Mobilität

In Tel Aviv rollt’s

Auf einmal waren die Roller da. Inzwischen gehören sie wie selbstverständlich zum Stadtbild der Mittelmeermetropole. Foto: Flash90

Auf einmal waren sie da: Bird, Wind, Lime, Leo. Überall, an jeder Straßenecke, an jeder Wiese, an Bäumen, am Strand. Einfach da. Die E-Scooter der großen internationalen Start-ups. Tel Aviv ist voll von ihnen, es werden immer mehr. Und das ist gut so. Denn sie werden genutzt und gebraucht. In der gesamten Stadt sieht man Alte und Junge mit diesen praktischen Rollern durch die Gegend flitzen, vorbei am ewigen Stau, ohne Parkplatzsorgen. Einfach App herunterladen, gucken, wo ein Scooter frei ist, und los geht’s. Bezahlt wird automatisch per Kreditkarte über die App.

Sie waren auf einmal einfach da. Und gehören inzwischen wie selbstverständlich zum Stadtbild Tel Avivs. Ein paar Grundregeln wurden ausgegeben: Man darf auf Fahrradwegen fahren, ansonsten muss man auf die Straße, man sollte einen Helm tragen. Das war’s. Mehr nicht. Und siehe da: Es funktioniert.

gesetz Und da ja jede Regel oder jedes Gesetz in Israel lediglich als »Empfehlung« verstanden wird, fährt jeder einfach so, wie er will. Gegen die Fahrtrichtung, auf dem Bürgersteig, mit oder ohne Helm, wie auch immer. Stört’s irgend jemand? Nein. Gab es schon Unfälle? Natürlich. So wie es Unfälle auch als Fußgänger, Fahrradfahrer, Motorrad- oder Autofahrer gibt. Ist so, gehört quasi dazu, wenn man am Verkehr teilnimmt.

Der Umgang mit den Scootern ist typisch für die israelische Mentalität.

Der Umgang mit den Scootern ist typisch für die israelische Mentalität. Es gibt was Neues? Noch dazu etwas Technologisch-Start-upisches? Her damit. Prima. Ausprobieren. Wenn’s funktioniert, dann bleibt’s auch.

Und in Deutschland? In Bamberg hat man sich für eine »Testphase« entschieden, um zu sehen, wie viele Probleme die Scooter machen. Ob sie, geparkt auf den Gehwegen, etwa die Fußgänger »behindern«, ob sie eine große Gefahr sind für die User, wie die Unfall-Statistik aussieht, wie schnell sie fahren dürfen, welche Helme man tragen muss – und so weiter und so fort.

bundesrat Der Bundesrat berät am Freitag über die geplante Zulassung von E-Scootern im Straßenverkehr. Die Ausschüsse fordern, die Zustimmung nur unter der Bedingung zu erteilen, dass die Roller nicht auf Gehwegen fahren dürfen.

Die Stadt Frankfurt warnte vor »erheblichem Konfliktpotenzial«, wenn die Scooter eingesetzt würden. Die Stadt sei außerdem »zu eng«, um noch ein Verkehrsmittel aufzunehmen. Wer immer in Frankfurt diese Parole ausgegeben hat, war wohl noch nie in Tel Aviv. Frankfurt ist eine »enge« Stadt? Na, alles ist relativ.

Vielleicht ist »the Israeli Way of Life« fröhlicher, bunter, spannender als der deutsche.

Wenn ich israelischen Freunden von dem deutschen Vorgehen in Sachen Roller erzähle, schauen sie mich verblüfft an und beginnen zu lachen. »Haben die Deutschen sonst keine Probleme?«, sie schütteln ungläubig den Kopf.

Manche aber sagen: »Ja, so sind sie. Aber darum ist bei den Deutschen auch Ordnung überall, nicht dieser Balagan wie bei uns.« Aber die Wahrheit ist: So sehr viele Israelis diese deutsche (Ver-)Ordnungsliebe bewundern, sie würden damit nicht leben können, dazu sind sie viel zu anarchisch.

mentalität Ist dies also ein gutes Beispiel für »israelische« und »deutsche« Mentalität? Ja, ganz gewiss. Aber – wie immer in solchen Fällen – hier kommen auch Klischees zum Tragen. Denn trotz des deutschen Regulierungswahns ist die Bundesrepublik des Jahres 2019 längst nicht mehr so perfekt, wie man glauben möchte.

Das Stichwort Deutsche Bahn sollte genügen, um klarzumachen, was gemeint ist. Und in Israel gibt es durchaus Gesetzesauflagen im Stadtverkehr, die von der örtlichen Polizei sehr viel strenger kontrolliert und überwacht werden als in Deutschland.

Dennoch kommt man nicht um dieses grundsätzliche Lebensgefühl herum, das in beiden Ländern herrscht. In Israel ist alles und immer Improvisation, Flexibilität, angetrieben von der (Überlebens-)Notwendigkeit, »out of the box« zu denken, was vielen bereits in der Armee beigebracht wird, sich dann später im Berufsleben fortsetzt und den Erfolg der israelischen Wirtschaft ausmacht.

In Deutschland dagegen waren lange Zeit Tradition, Festhalten am Erprobten, die Sicherheit des Bekannten die Garanten für Wohlstand.

In Deutschland dagegen waren lange Zeit Tradition, Festhalten am Erprobten, die Sicherheit des Bekannten die Garanten für Wohlstand. Fortschritt war das Ergebnis einer Evolution, nicht einer Revolution wie im Hightech-Hub Israel.

wettbewerb Natürlich sind die Dinge in Deutschland längst im Fluss. Man weiß, dass man sich verändern muss, wenn man im internationalen Wettbewerb noch mithalten möchte. Aber es ist keine Frage: Deutsche tun sich da schwerer als Israelis, nicht zuletzt auch deshalb, weil man persönliche, existenzielle Sicherheit haben will und deswegen häufig weniger risikofreudig ist als gleichaltrige junge Israelis, die spätestens nach dem Militärdienst wissen, dass es keine Sicherheiten gibt.

Ist das eine gut und das andere schlecht? Natürlich nicht. Vielleicht ist »the Israeli Way of Life« fröhlicher, bunter, spannender als der deutsche. Aber auch das muss jeder für sich entscheiden, und verallgemeinern kann man auch diese Einschätzung nicht.

Wer langfristig besser fahren wird mit der jeweils eigenen Lebenseinstellung? Nun, da würde ich mir schon eine Prognose zutrauen. Aber die verrate ich hier natürlich nicht. So – und jetzt muss ich los. Mit dem E-Scooter natürlich!

Der Verfasser ist Editor at Large bei der ARD, Buchautor und Publizist.

www.richard-c-schneider.com/schneiders-blog

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