Loay Alshareef gilt als eine der führenden arabischen Stimmen im interreligiösen Dialog. Mit mehr als 800.000 Followern in den sozialen Medien inspiriert er durch seine mehrsprachigen Beiträge Menschen weltweit und versucht, Wege zum gegenseitigen Verständnis zu eröffnen. Er wurde in Saudi-Arabien geboren und lebt heute in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Seine Mission, die ihn um die ganze Welt führt, ist der Wunsch nach einem Zusammenleben von Juden und Muslimen – kein »kalter Friede«, wie er es ausdrückt, sondern enge Beziehungen, getragen von Verständnis, Neugierde und Sympathie.
Herr Alshareef, in Ihrer Jugend waren Sie sehr kritisch gegenüber Israel und Juden. Was hat Sie damals geprägt – und was hat Sie später zum Umdenken gebracht?
Geprägt wurde ich vor allem durch die Schule, nicht durch meine Familie. In vielen arabischen Ländern war der Schulunterricht damals sehr israelfeindlich und antijüdisch. Was mein Denken verändert hat, war eine persönliche Begegnung: Ich hatte bis zu meinem 27. Lebensjahr noch nie einen Juden getroffen. Zum ersten Mal traf ich im Jahr 2010 Juden – das hat mein Weltbild verändert. Ich lebte dann einige Monate in Frankreich mit einer jüdischen Familie zusammen und lernte vieles, was ich zuvor nicht wusste.
Sie haben erkannt, dass Juden ganz normale Menschen sind?
Natürlich – aber nicht nur das. Es gibt gute und schlechte Juden, gute und schlechte Christen, gute und schlechte Muslime. Ich habe die jüdische Tradition aus nächster Nähe erlebt und gesehen, wie ähnlich wir uns sind. Mit der Familie führte ich viele intellektuelle Gespräche. Dabei wurde mir klar, dass ich von manchen islamischen Gelehrten in die Irre geführt worden war.
Heute bezeichnen Sie sich als Freund Israels, ja sogar als Zionist. Wie haben Sie den Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 erlebt?
Für mich war dieser Tag ein Test: Würde ich schweigen oder zu dem stehen, woran ich glaube? Viele Araber jubelten damals, weil sie dachten, Israel werde besiegt. Ich fragte mich: Habe ich mich wirklich verändert? Und die Antwort war: Ja. Deshalb musste ich mich äußern. Wenn man selbst eine tiefgreifende Veränderung durchgemacht hat, fühlt man sich verpflichtet, auch andere zum Nachdenken zu bringen – durch Wissen, nicht durch Zwang oder Missionierung. Ich bin überzeugt: Israels Sache ist gerecht, sie muss nur besser erklärt werden.
Wie hat Ihr Umfeld reagiert?
Ich habe Freunde verloren. In meiner Familie war klar, welchen Weg ich gehe, seit ich 2010 aus Frankreich zurückkam – da gab es keine Kompromisse. Aber einige Freunde wollten nichts mehr mit mir zu tun haben.
Haben Sie neue Freunde gefunden?
Ja, viele. Nicht nur Juden, auch Christen, Atheisten, westliche Intellektuelle, sogar Linke oder Nationalisten, die meine Argumente vernünftig finden. Ich betreibe keine Hetze – weder gegen Palästinenser noch gegen andere. Mein Gegner ist nicht das palästinensische Volk, sondern Hamas und der radikale Islamismus.
Wie wirken sich die sogenannten Abraham-Abkommen auf das Denken in der arabischen Welt aus, besonders im Hinblick auf Antisemitismus und politische Bildung?
Sie haben vieles verändert, vor allem den Begriff von Frieden. Als Ägypten und Jordanien Frieden mit Israel schlossen, war das ein Vertrag zwischen Regierungen, nicht zwischen Menschen. Die Abraham-Abkommen haben das verändert: Menschen reisen, arbeiten, investieren, essen gemeinsam, feiern Schabbat. Emiratis, Israelis, Bahrainer – sie kommen zusammen. Noch ist das alles jung, fünf Jahre erst, aber ich glaube, es wird wachsen, mit Gottes Hilfe und einer starken amerikanischen Führung, wie wir sie jetzt haben.
Sie sagen, die Region könne durch diese Kooperation wirtschaftlich und technologisch viel stärker werden.
Absolut. Der Konflikt hat die Region jahrzehntelang geschwächt. Jetzt gilt es, die Abraham-Abkommen zu vertiefen. Ihr Gedanke ist einfach: Wir sind die Kinder Abrahams. Juden gehören ebenso in den Nahen Osten wie Araber. Israel ist kein koloniales Projekt, sondern 3000 Jahre alt – und 77 Jahre jung. Das ist die Idee: dass die Kinder Abrahams gemeinsam in Frieden leben und gedeihen.
Sie haben gesagt, die Abkommen seien nicht nur ein Zeichen der Normalisierung, sondern ein Modell für eine neue Weltordnung. Was meinen Sie damit?
Die Abraham-Abkommen sind längst keine rein arabisch-israelischen Friedensverträge mehr, sondern muslimisch-jüdische. Seit Kasachstan beigetreten ist – ein nicht-arabisches Land –, haben sie eine globale Dimension. Das öffnet Türen für andere muslimische Staaten. Sie sind also kein exklusiv arabisches Projekt mehr.
Zum Beispiel Indonesien?
Ich hoffe es. Indonesien, Dagestan, Aserbaidschan – oder andere Länder, die früher zur Sowjetunion gehörten.
Sehen Sie in der technischen Zusammenarbeit zwischen arabischen Staaten und Israel einen Weg zu regionaler Emanzipation? Was müsste geschehen, um die bisherigen Fortschritte zu sichern?
Bildung ist entscheidend – und der politische Wille, sich mit Israel wirklich auszusöhnen. Solange man Israel als fremdes, koloniales Gebilde betrachtet, wird es keinen echten Frieden geben.
Wann, glauben Sie, wird Ihr Heimatland Saudi-Arabien seine Beziehungen zu Israel normalisieren?
Der Kronprinz ist ein mutiger Mann, aber er steht unter enormem Druck. Er ist der Hüter der heiligen Stätten – sein Spielraum ist begrenzt. Ich will nicht, dass ihm dasselbe passiert wie Anwar Sadat. Ja, ich wünsche mir, dass Saudi-Arabien den Abraham-Abkommen beitritt, aber ohne Risiko für sein Leben. Deshalb braucht es gewisse Zugeständnisse an die Palästinenser – nicht unbedingt einen eigenen Staat, das ist inzwischen unrealistisch. Es braucht andere Lösungen, etwa das Modell der United Palestinian Emirates, das Mordechai Kedar vorgeschlagen hat, oder eine Konföderation bestimmter Gebiete mit Israel. Ein Staat wäre im Jahr 2000, beim Barak-Clinton-Plan, möglich gewesen – diese Chance ist vorbei. Ich wünsche mir, dass Saudi-Arabien Frieden schließt, aber dass dieser Frieden echt ist, wie zwischen Israel und den Emiraten – nicht kalt wie mit Ägypten oder Jordanien. Und ich bete, dass Gott dem Kronprinzen Kraft und Weisheit gibt.
Sie sprechen offen über Themen, die in Teilen der arabischen Welt sehr sensibel sind. Bekommen Sie dadurch Schwierigkeiten?
Natürlich. Ich spreche hauptsächlich für ein englischsprachiges Publikum, aber ich füge arabische Untertitel hinzu, damit auch Araber zuhören können. Das bringt Ärger – in vielen Ländern könnte ich nicht öffentlich auftreten. Doch es öffnen sich andere Türen: Ich war zuletzt in Deutschland, Lettland, Estland, den Niederlanden, Polen, Italien, Kanada, den USA – bald in Schweden. Manche Türen schließen sich, aber neue Fenster gehen auf. Ich versuche, mich auf die Chancen zu konzentrieren, nicht auf das, was verloren ist.
Sie waren auch auf einer Tour an Universitäten in den USA. Wie war die Resonanz?
Meistens positiv, aber manche Orte waren schwierig – etwa die Universität von Rhode Island, die Columbia University oder die University of California. Aber im Großen und Ganzen war das Interesse groß. Ich finde: Amerika sollte die Stimmen aus dem Nahen Osten hören.
Und die Studierenden wollen das hören?
Ich wünsche es mir.
Mit dem saudischen Historiker, Friedensaktivisten und Influencer sprach Stefan Laurin.