Fürstenfeldbruck

»Ich will den Toten Respekt zollen«

Er sei mit sehr gemischten Gefühlen nach Deutschland gekommen, meint Shaul Ladany. Der kleine Mann mit der großen Brille steht etwas abseits der rund 600 Ehrengäste, die an diesem Mittwochnachmittag der Trauerfeier auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck beiwohnen. »Es fällt mir nicht so leicht mit all diesen Erinnerungen. Aber ich will den Toten meinen Respekt zollen«, sagt der 76-jährige Israeli, der bei dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München 1972 ebenfalls fast sein Leben verloren hätte. Ladany entging damals nur knapp der Geiselnahme.

Auf den Tag genau 40 Jahre später steht er nun hier, wo das Attentat sein blutiges Ende fand. In dunkelblauer Sportjacke, mit offenem hellblauen Hemd und schwarzen Turnschuhen. Er ist und war Sportler. Damals, 1972, als olympischer Geher und auch heute noch als Aktiver. Jeden Tag legt der Israeli noch mehrere Kilometer zurück. Langstrecke ist seine Distanz. So hat er auch genügend Ausdauer, der zweieinhalbstündigen Gedenkfeier und den acht Reden zu folgen.

Zuvor hat er aber noch etwas Zeit, sich die kleine Ausstellung über den Anschlag und die Geiselnahme anzuschauen. Er sieht die Fotos seiner Kameraden, die historischen Zeitungsberichte, das Bild der beiden ausgebrannten Hubschrauber. Das alles in unmittelbarer Nähe des Ortes, an dem der nächtliche Befreiungsversuch so grausam endete.

seelengedenken Genau dort, wo damals neun Männer starben, steht auch die große Bühne, auf der der Münchner Rabbiner Arie Folger das Seelengedenken »El Mole Rachamim« spricht, während die Angehörigen der Opfer Kerzen entzünden. Die Namen der elf ermordeten Israelis werden genannt: David Berger, Seew Friedman, Josef Gutfreund, Elieser Halfin, Josef Romano, Amitzur Shapira, Kehat Shor, Mark Slavin, André Spitzer, Jakov Springer, Mosche Weinberg.

Shaul Ladany verfolgt das Geschehen mit ernster Miene, blickt kurz auf die weiße Rose, die er am Revers trägt. Er hat zum Gebet eine Kopfbedeckung aufgesetzt, eine beigefarbene Mütze. Danach hört er, wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer von »Schrecken, Schmerz und Trauer« angesichts des tragischen Ereignisses spricht. Seehofer kündigt an, dass Bayern den Opfern ein bleibendes Erinnern widmen will. Man werde eine Gedenkstätte einrichten, in der die menschliche Dimension des Geschehens dokumentiert werden soll. In der kommenden Woche wolle er der Opfer auch persönlich in Israel gedenken.

Israels Vizepremier Silvan Schalom spricht von einem der tragischsten Momente, den der damals noch junge jüdische Staat erlebte. Seit diesen 40 Jahren habe sein Land immer wieder Folgen weiteren Terrors ertragen müssen. Inzwischen habe die gesamte Welt ihre eigenen Erfahrungen damit gemacht und darauf reagiert. Das Gleiche müsse nun in Bezug auf den Iran geschehen, der Terror auf der gesamten Welt verbreite und den Holocaust leugne. »Darauf muss die Welt mit Strenge und Kraft reagieren«, fordert Schalom.

schutzverpflichtung Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich erinnert daran, dass am 5. September 1972 »die ungetrübte Freude unseres Landes und der Welt an den Olympischen Spielen in München« endete. Er sei zwar erst 15 Jahre alt gewesen, könne sich aber noch heute an die Gedanken von damals erinnern: »Ausgerechnet wir, die wir eine besondere Schutzverpflichtung für Israel hatten und haben. Ausgerechnet wir konnten die israelischen Sportler nicht schützen.«

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, übte in seiner Ansprache scharfe Kritik an den Behörden und Sportfunktionären von 1972: »Bei den Sicherheitsbehörden von damals offenbarte sich hier ein desaströser Dilettantismus, wie man ihn sich niemals vorgestellt hätte.« Auch heute sei er immer noch voller Trauer, Wut und Zorn über das Geschehen. Außerdem werde er den damaligen Sportfunktionären niemals vergeben, sagte Graumann. Sie hätten damals deutlich gemacht, »dass das bloße Spiel nun mal wichtiger war als das Leben von Juden«.

Im Namen der Angehörigen berichtet Ankie Spitzer, wie sich vor 40 Jahren ihr Leben für immer geändert hatte. »Mit großer Trauer und schwerem Herzen stehe ich hier vor Ihnen«, sagte sie. Die Witwe des Fechttrainers André Spitzer erzählte, wie sie sich damals, nur 26 Jahre alt, unmittelbar nach dem Massaker am Ort des Geschehens schwor: »Ich werde niemals aufhören, davon zu erzählen.« Ankie Spitzer forderte von den deutschen Behörden, endlich alle Unterlagen zugänglich zu machen und erneut Untersuchungen anzustellen: »Wir müssen wissen, wer verantwortlich war.«

Shaul Ladany ist nicht in jedem Punkt ihrer Meinung, wie er später einräumt. »Es wurde viel Politisches gesagt, das hier wohl nicht hingehört.« Außerdem sei es seiner Ansicht nach eine etwas zu lange Zeremonie gewesen. »Aber es war gut und wichtig, dass sie stattfand.« Dann nimmt sich Ladany einen Stein und legt ihn am Rand der Bühne ab, neben die Kerzen und Blumen. »Eigentlich macht man das ja nur an Gräbern. Aber es ist hier eine wichtige Geste.« Eine Geste des Erinnerns.

Interview

»Als Nichtjude etwas beitragen«

Michael Roth (SPD) über einen Pin gegen Antisemitismus, hasserfüllte Kommentare und Rückhalt

von Sophie Albers Ben Chamo  24.05.2026

Kiev

Israelischer Unternehmer klagt gegen Selenskyj

Timur Mindich reicht Klage gegen ein Präsidialdekret ein, mit dem persönliche Sanktionen gegen ihn verhängt worden waren

 21.05.2026

Sachsen-Anhalt

Szenario: Gegängelte Bildung, mehr rechte Gewalt mit AfD-Regierung

Laut Umfragen könnte die AfD im September in Sachsen-Anhalt an die Regierung kommen. Was das für Auswirkungen hätte, hat die Amadeu Antonio Stiftung skizziert

von Lukas Philippi  21.05.2026

Meinung

Iranischer Staatsterror: Zeit zu handeln, Herr Bundeskanzler!

Die Islamische Revolutionsgarde des Iran wollte den Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft zufolge Josef Schuster und Volker Beck ermorden lassen. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben

von Michael Thaidigsmann  21.05.2026

Berlin

Zentralrat der Juden distanziert sich von Itamar Ben-Gvir

Ein Video des rechtsextremen israelischen Ministers sorgt weltweit für Empörung. Auch die Vertretung der Juden in Deutschland äußert sich

 21.05.2026

Hamburg

Teheraner Regime soll Ermordung von Josef Schuster geplant haben

Das iranische Mord-Komplott richtete sich auch gegen den Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck

 21.05.2026 Aktualisiert

Berlin

Zentralrat startet Initiative gegen Antisemitismus im Fußball

Slogans wie »Aus Liebe zum Spiel. Gegen Antisemitismus« sowie »Mitfiebern. Gegen Antisemitismus« sollen zum DFB-Pokalfinale auf digitalen Werbetafeln zu sehen sein

 21.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Nahost

Strategische Oberhand

War der Krieg gegen das iranische Regime ein Fehlschlag? Eine Analyse

von Michael Wolffsohn  21.05.2026