Interview

»In der Vielfalt bereichernd«

Christian Wulff Foto: Jesco Denzel / BPA

Interview

»In der Vielfalt bereichernd«

Christian Wulff über den Leo-Baeck-Preis und das Engagement für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland

von Detlef David Kauschke  14.11.2011 18:12 Uhr

Herr Bundespräsident, Sie erhalten in diesem Jahr den Leo-Baeck-Preis. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Den Leo-Baeck-Preis empfinde ich als ein großes Geschenk und als einen außerordentlichen Vertrauensbeweis. Der Preis ist mir Freude und Ermutigung, Ansporn und Verpflichtung. Leo Baeck war ein Mensch, der sich sehr für die Verständigung zwischen Juden und Christen eingesetzt hat. Dies liegt mir am Herzen, auch, um unserer geschichtlichen Verantwortung gerecht zu werden.

In der Preisbegründung wird Ihr von »tiefer Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft« getragenes Engagement gewürdigt. Woraus resultiert diese Empathie?
Mich hat in jungen Jahren die bedrückende Erfahrung eines Anschlags auf die Synagoge meiner Heimatstadt Osnabrück geprägt. Ich habe damals ganz persönlich erfahren, dass es in Deutschland leider immer noch antisemitische Strömungen gibt. Ich habe aber auch gelernt, dass wir uns dagegen mit öffentlicher Aufmerksamkeit und Solidarität behaupten können. Auch jetzt als Bundespräsident ist mir Aufmerksamkeit für die gesamte jüdische Gemeinschaft unseres Landes wichtig.

Welche Rolle spielt die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik heute?
Es ist wunderbar zu sehen, dass das jüdische Leben in Deutschland wieder erstarkt, dass es zunehmend bunter und vielfältiger wird. Die jüdischen Gemeinden wachsen, stehen aber ebenso wie die christlichen Kirchen vor den Herausforderungen der modernen, säkularen Gesellschaft, die demografischen Änderungsprozessen unterworfen ist. Gerade durch die Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist der Umfang der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten auf über 100.000 Mitglieder angewachsen. Durch die engagierten Anstrengungen, die gerade im Bereich der Integration der neuen Gemeindemitglieder unternommen werden, geschieht hier Vorbildliches, das unsere Gesellschaft in ihrer Vielfalt bereichert.

Welche Bedeutung kommt dabei der jüdischen Bildung in Schulen, Universitäten und Rabbinerseminaren zu?
Bildung ist das Kapital unserer Gesellschaft. Deshalb ist es gut, dass an Schulen, Universitäten und Rabbinerseminaren auch das Judentum mit seinem Wissen, seiner Kultur und Tradition den Bildungskanon in unserem Land ergänzt und prägt. Dafür sind wir dankbar.

Wie bewerten Sie das sich hier in den unterschiedlichen Strömungen – progressiv, liberal, konservativ und orthodox – entwickelnde jüdische Leben?
Die verschiedenen Denominationen des Judentums spiegeln die Vielfalt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft wieder. Angesichts der dynamischen Entwicklung ist es gut, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland die verantwortungsvolle Aufgabe wahrnimmt, die große Vielfalt der jüdischen Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit zu vertreten.

Jüdisches Leben ist stets auch von Fremdenhass und Antisemitismus begleitet. Wie schätzen Sie diese Bedrohung ein?
Fremdenhass und Antisemitismus sind ernst zu nehmende Probleme, die genau beobachtet und an ihrer Wurzel bekämpft werden müssen. Unsere Geschichte erlegt uns, auch den Nachgeborenen wie mir, besondere Verantwortung auf. Sie verpflichtet uns, die Erinnerung wachzuhalten und sie an Nachkommende weiterzugeben, entschieden gegen Antisemitismus und jede Form von Intoleranz vorzugehen. Da gibt es sehr viele ermutigende Aktivitäten.

Sie stehen für ein Deutschland, »das in der Gegenwart angekommen ist, seine Geschichte nicht vergisst«, hat Zentralratspräsident Dieter Graumann in der Preisbegründung formuliert. Wie können die Lehren aus der deutschen Vergangenheit der Generation der Zukunft am besten vermittelt werden?
Am Holocaust-Gedenktag habe ich das Konzentrationslager Auschwitz besucht. Ich bin dankbar, dass ich das gemeinsam mit Überlebenden der Shoah und mit Dieter Graumann tun konnte. Dort sagte ich bei der Gedenkfeier anlässlich des 61. Jahrestages der Befreiung: »Wir dürfen nie wieder zulassen, dass jemals wieder solche Verbrechen geschehen. Und wir müssen die Erinnerung ewig wach halten. Denn das Wissen um das geschehene Grauen, die Erkenntnis dessen, was Menschen fähig waren, anderen Menschen anzutun, sind Mahnung und Verpflichtung für die gegenwärtigen und kommenden Generationen, die Würde des Menschen unter allen Umständen zu wahren…«. Bildung und Aufklärung, Museen und Gedenkstätten, wie auch Gesten der Völkerverständigung sind wichtige Bausteine, die Lehren aus der deutschen Vergangenheit der Generation der Zukunft am besten zu vermitteln. Die Verständigung zwischen jungen Menschen aus Deutschland und Israel liegt mir dabei besonders am Herzen. Sie ist die unverzichtbare Grundlage für die gemeinsame Zukunft der einzigartigen Beziehungen, die Deutschland und Israel verbindet. Darum hat mich auf meiner Reise nach Israel zu Beginn meiner Amtszeit auch eine Jugenddelegation und meiner Tochter Annalena begleitet. Damit wollte ich ein Zeichen setzen, dass die besondere deutsche Verantwortung aus der Shoah eine Aufgabe ist, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Der deutsch-israelische Jugendaustausch ist eine Erfolgsgeschichte. Ich habe mich sehr gefreut, dass wir vor wenigen Tagen das 10-jährige Bestehen von ConAct, dem Koordinierungsbüro für den deutsch-israelischen Jugendaustausch, in meinem Amtssitz Schloss Bellevue, feiern konnten.

Mit dem Bundespräsidenten sprach Detlef David Kauschke.

Essay

Der 7. Oktober und das Ungeheuer

Damals ist das Ungeheuer namens Judenhass neu ausgebrochen und wütet seitdem mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen. Sein Appetit ist ungebrochen und es wird täglich gefüttert

von Esther Schapira  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026

Berlin

Mittel gegen Antisemitismus in Millionenhöhe bleiben liegen

Vor allem wegen der Nachwirkungen der »Fördergeldaffäre« konnten viele Gelder nicht mehr abgerufen werden. Projekte wurden aber auch strenger geprüft

 06.10.2026

Dritter Jahrestag des Terrorangriffs

Drei Jahre nach den Hamas-Massakern: Gedenkveranstaltungen in Berlin

Der Opfer des 7. Oktobers 2023 wird gedacht. Welche Kundgebungen sind geplant?

von Imanuel Marcus  06.10.2026

Meinung

Wenn Empörung den Blick verstellt

Eine Replik an Wolf Biermann

von Sacha Stawski  06.10.2026

Gesellschaft

Wadephul: Anstieg des Antisemitismus »katastrophale Fehlentwicklung«

Zugleich betonte er, dass Kritik an der israelischen Regierung weiter möglich sein müsse

 06.10.2026

Berlin

Israelis selbst schuld an Empathielosigkeit? SPD-Politiker in der Kritik

Der Sozialdemokrat Lars Castellucci machte am Samstag mit einem X-Post zum versuchten Anschlag auf ein Flugzeug mit israelischen Passagieren von sich reden. Viele sehen darin eine Täter-Opfer-Umkehrung

 05.10.2026

Berlin

Auswärtiges Amt kritisiert Menschenrechtsbeauftragten

In einer Reaktion auf einen X-Post von Bundesbildungsministerin Prien im Zusammenhang mit dem Flydubai-Flug nennt Lars Castellucci Israels Regierung rechtsradikal. Außenminister Wadephul reagiert

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Gutachten

Hessischer Gesetzentwurf zur Leugnung des Existenzrechts Israels verfassungskonform

Hessens Justizminister Christian Heinz: »Wir brauchen dringend eine gesetzliche Regelung.« Zentralratspräsident Josef Schuster: Die Politik steht in der Pflicht, dem Antisemitismus in seinem neuen Gewand Einhalt zu gebieten

 05.10.2026