Armin Laschet im Deutschlandfunk

»Jetzt kommt wieder Ihre Israelphobie«

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Armin Laschet (CDU), hier beim Interview mit der Jüdischen Allgemeinen im Sommer 2025 Foto: Chris Hartung

Armin Laschet war kurz angebunden am Freitagmorgen, als ihn Thielko Grieß im »Deutschlandfunk« begrüßte. Denn der Moderator eröffnete das Interview mit dem Ex-CDU-Chef und Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses mit einer langen Litanei über die israelische Politik.

»Da hat sich einiges angehäuft«, sagte Grieß. »Das israelische Militär hat den Gazastreifen weitgehend zerstört, hält einen Teil Syriens besetzt, hat die Todesstrafe de facto nur für Palästinenser aus dem Westjordanland eingeführt, wo Israel weiter unverdrossen Siedlungen entstehen lässt. Israel hat den Iran-Krieg maßgeblich initiiert, will nun einen Teil des Libanons wohl besetzen und bombardierte auch in der vergangenen Nacht weiter Ziele im Libanon. Wann reagiert die Bundesregierung?«

Er bekam nur eine knappe Erwiderung: »Jetzt haben Sie sehr lange Ihre Meinung zu Israel dargestellt...« Nein, da handele sich doch um Fakten und nicht um seine persönliche Meinung, blaffte Grieß zurück. Daraufhin Laschet: »Und ich frage mich, auf was soll die Bundesregierung da reagieren? Sie haben jetzt zweieinhalb Jahre Israel-Politik aufgelistet. Dann müssten Sie mir einfach eine Frage stellen: Auf was soll die Bundesregierung reagieren?«

Der Moderator ließ sich nicht abbringen. Erneut prangerte er Israel an und versuchte, seinem Gesprächspartner etwas über »die anhaltende Gewalt, die das israelische Militär ausübt in seinen Nachbarländern«, zu entlocken. Laschet wurde zusehends patziger: »In welchen Nachbarländern, lieber Herr Grieß? Sagen Sie mir bitte die Nachbarländer, dann antworte ich darauf!«

Es war eine Finte. Denn der Politiker wusste natürlich, dass der Libanon gemeint war. Von dort, fuhr Laschet fort, werde Israel seit vielen Jahren angegriffen. »Die Hisbollah wird vom Iran unterstützt, und es gehört mit zum Selbstverteidigungsrecht, dass man im Nachbarland, wo die Hisbollah tätig ist, also quasi im iranisch besetzten Teil des Libanon, aktiv werden kann. Das muss verhältnismäßig sein, und wie es in den letzten Tagen war, ist es nicht verhältnismäßig.« Der Libanon habe aber zum ersten Mal seit Jahrzehnten direkte Gespräche mit Israel in Aussicht und sich auf die Stufe jener Länder gestellt, die den Abraham-Abkommen beitreten wollten.

»Libanon zu Gesprächen mit Israel bereit«

Laschet mochte in diesem Moment gedämmert haben, dass der DLF-Moderator nicht für einen Exkurs zu seinem Leib-und-Magen-Thema, den Abraham-Abkommen, bereit war, sondern lieber über Israel reden wollte. Deshalb beendete Laschet seine Antwort mit dem Satz: »Das beantwortet aber nicht Ihre Zweieinhalb-Jahre-Frage, die Sie gerade gestellt haben.«

Fast dankbar nahm Grieß den Ball auf. Bundeskanzler Merz, Nachfolger Laschets im CDU-Parteivorsitz, habe sich ja »Sorgen gemacht, auch deshalb möchte ich mit Ihnen darüber sprechen«, sagte er, und andere europäische Staaten seien mit Israel noch weitaus ungeduldiger als Deutschland, übten »harte Kritik« und bestellten auch schon mal den israelischen Botschafter ein. Ob das nicht »denkbare Schritte, die die deutsche Bundesregierung gehen könnte«, seien, wollte Grieß wissen.

Laschet blockte ab. Man sei doch gerade dabei, »diesen Konflikt und das terroristische Wirken der Hisbollah zu beenden«, meinte er. Selbst der libanesische Staatspräsident Präsident Aoun wolle mit Israel zusammenarbeiten. »Diese Politik halte ich für erfolgreicher als all die Bekenntnisreden, die wir beispielsweise aus Spanien oder aus anderen Ländern hören. Die haben bisher wenig bewirkt.« Die deutsche Position sei es, konstruktiv nach Lösungen zu suchen und die israelische Notlage zu verstehen. Das sei doch erfolgversprechender.

Was Deutschland denn konkret tun solle, wollte der Moderator dann wissen. Laschet stellte klar, dass ein deutsches Eingreifen erst dann in Frage komme, wenn die Waffen schwiegen und die vom Iran blockierte Seestraße von Hormus wieder befahrbar sei.

Kritik an Trumps Rhetorik

Quasi en passant rechnete er mit Trumps Iran-Krieg und dessen Last-Minute-Deal mit Teheran ab: »Wir wissen um keine Zugeständnisse, die der Iran gemacht hat. Die Straße von Hormus ist immer noch nicht so frei, wie sie sein müsste. Das Raketenprogramm ist nicht beendet. Das Nuklearprogramm ist nicht beendet. Der Regime Change hat nicht stattgefunden. Es hat sich nichts verändert. In einer solchen Lage wird Deutschland unter keinen Umständen den USA beistehen, weil wir gar nicht wissen, was sie wollen.«

Gleichzeitig kritisierte Laschet Trumps Rhetorik scharf. Er stellte aber fest: »Wir müssen alles tun, dass da, wo die USA erforderlich sind, wir sie bei der Stange halten, sie in Europa engagiert bleiben und wir gleichzeitig endlich eine europäische Verteidigungsfähigkeit aufbauen.« Dann folgte ein Schlagabtausch zwischen dem Moderator und dem Politiker, der den Hörern zwar kaum Erkenntnisgewinn brachte, aber definitiv einen hohen Unterhaltungswert hatte.

Grieß: Wenn Sie von europäischer Handlungsfähigkeit sprechen – und wahrscheinlich werden Sie das gleich vielleicht erneut ablehnen als Frage…

Laschet: Wenn Sie einfach eine Frage stellen und nicht schon erklären, was ich danach sage. Sagen Sie Ihre Frage und ich antworte. So ist doch normalerweise der Umgang zwischen Journalisten und Politikern. Also, Sie stellen eine Frage und sagen Sie nicht schon vorher, was Sie als Antwort erwarten.

Grieß: Herr Laschet, also zur Komplexität gehört ja auch, dass, wenn Sie europäische Verteidigungspolitik und Außenpolitik fordern, es ja sehr unterschiedliche Haltungen gibt, zum Beispiel was Israel betrifft…

Laschet: Jetzt kommt wieder Ihre Israelphobie.

Grieß: Was die Iranpolitik betrifft…

Laschet: Entschuldigung, jetzt reicht es wirklich! Sie können in jedes Thema Israel hineinmischen, es geht aber hier…

Grieß: Israel und die Vereinigten Staaten haben diesen Krieg begonnen, das gehört damit zu diesem Thema hinzu.

Laschet: Ja, weil Sie das gerne reinmischen. Ich rede über die Handlungsfähigkeit Europas gegenüber den Bedrohungen, die im Moment durch die NATO abgesichert sind. Das war eigentlich der Beginn Ihrer Frage. Sie haben aber immer wieder die taktische Begabung, auf Israel zurückzukommen.

Thielko Grieß kam auf die Straße von Hormus zurück. Ob die Europäer überfordert seien, Kapazitäten für den Schutz der Meerenge freizustellen, wollte er wissen. »Nein«, antwortete Laschet knapp – und so leise, dass der Moderator Mühe hatte, ihn zu verstehen.

Auf Nachfrage reagierte er wieder eingeschnappt. »Ich kann es auch ganz laut sagen, damit das auch in Köln oder wo immer Sie sitzen ankommt. NEIN, es ist nicht so! Es überfordert überhaupt niemanden. Wir werden in einen Krieg nicht eintreten!« Später fügte er noch ein »Ich hoffe, ich bin jetzt laut genug« hinzu, was Grieß mit »Ja, total« beantwortete.

Dann war das Interview auch fast schon zu Ende. Launig, aber versöhnlich verabschiedete Thielko Grieß seinen Talkgast: »Interviews können kontrovers verlaufen, und ans Ende eines jeden Interviews, auch dieses, gehört ein Dank an den Interviewpartner. Herr Laschet, haben Sie Dank für Ihre Zeit heute Morgen.«

Mehr als ein knappes »Bitte schön« konnte er dem Mann am anderen Ende der Leitung aber nicht entlocken.

Washington

Trump-Freund und Israel-Unterstützer: Senator Lindsey Graham ist tot

Gerade hatte der US-Republikaner Graham noch Kiew besucht, im November wollte er sich erneut zur Wahl stellen. Nun ist der langjährige Senator überraschend gestorben

 12.07.2026

Meinung

Wenn die Brandmauer bröckelt

Immer öfter erlebt unser Autor, dass die rechtsextreme AfD selbst in der gesellschaftlichen Mitte verharmlost wird. Ein persönlicher Erfahrungsbericht aus Düsseldorf

von Jacques Abramowicz  12.07.2026

Interview

Karin Prien: »Würde mit Davidstern-Kette nicht in bestimmte Stadtviertel«

Die Bundesfamilienministerin (CDU) über Einsparungen in ihrem Ressort, das Programm »Demokratie leben« und ihre persönliche Betroffenheit vom wachsenden Antisemitismus in Deutschland

von Alexander Riedel, Birgit Wilke  12.07.2026

Magdeburg

Die AfD und ihr Plan für Sachsen-Anhalt

Jubel für Ulrich Siegmund, Vorwürfe gegen die CDU und ein 100-Tage-Plan mit radikalen Forderungen – was die AfD in Sachsen-Anhalt nach der Landtagswahl vorhat

von Christopher Kissmann  12.07.2026

Teheran

Iranische Tageszeitung fordert Rache – auch gegen Merz

Die iranische Zeitung »Hamshahri« ruft in einer Online-Grafik zu Vergeltung gegen westliche Politiker auf. Darunter sind auch europäische Regierungschefs abgebildet

 12.07.2026

Maskat

Oman meldet Drohnenangriffe nahe Straße von Hormus

Der Oman hat sich im Iran-Krieg um eine möglichst neutrale Haltung bemüht, wurde aber auch selbst zum Ziel von Angriffen. Jetzt meldet das Land neue Drohnenangriffe

 12.07.2026

Meinung

Reformprogramm der Bundesregierung: Auf schmalem Grat

Ein Sozialstaat, der Sicherheit verspricht und Misstrauen praktiziert, ist ein Signal für jene Kräfte, die von Angst und Spaltung leben

von Günter Jek  12.07.2026

Erfurt

Voigt: Gespräch über Simson-Sonderstatus mit der EU

Die auf eine jüdische Familie zurückgehenden Simson-Mopeds sind mehr als DDR-Nostalgie: Sie können mit Tempo 60 fahren und verheißen jungen Leuten Mobilität. Doch Reimporte müssen langsamer fahren. Worin das Problem liegt

 12.07.2026

München

Anne Applebaum: Darum sollten CDU und AfD nicht kooperieren

Die jüdische US-Historikerin befasst sich mit den Gefahren für demokratische Gesellschaften. Im Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« legt sie ihre Position zu Deutschland und Europa dar

 12.07.2026