälle pro Tag. Es handele sich um einen Anstieg von 320 Prozent zum Jahresdurchschnitt von 7 Vorfällen am Tag 2022. Den Meldestellen des Verbandes werden auch Ereignisse gemeldet, die keine Straftaten sind. Das Aufkommen an Meldungen sei anhaltend hoch, hieß es. Berichtet werde vermehrt von Vorfällen an Orten des Alltags wie Nachbarschaft, Arbeitsplatz und Hochschulen.

»Besonders verunsichernd sind Vorfälle im Wohnumfeld«, so Rias. Gemeldet worden seien 59 solcher Vorfälle. Der Verband nannte ein Beispiel: »In Gießen drangen zwei Männer gewaltsam in die Wohnung eines Israelis ein, um eine aus dem Fenster gehängte Israelflagge zu entfernen.«

Antiisraelische Propaganda

Vermehrt werde an Hochschulen antiisraelische Propaganda verbreitet: Schmierereien, Versammlungen und Flyer. Insgesamt wurden laut Rias 37 antisemitische Vorfälle an Hochschulen dokumentiert. Jüdische Studierende berichteten, dass sie für das Verhalten Israels verantwortlich gemacht würden - und mieden daher die Hochschule.

»Wenn jüdische Studierende dem Campus aus Sorge vor antisemitischen Erfahrungen fernbleiben, sind ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen, aber auch die Hochschulleitungen und organisierten Studierendenschaften in der Pflicht, mit aller Konsequenz gegen Antisemitismus vorzugehen«, forderte der Geschäftsführer des Rias-Bundesverbandes, Benjamin Steinitz.

Die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, Hanna Veiler, nannte die Zahlen erschreckend, aber nicht verwunderlich: »Junge Jüdinnen und Juden berichten seit dem 7. Oktober ununterbrochen, wie stark der Antisemitismus, den sie in ihrem alltäglichen Leben wahrnehmen, vor allem im universitären Kontext, zugenommen hat.«

Antisemitische Versammlungen

Im Auswertungszeitraum wurden laut Bericht 177 antisemitische Versammlungen erfasst. »Die Verbreitung von Desinformation trägt zur Mobilisierung bei: Nachdem eine ungeprüfte Meldung über einen angeblichen Angriff der israelischen Armee auf das Al-Ahli-Krankenhaus am 17. Oktober verbreitet wurde, verdoppelte sich die Zahl antisemitischer Versammlungen zur Vorwoche auf 61«, hieß es.

Der Rias-Bundesverband ist der Dachverband seiner Meldestellen in mehreren Bundesländern. Wer Antisemitismus erlebt oder Zeugin beziehungsweise Zeuge wird, kann sich an diese Stellen wenden. Diese erfassen bundesweit judenfeindliche Vorfälle und vermitteln Betroffenen Unterstützung. In den Bericht flossen den Angaben zufolge Vorfälle aus dem ganzen Bundesgebiet und von Meldestellen in elf Bundesländern ein.

Das Bundeskriminalamt hatte seit dem Terrorangriff bis Mitte November bundesweit rund 3300 Straftaten mit Bezug zum Nahost-Konflikt erfasst. Dabei handelt es sich Medienberichten zufolge vor allem um Sachbeschädigung, Volksverhetzung und Widerstandsdelikte. kna

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  26.10.2026

Wilko Möller (AfD), Landtagsabgeordneter in Brandenburg, guckt nachdenklich

Rechtsextremismus

Urteil gegen AfD-Politiker wegen Wahlplakats rechtskräftig

Hat der AfD-Abgeordnete Wilko Möller mit einem »Hitlergruß« auf Plakaten Wahlkampf gemacht? Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte ihn zu einer Geldstrafe verurteilt. Dagegen legte der Politiker Revision ein – vergeblich

 26.10.2026

Leerer Klassenraum (Symbolbild)

Hessen

Strafverfahren gegen Lehrer wegen israelfeindlicher Posts eingestellt

Wegen Instagram-Beiträgen, die als »antisemitisch und israelfeindlich« eingestuft wurden, ist ein Gymnasiallehrer seit einem Jahr vom Dienst suspendiert. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung wurde nun eingestellt

 26.10.2026

Krieg

Selenskyj: Warten fast einen Monat auf Hegseth-Unterschrift

Der Ukraine mangelt es nach eigenen Angaben an Raketen zur Abwehr russischer Angriffe. Nun äußert Präsident Selenskyj Kritik am US-Verteidigungsminister Hegseth

 26.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026

Regierungsbildung

Berliner SPD plant Mitgliederbefragung über Koalition

Die Basis soll über eine Koalition mit Linken und Grünen mitentscheiden

 26.10.2026

Debatte

Zentralrat der Juden warnt vor AfD in Sachsen-Anhalt und nimmt Linke in Berlin Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Präsident Josef Schuster blickt sorgenvoll auf zwei deutsche Bundesländer

 26.10.2026

Berlin

Linke-Kandidat für Neukölln: Recherchen dokumentieren Nähe zu PFLP-Sympathisanten

Ein Dossier der Monitoringgruppe Amit, über das die »Welt« berichtet, dokumentiert mehrere Berührungspunkte des 45-jährigen Rechtsanwalts mit Personen und Veranstaltungen, bei denen Sympathien für die Organisation erkennbar waren.

 26.10.2026

Berlin

Schuster: Nehme der Linken Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Der Kampf gegen Judenhass erschwert die Gespräche über Rot-Grün-Rot in Berlin. Eine Erklärung der Linken reicht dem Präsidenten des Zentralrats der Juden nicht

 26.10.2026