Lange hatte er sich Zeit gelassen – und dann fing sich Alexander Dobrindt (CSU) noch eine Absage ein. Seit Anfang des Jahres wusste der Bundesinnenminister, dass im August das Amt des Bundesbeauftragten für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus vakant werden würde. Der Diplomat Felix Klein wurde nämlich zum neuen deutschen Botschafter bei der OECD in Paris berufen. Klein war der erste Antisemitismusbeauftragte auf Bundesebene.
Für seine Nachfolge kursierten lange die Namen mehrerer Männer. Einer davon war Andreas Franck. Im August entschied Dobrindt sich schließlich für den Münchner Oberstaatsanwalt als neuen Beauftragten. Seit 2021 koordiniert Franck die Anstrengungen der bayerischen Justiz im Kampf gegen Judenhass. Und die neue Aufgabe in Berlin hätte ihn gereizt. Doch aus seinem Wechsel an die Spree wurde nichts. Franck sagte Dobrindt wieder ab - es gab dem Vernehmen nach Unstimmigkeiten über beamtenrechtliche Fragen.
Wieder gingen mehrere Wochen ins Land. Christoph de Vries, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Hamburg und parlamentarischer Staatssekretär bei Dobrindt, übernahm das Amt kommissarisch. Vergangene Woche forderte die grüne Bundestagsabgeordnete Marlene Schönberger den Minister nochmals auf, zügig einen Namen zu präsentieren. Was Schönberger vermutlich nicht wusste: Zu diesem Zeitpunkt war die Klein-Nachfolge schon geklärt.

Am Mittwoch soll das Bundeskabinett die Personalie absegnen: Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung wird Katharina von Schnurbein - und damit eine Person, die über großen Erfahrung auf diesem Feld verfügt. Die in Regen im Bayerischen Wald aufgewachsene Politikwissenschaftlerin und Slawistin ist seit knapp elf Jahren Antisemitismusbeauftragte der Europäischen Kommission - und damit so etwas wie die Doyenne einer zuletzt stark angewachsenen Gruppe von Personen, die sich im Auftrag von Regierungen und Behörden für den Schutz des jüdischen Lebens einsetzen.
Klein-Nachfolgerin mit großem Netzwerk
Von Schnurbein kennt nicht nur die Thematik aus dem Effeff, sie ist auch bestens vernetzt mit den jüdischen Gemeinden und Organisationen in Europa und Nordamerika. In Brüssel, wo viele Dachverbände ihren Sitz oder zumindest eine Repräsentanz haben, wird sie geschätzt für ihre vermittelnde Art. Seit Jahren gelingt es ihr, traditionell miteinander rivalisierende jüdische Organisationen an einen Tisch zu bekommen - und gelegentlich sogar zu Kooperationen zu bewegen.
Ihrer neuen Aufgabe blickt die 52-Jährige erwartungsfroh entgegen, wie sie im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen verriet: »Ich habe nicht nach dieser neuen Aufgabe gesucht; sie wurde an mich herangetragen.« Zwar hätte sie sich auch vorstellen können, an bisheriger Wirkungsstätte weiterzumachen. Doch nach elf Jahren reize sie der Wechsel nach Berlin, so von Schnurbein.
»Ich bin mir sehr bewusst, dass ich in ein Deutschland komme, in dem das heilige Versprechen des ›Nie wieder‹ nach der Schoa in Frage gestellt ist, weil sich Jüdinnen und Juden nicht mehr sicher fühlen. Wir stehen vor einer enormen Herausforderung, jüdisches Leben im öffentlichen Raum wieder zu normalisieren.« Mit »Demut und großem Tatendrang« wolle sie dazu beitragen.
Auf das bislang Geleistete will von Schnurbein aber ausdrücklich nicht stolz sein. Denn das eigentliche Ziel, Antisemitismus zurückzudrängen, sei nicht erreicht worden, räumt sie ein. »Im Gegenteil: Der Judenhass ist auf dem höchsten Niveau seit der Schoa.« Sie habe dennoch das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein, denn die von der Europäischen Kommission vorangetriebenen Initiativen hätten europaweit und sogar darüber hinaus zu strukturellen Veränderungen in der Antisemitismusbekämpfung geführt. Alle 27 EU-Mitgliedstaaten nutzen mittlerweile die IHRA-Arbeitsdefinition, 24 von ihnen haben nationale Strategien aufgelegt und 21 Antisemitismusbeauftragte eingesetzt. Darauf lasse sich aufbauen, so von Schnurbein.
Von Schnurbein hat mehr als 90 Initiativen auf den Weg gebracht
Zweimal im Jahr hat sie diese Gruppe zusammengebracht, um das Handeln auf der nationalen Ebene aktiv zu unterstützen. »Damit nicht jeder immer das Rad neu erfindet«, wie sie betont. Erstmals sei in der 2021 verabschiedeten EU-Strategie zum Kampf gegen Antisemitismus auch das Ziel der Förderung jüdischen Lebens gewesen. Dies sei von vielen Mitgliedsstaaten aufgegriffen worden, auch von Deutschland. »Es ging mir um eine Änderung des Blickwinkels. Unser Ziel ist das eines florierenden jüdischen Lebens in der Öffentlichkeit, frei von Sicherheitsbedenken.«

Insgesamt seien fast 90 Initiativen schon auf den Weg gebracht worden,so von Schnurbein. Dazu gehöre der Aufbau von europaweiten Netzwerken, wie zum Beispiel das European Sites of Holocaust Memory (ESHEM) zur Unterstützung von Gedenkorten, das Wissenschaftsnetzwerk NERON oder der Simone-Veil-Preis für das europäisch-jüdische Kulturerbe. Mehrere Millionen Euro stellt Brüssel jedes Jahr aus dem EU-Haushalt für derartige Projekte zur Verfügung.
Zuletzt organisierte von Schnurbeins Team erstmals einen »Tikkun-Tech-Hackathon«. Bei der zweitägigen Veranstaltung kamen 120 Vertreter aus Regierungen und Zivilgesellschaft mit Technologieexperten aus Europa, Israel und den USA zusammen, um zu diskutieren, wie man mittels innovativer Methoden im Online-Bereich und in KI-Tools antisemitische Verzerrungen reduzieren kann. Einige Projekte wurden prämiert; sie sollen nun von den Social-Media-Giganten Meta und Tiktok umgesetzt werden.
Berührende Begegnung im Alter von zehn Jahren
Seit ihrer Kindheit ist Katharina von Schnurbein mit dem Thema Judentum in Berührung. Sie wuchs in einer christlichen Familie auf. Das Adelsgeschlecht derer von Schnurbein ist evangelisch und stammt aus dem Augsburger Raum. Von Schnurbeins Eltern hätten schon früh großen Wert darauf gelegt, dass Katharina und ihre Geschwister über das Judentum, den Holocaust und die Gründung des Staates Israel Bescheid wüssten, sagt sie.
Ein Erlebnis hat sie besonders geprägt. »Als ich zehn Jahre alt war, besuchten wir mit meinen Eltern die Synagoge in Straubing unter der Leitung von Israel Offmann, die Anfang der Achtziger aus nur wenigen Holocaustüberlebenden bestand. Einer erzählte mir, wie er im Zweiten Weltkrieg zwischen seinen Eltern an einer Grube stand. Ein Erschießungskommando der SS erschoss die Eltern. Der Zehnjährige war nicht getroffen worden, ließ sich aber in die Grube fallen und stellte sich unter den Leichen der Eltern tot. Irgendwie gelang es ihm, mithilfe von Partisanen zu überleben. Das hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.«
Nach dem Abitur geht von Schnurbein nach Prag, um dort Tschechisch zu studieren. »Der Fall des Eisernen Vorhangs war für uns im Bayerwald ja auch eine Art Befreiung«, erinnert sie sich an die Zeit, als sich die Grenzen öffneten. »Prag wurde meine zweite Heimat«.

In Bonn und später in Oxford studiert sie Slawistik und Politikwissenschaft. Ihre Masterarbeit schreibt von Schnurbein über den autobiografischen Roman »Das Leben mit dem Stern« von Jiří Weil. Darin geht es um das Überleben als Jude in Prag während des Zweiten Weltkriegs. Nach einem Abstecher in Berlin geht sie wieder nach Prag. An der dortigen Vertretung der Europäischen Kommission arbeitet in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. Als Tschechien 2004 EU-Mitglied wird, nimmt sie der erste EU-Kommissar des Landes, Vladimir Špidla, mit nach Brüssel. Von Schnurbein wird Špidlas Pressesprecherin.
Von Prag nach Brüssel
2010 wird die Mutter von vier Kindern, die mit einem niederländischen Juristen verheiratet ist, Beraterin im Bureau of Policy Advisors des Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso. Es ist eine Art interne Denkfabrik der EU-Behörde. Dort ist von Schnurbein unter anderem für den Dialog mit den Religionen und Weltanschauungen zuständig.
2015, nachdem mehrere Attentate auf jüdische Einrichtungen verübt werden, drängen mehrere EU-Staaten auf die Schaffung des Amtes eines europäischen Koordinators für den Kampf gegen Antisemitismus. Die Wahl fällt auf die Deutsche. Vier Jahre später wertet Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von Schnurbeins Amt auf, sie hat jetzt deutlich mehr Mitarbeiter und Ressourcen zur Verfügung.

Nun steht für Katharina von Schnurbein erstmals seit 22 Jahren ein Ortswechsel an. Schon Ende Oktober will sie in Berlin die Arbeit aufnehmen. Ihre bisherigen Schwerpunkte – die Förderung jüdischen Lebens, Digitales und die Umsetzung der Strategien zum Kampf gegen Antisemitismus – möchte die künftige Beauftragte der Bundesregierung weiter pflegen. Ihr Amt will sie unabhängig ausüben. Die An- und Einbindung in die Exekutive sieht Katharina von Schnurbein dabei als Vorteil. So habe man das Handeln eine »wesentlich größere Hebelwirkung«, sagt sie.
Sich selbst beschreibt von Schnurbein als konsensorientierte Person. »Ich bin überzeugt, dass wir am ehesten etwas voranbringen, wenn wir im Einvernehmen handeln.« Soweit das eben möglich sei, wie sie einschränkend hinzufügt.
Europaabgeordnete verlangten von Schnurbeins Ablösung
Dabei ist ihr Engagement in Brüssel nicht frei von politischen Reibereien – vor allem dann, wenn es um Israel geht. Im Sommer 2025 sieht sich von Schnurbein einer Kampagne israelkritischer Abgeordneter im Europaparlament ausgesetzt. Die verlangen in einem Brief an die EU-Kommission ihre Entlassung - und das, weil sie in einem internen Austausch mit europäischen Diplomaten einseitig Partei für Israel ergriffen haben soll.
Doch der Verstoß verpufft. Mehr als 80 jüdische Organisationen veröffentlichen eine gemeinsame Solidaritätsadresse mit von Schnurbein – und drücken ihre »uneingeschränkte Wertschätzung« für sie aus. Schon ein Jahr zuvor verlieh ihr die Ben-Gurion-Universität in Israel die Ehrendoktorwürde.
Es gehe ihr darum, alle Kräfte in der Bundesregierung, bei den Sicherheitsbehörden, in der Justiz und der Zivilgesellschaft zu mobilisieren, um gemeinsam stärker und wirksamer entgegenzutreten, sagt von Schnurbein. »Jüdisches Leben muss in Deutschland wieder angstfrei möglich sein. Antisemitische Straftaten müssen als solche benannt und geahndet werden.«
Schuster wünscht sich Augenmerk auf Strafrechtsreform
Und fügt hinzu: »Manche tun so, als sei Antisemitismusbekämpfung Klientelpolitik für Juden, so, als sei es genug, Judenhass als menschenfeindliches Phänomen zu bekämpfen. Dabei geht es um viel mehr: Antisemitische Verschwörungsmythen höhlen die Demokratie von innen aus. Sie führen geradewegs zu dem politischen Klima, das wir gegenwärtig haben.«

Für ihre ersten Monate im neuen Amt plant sie Besuche in allen 16 Bundesländern. Dort will sie mit den jüdischen Gemeinden, den Antisemitismusbeauftragten und den Politikern vor Ort Kontakte knüpfen. Auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hält viel von der Bayerin. »Ich kenne sie schon seit vielen Jahren. Frau von Schnurbein ist bodenständig und hat einen reichen Erfahrungsschatz in ihrem Aufgabenfeld.«
Schuster wünscht sich von der künftigen Antisemitismusbeauftragten, dass sie das Augenmerk auch auf die Reform des Strafrechts legt – insbesondere, was die Ahndung von als Chiffren und als Umweg-Kommunikation getarntem Antisemitismus angeht, etwa beim Aufruf zur Zerstörung des Staates Israel. »Leider haben große Teile der deutschen Justiz noch nicht die Bedeutung erkannt, die eine effektive Strafverfolgung für den Kampf gegen Judenhass hat«, sagte Schuster dieser Zeitung.
Von Schnurbein wollte sich zu ihren konkreten Vorhaben noch nicht äußern. Sie plädierte aber für proaktives Handeln: »Um dem Antisemitismus, der sich auf der Straße breitmacht, entgegenzutreten, braucht es weniger öffentliche Debatten über Definitionen. Man sollte sich lieber fragen, wie man Menschen aktivieren kann, wie man Brücken baut und wie man Bündnisse schmiedet.«