Meinung

Jeder Einzelne ist verantwortlich

Thomas Walther Foto: dpa

Tausende SS-Männer töteten in Auschwitz oder waren als Helfer eingebunden in den Vernichtungsmoloch. Im Schatten der Generation, die in Politik und Justiz für faktische Straflosigkeit sorgte, machten es sich die Schergen jahrzehntelang bequem.

Die Prozesse von Lüneburg und Detmold zeigen, dass Überlebende der Schoa als tief beeindruckende Protagonisten gegen das Vergessen vor den Richtertisch treten und die Erkenntnis vermitteln: »Jeder trägt die ganze Verantwortung.« Ihre Rolle in dieser Phase des Justizwandels kann gar nicht hoch genug bewertet werden.

blaupause 70 Jahre nach Auschwitz wird deutlich, dass in der deutschen Justiz neben den Gedenktagen, -stätten und -steinen die »ganze« Verantwortung über Täter und Gehilfen nur vereinzelt erkannt wurde. Erfolge wurden gefeiert, Fehler jedoch wurden beschwiegen im lähmenden Mehltau der Juristensprache.

Spät wurde dann doch noch von »Einzelnen« die ganze Verantwortung übernommen: Gerichte in Lüneburg und Detmold fanden in den Prozessen gegen Gröning und Hanning deutliche Worte für die potemkinschen Konstrukte, mit denen sich Generationen juristischer Experten umgaben.

Bilanz für das vergangene Jahr können wir ziehen, wenn wir die Blaupausen von Lüneburg und Detmold auf den schändlichen Weg des Zafke-Verfahrens von Neubrandenburg legen. Keine Frage: Zweieinhalb Jahre destruktive Prozessführung lassen eine leichte Demenz Hubert Zafkes schließlich in die Verhandlungsunfähigkeit münden und verhindern Gerechtigkeit.

kaleidoskop
So zeigt sich – im Wahljahr 2017 besonders brisant – die Realität in unserem Land auch im Gerichtssaal von Neubrandenburg. Der Stellenwert von Urteilen über Auschwitz spiegelt sich dabei im Kaleidoskop unseres gespaltenen Landes: Am äußersten rechten Rand hatten die Leugner das Wort in Lüneburg und Detmold ergriffen; in Neubrandenburg blieben sie aus – aus gutem Grund sahen sie dort keinen Handlungsbedarf.

Die Tage bis Jom Kippur, dem Tag des Gerichts, gelten bei Juden als Anlass, das eigene Handeln zu überdenken. Meine Erkenntnis aus den Prozessen mündet in den Satz des Weiße-Rose-Mitglieds Willi Graf von 1942: »Jeder Einzelne trägt die ganze Verantwortung.«

Der Autor ist Anwalt und war Nebenklägervertreter in den Auschwitz-Prozessen in Lüneburg, Detmold und Neubrandenburg.

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026

Berlin

Merz fordert Ausreise bei Judenhass unter Muslimen

Bei einem Empfang jüdischer Sportler äußert sich der Kanzler deutlich zum Antisemitismus unter muslimischen Einwanderern

 07.11.2026

Iran-Krieg

Berichte: Explosionen in Gheschm und Dschask im Iran

Immer wieder gab es Spekulationen, dass die USA und Israel nach den Midterms erneut den Iran angreifen könnten. Die Ursache der Explosionen ist bisher unklar

 07.11.2026

Interview

Kann Israel ohne Amerikas Waffen bestehen?

Der Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold erklärt, was ein Ende der US-Militärhilfe für Israels Sicherheit bedeuten würde und wie sich das Verhältnis zu Washington in Zukunft entwickeln könnte

von Sabine Brandes  07.11.2026

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Interview

»Ich bezweifle, dass Claudia Roth es ernst meint mit dem Kampf gegen Antisemitismus«

JSUD-Präsident Ron Dekel geht mit der Grünen-Politikerin hart ins Gericht und wirft ihr vor, antisemitische Narrative salonfähig zu machen

von Michael Thaidigsmann  06.11.2026

Israelfeindliche Politikerin

Berliner Linke fordert Vanessa Emde zum Mandatsverzicht auf

Nach Wochen der Diskussion über den Umgang mit der direkt gewählten Abgeordneten, scheint die Parteispitze nun durchgreifen zu wollen

 06.11.2026

Vorwurf der Kampagne

Eklat um Claudia Roth: Nun reagiert der Zentralrat

Die Grünen-Politikerin bereut es, israelfeindliche Regisseure auf der Berlinale kritisiert zu haben und sieht die Schuld dafür beim Zentralrat der Juden

 06.11.2026

Berlin

Gregor Gysi für Rauswurf von Vanessa Emde

»Ich hoffe, dass wir sie ausschließen«, sagt Gysi über die wegen israelfeindlicher Aussagen umstrittene Abgeordnete

 06.11.2026