Interview

»Jede Form von Judenfeindschaft ist gefährlich«

Ausgewiesener Experte: Wolfgang Benz Foto: Marco Limberg

Interview

»Jede Form von Judenfeindschaft ist gefährlich«

Wolfgang Benz über die Zählebigkeit von Antisemitismus, Hass auf Israel und die Grenzen der Aufklärung

von Christian Böhme  03.11.2010 07:16 Uhr

Herr Benz, was ist Antisemitismus?
Der Oberbegriff für alle Formen von Feindschaft gegen Juden, weil sie Juden sind und als geschlossene Gruppe wahrgenommen werden.

Warum gehören Vorurteile gegenüber Juden weltweit und durch alle Zeiten hindurch zu den hartnäckigsten?
Weil sie zu den ältesten überhaupt gehören. Wenn etwas so eine lange Tradition hat wie der Antisemitismus, wenn schon der Urgroßvater, der Opa und der Vater davon überzeugt waren, dass Juden geldgierig sind und unseren Herrn Jesus ans Kreuz geschlagen haben, dann werden solche Einstellungen in den Familien über Generationen hinweg tradiert. Sie bleiben regelrecht haften.

Über mehr als 2.000 Jahre hinweg – wie ist das möglich?
Judenfeindliche Ressentiments werden nicht nur über die Familie weitergegeben. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein waren die Kirchen Träger des Antisemitismus. Dann kam die weitverbreitete, pseudowissenschaftliche Überzeugung auf, Juden seien eine Rasse. Konsensfähig ist der Hass auf diese Gruppe auch aus sozialpsychologischen Gründen: Die Mehrheit stabilisiert sich durch die Ausgrenzung einer Minderheit.

Das gemeinsame Feindbild verhilft zur Geschlossenheit?
Auf jeden Fall. Das ist ein ganz wesentlicher Mechanismus des Antisemitismus – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Alles, was böse scheint und Angst macht, wird auf die Außenseiter, die Juden, projiziert.

Aber warum ist es gerade die Minderheit der Juden, die als Sündenbock herhalten muss?
Vermutlich, weil es immer so war. Aber ich habe auch keine überzeugende Erklärung dafür, dass es immer Juden trifft. Denn prinzipiell kann man jede Minderheit in ähnlicher Weise stigmatisieren. Ein Feindbild beruht nun mal auf Emotionen. Und damit entzieht es sich einer rationalen Erklärung. Man muss immer wieder betonen: Nicht »der« Jude, sein angeblicher Charakter oder seine vermeintliche Einstellung sind Ursache für das Vorurteil. Vielmehr dient »der« Jude einer Mehrheit als Projektionsfläche für eigene Ängste, Verunsicherung und Hass.

Wir kennen aus der Vergangenheit viele Formen des Antisemitismus, bis hin zur Schoa. Wie äußert er sich heutzutage?
Man kann vier Phänomene unterscheiden. Da gibt es den religiösen Antijudaismus. Der ist hierzulande nicht besonders virulent, dafür aber umso mehr in Polen und der ehemaligen Sowjetunion. Dazu kommt der Rassen-Antisemitismus, dessen Siegeszug im 19. Jahrhundert begann und im Holocaust seinen schrecklichen Höhepunkt fand. Dann existiert ein sogenannter sekundärer Antisemitismus. Der ist aus dem Gefühl der Scham und der Schuld nach dem Völkermord geboren worden – nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz. Eine Judenfeindschaft, die sich an Wiedergutmachung und Restitution festmacht und sich dazu alter Stereotypen bedient. Nach dem Motto: Sogar aus ihrem Unglück machen die Juden noch ein Geschäft. In diesem Zusammenhang wird dann gerne von einer »Holocaust-Industrie« gefaselt. Und in jüngster Zeit ist noch eine weitere, derzeit wohl am stärksten vertretene Form des Antisemitismus hinzugekommen: die Feindschaft gegenüber Israel, der Antizionismus.
Ist Antisemitismus in Deutschland verbreiteter als in anderen Ländern?
Nein, denn Antisemitismus ist hier aus gutem Grund gesellschaftlich und politisch so geächtet wie sonst wohl nirgends auf der Welt. Außerdem gibt es noch den juristischen Aspekt. Wer in Deutschland den Holocaust leugnet oder Volksverhetzung betreibt, macht sich strafbar. Folglich sind die Leute vorsichtig.

Aber das heißt keinesfalls, dass sie nicht antisemitisch eingestellt sind.
Das stimmt. Jedoch äußern sie ihre Vorbehalte nicht in der Öffentlichkeit. Bei Meinungsumfragen sieht das anders aus. Da sagt man schon mal, was man denkt. Und diese Meinungsumfragen führen dann in der Regel zu relativ konstanten Ergebnissen.

Nämlich?
Durchschnittlich 20 Prozent der Bundesbürger hegen Vorurteile gegenüber Juden.

Aber es gibt Zeiten, zum Beispiel während wirtschaftlicher Krisen, in denen ein deutlicher Anstieg von Antisemitismus zu verzeichnen ist.
Trotz aller Ausschläge nach oben – etwa infolge von antisemitischen Übergriffen – ist das charakteristische Moment die Konstanz der 20 Prozent. Es wäre jedoch irreführend, sich dieses Fünftel der deutschen Bevölkerung als Hackebeilträger vorzustellen, das auf Judenjagd geht. Aber Vorbehalte gegen Juden gehören zum Weltbild dieser Menschen. Sie machen sie für ihre Sorgen und Nöte, Ängste und Befürchtungen verantwortlich. So findet Antisemitismus Eingang in den gesellschaftlichen Diskurs.

Zu diesem Diskurs gehört inzwischen auch, sich antizionistisch und antisemitisch gegenüber Israel zu äußern. In welcher Wechselwirkung stehen Judenfeindschaft und Nahostkonflikt?
Da Antisemitismus als offen zur Schau getragene Haltung hierzulande verpönt ist, muss man nach anderen Wegen suchen, um sein Unbehagen, seine Abscheu und seinen Hass äußern zu können. Der Nahostkonflikt dient dafür als Vehikel. Da kommt es dann zu solch dummen und gefährlichen Bemerkungen wie: Israel führe einen hemmungslosen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser. Das hat übrigens ein bekannter CDU-Politiker von sich gegeben.

Norbert Blüm.
Und der bleibt trotzig bei seiner Haltung. Blüm ist damit das Abbild des Spießers, der zornig die Faust ballt und ausspricht, was seine grundlegende Überzeugung ist. Er sieht gar nicht, in welche Ecke er Israel damit stellt. Um die Beweggründe solcher Argumentation zu erklären, bedarf es sicherlich eines Psychoanalytikers. Übrigens in diesem Zusammenhang auch sehr beliebt ist der Spruch: Was die Nazis den Juden angetan haben, machen die Juden jetzt mit den Arabern. An dieser Behauptung ist alles falsch, aber sie erweist sich als ungeheuer aufschlussreich. Denn es wird nicht gesagt, Israel tut Schlimmes, sondern »die« Juden. Damit ist die Gesamtheit aller Juden auf der Welt gemeint. So wird im Handumdrehen eine Gruppe kollektiv als rabiat, uneinsichtig und friedensstörend stigmatisiert. An diesem Punkt geht die Kritik an der Politik Israels in banalen Antisemitismus über.

Der Nahostkonflikt als verstärkender Katalysator für Antisemitismus: Heißt das im Umkehrschluss, Judenfeindschaft wird geringer, wenn in dieser Weltregion irgendwann einmal Frieden herrschen sollte?
Unwahrscheinlich. Antisemitismus ist nicht so leicht aus der Welt zu schaffen. Denken Sie nur an 1945 zurück. Nach der Befreiung hätte doch geschlussfolgert werden müssen: Wir haben gesehen, dass aus einem Vorurteil Völkermord werden kann. Doch das war keineswegs der Fall. In Dachau musste die US-Armee gleich nach dem Krieg einen jüdischen Gottesdienst schützen, weil Polen aus dem Nachbarblock diese religiöse Feier stören wollten.

Sie und Ihr Institut haben sich zunehmend auch der Islamfeindlichkeit zugewandt. Was waren Ihre Beweggründe?
Der Anti-Islamismus ist keineswegs in den Mittelpunkt der Arbeit des Zentrums für Antisemitismusforschung gerückt. Ich habe eher beiläufig vor zwei Jahren darauf hin- gewiesen, dass es in Methode und Argumentation der Ausgrenzung von Muslimen strukturelle Ähnlichkeiten zwischen Antisemitismus und Anti-Islamismus gibt. Daraufhin bin ich mit Kampagnen überzogen worden, die aller Welt vor Augen führen sollten, dass mich Juden nicht mehr interessieren würden, sondern nur noch Muslime. Das ist Unsinn. Unsere Hauptaufmerksamkeit gilt weiterhin dem Antisemitismus. Davon zeugen allein schon die zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema, zum Beispiel das mehrbändige »Handbuch des Antisemitismus«. Das soll uns erst einmal einer nachmachen.

Ihnen wird vorgeworfen, Sie setzten Antisemitismus und Anti-Islamismus gleich.
Ich habe niemals etwas gleichgesetzt. Das kann man auch gar nicht, weil es nichts gleichzusetzen gibt. Dieser Vorwurf zielt allein darauf, von den eigentlichen Leistungen des Zentrums abzulenken.

Aber verwässern Sie nicht Ihren eigentlichen Auftrag, Judenfeindschaft zu untersuchen, wenn Sie auch die Islamfeindlichkeit in den Blick nehmen?
Überhaupt nicht. Was ist denn die Aufgabe des Instituts? Beim Zentrum für Antisemitismusforschung handelt es sich um eine Institution der Wissenschaft an der Technischen Universität Berlin. Wir sind der Wahrheit verpflichtet und sonst niemandem. Und wir arbeiten in der gleichen Art und Weise, wie es bereits der Gründer, Herbert A. Strauss, vorgegeben hat, der sich von jeher für andere Minderheiten und ihre Ausgrenzung interessierte, etwa die der Sinti und Roma. Muslime spielten in diesem Zusammenhang auch eine Rolle. Nicht zuletzt setzen wir uns seit Jahren mit muslimischem Antisemitismus und seiner Verbreitung auseinander.

Welches Ausmaß hat muslimische Judenfeindschaft?
Das wissen wir leider nicht so genau. Aber das muss dringend geklärt werden. Alle reden zu Recht von einem massiven Problem, aber dessen Dimension kennt keiner. Zum Glück steht inzwischen eine neue Forschergeneration bereit, die sowohl sehr gute Deutschkenntnisse besitzt als auch Türkisch und Arabisch spricht. Das wird uns helfen zu erfahren, was in Familien mit Migrationshintergrund und in Schulen vor sich geht.

Auch wenn es noch kein ausreichendes empirisches Material gibt: Wie gefährlich ist dieser Antisemitismus?
Jede Form von Judenfeindschaft ist gefährlich. Nur zeichnet den muslimischen Antisemitismus eine deutlich höhere Aktionsbereitschaft aus. Und zwar, weil es einen ge- eigneten Feind gibt: Israel. Diese Einstellung halte ich nicht nur für weit verbreitet, sondern auch für sehr besorgniserregend. Man muss nur bedenken, wie populär die antisemitischen »Protokolle der Weisen von Zion« in der arabischen Welt sind. Und die haben ja nichts mit der aktuellen Politik Jerusalems zu tun. Hier wird der Hass auf Israel in klassischen Judenhass umgewandelt. Diese Melange aus Feindbildern hat ihren Siegeszug angetreten.

Müssen wir uns damit abfinden, dass es Antisemitismus immer geben wird?
Ich bin Historiker, kein Prophet. Aber 20 Jahre an der Spitze des Zentrums haben mich gelehrt, dass Antisemitismus sehr zählebig und unvorstellbar resistent gegenüber jeglicher Form von Aufklärung ist.

Das Gespräch führte Christian Böhme.

Wolfgang Benz leitet seit 20 Jahren das renommierte Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universtität Berlin. Am 21. Oktober 2010 wurde der 69-jährige Historiker emeritiert, er wird jedoch voraussichtlich noch bis März 2011 im Amt bleiben. Benz ist Autor zahlreicher Standardwerke über Judenfeindschaft. Er gilt zudem als Fachmann für die Geschichte der frühen Bundesrepublik. www.tu-berlin.de/zfa

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