Interview

»Ich bin für Freiheit«

Der Kanadier Mark Steyn, der 1959 in Toronto geboren wurde, gehört zu den meistgelesenen Journalisten der Welt. Seine Kolumnen und Kommentare, die sich durch einen scharfen, witzigen Ton auszeichnen, erscheinen in englischsprachigen Zeitungen auf drei Kontinenten. Er begann seine Karriere als Musical‐ und Filmkritiker und wandte sich erst Mitte der Neunzigerjahre der Politik zu. Mark Steyn ist im Unterschied zu den europäischen Konservativen proisraelisch. Steyn unterstützte George W. Bush und war für den Irakkrieg. Vor vier Jahren erschien sein Bestseller »America Alone: The End of the World as We Know It«. Steyn stellte dort die These auf, dass
Europa sich aus demografischen Gründen immer mehr islamisiere, und dass Amerika als letzte Bastion der Freiheit übrigbleiben werde.

Vor Kurzem spazierte Mark Sofer, der israelische Botschafter in Indien, in die berühmte Sufi‐Moschee Ajmer Sharif. Der Diplomat setzte eine Kippa auf, sprach ein paar Gebete und sagte: »Israel respektiert den Islam und liebt Muslime.« Ist der Mann in Ihren Augen ein Feigling, gar ein Kapitulant?
Der Islam ist eine Tatsache. Er wird am Ende des 21. Jahrhunderts ein Drittel der Menschheit repräsentieren. Die übrigen zwei Drittel werden sich nie auf genug Gemeinsamkeiten verständigen können, dass sie gegen ein Drittel der Menschheit Krieg führen könnten. Der Islam wird also bleiben und nicht verschwinden. Das Problem heute ist: Es gibt immer weniger Weltgegenden, in denen der Islam durch die herrschende Gesetzgebung gemäßigt wird. Das heißt nicht, dass es keine moderaten Muslime gibt. Aber der Zeitgeist ist auf Seiten der Radikalen.

In Indien leben heute mehr als 138 Millionen Muslime. Der Subkontinent ist eine multiethnische, multireligiöse Demokratie. Israel ist dort noch beliebter als in den USA. Die meisten indischen Muslime sind eher säkular und gehören der Mittelklasse an. Sie sind eher Computertechniker als Dschihadprediger. Es gibt einen regen Austausch zwischen den dortigen Imamen, israelischen und amerikanischen Rabbinern.
Indien ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte. Blicken wir ins Jahr 1948 zurück. Ich halte die Gründung Pakistans für den katastrophalsten Fehler des britischen Empire nach dem Krieg. Dieser Staat hätte nie entstehen dürfen. Während sich Indien als eine dynamische, pluralistische, demokratische Gesellschaft weiterentwickelt hat, hat sich Pakistan zu einem engstirnigen, ökonomisch todgeweihten, zunehmend theokratischen und unfreien Plumpsklo zurückgebildet.

Reden wir über Deutschland. Überrascht es Sie, wenn Ihnen Statistiken vorgelegt werden, wonach die Deutsch‐Türken sich immer mehr an den gesellschaftlichen Mainstream anpassen, dass sie sich etwa in ihrem Wahlverhalten kaum mehr von den anderen Deutschen unterscheiden. Und dass diejenigen, die wirklich Probleme mit der westlichen Demokratie haben, vor allem die Ostdeutschen sind?
Ich bezweifle das gar nicht. Sie haben es da mit Leuten zu tun, die nie über einen längeren Zeitraum hinweg demokratische Entscheidungsprozesse unterstützt haben und die ihre Ungeduld, wenn die Demokratie ihnen nicht das bringt, was sie sich von ihr wünschen, viel direkter ausdrücken als die Türken. Sollte es zu einem neuen »weichen Faschismus« in Europa kommen, wird die ostdeutsche Tiefebene seine erste Schanze sein. Aber wenn Sie alle Schönrednerei weglassen, dann werden Städte, sobald die Muslime eine gewisse Prozentstärke erreicht haben, eben islamische Städte sein.

Aber die Geburtenraten der muslimischen Einwanderer fangen schon nach ein, zwei Generationen an, sich jenen der Nichtmuslime anzugleichen: Sie gehen rapide nach unten.
Zwei Generationen, mehr braucht es nicht. Der Wandel setzt ja nicht in dem Moment ein, wenn der Islam 50,0001 Prozent der Bevölkerung erreicht hat. Nicht mal Angela Merkel kriegt 50,0001 Prozent der Stimmen, und sie ist dennoch Kanzlerin! Wir reden von dem Moment, in dem die Anpassung an den Islam die wichtigste Dynamik westlicher Gesellschaft geworden ist.

Es kann doch keine Rede davon sein, die Anpassung an den Islam sei die wichtigste Dynamik der europäischen Gesellschaften. Die Schweiz hat gerade ein Minarettverbot erlassen. In Frankreich gilt bald ein Burkaverbot. Die Partei von Geert Wilders in den Niederlanden ist sehr erfolgreich. Und in Deutschland landet ein Buch, das die Behauptung aufstellt, die Türken trügen zur Verdummung der Gesellschaft bei, umgehend auf Platz 1 der Bestsellerlisten.
Das alles sind keine Anzeichen dafür, dass der Westen der Islamisierung widersteht, sondern Symptome der Destabilisierung, die der Islam hervorruft. Ich bin für Freiheit. Ich will in einer freien Gesellschaft leben. Wenn Sie mir sagen, dass ich nur die Wahl habe zwischen einem halb islamisierten Europa und einem Kontinent, in dem der Staat sich mehr und mehr Macht anmaßt, um Burkas und Minarette zu verbieten, dann finde ich keine dieser beiden Varianten verlockend.

Mit dieser Haltung werden Sie sich unter den europäischen Islamfeinden keine Freunde machen.
Ich weiß. Mein Problem mit den neuen nationalistischen Parteien in Europa ist, dass sie für mehr Staat, mehr Regierung eintreten – und dann eher zufällig auch noch islamfeindlich sind. Das ist der riesige Unterschied zwischen Europa und der anglophonen Welt. Wenn man hier in Amerika über das Burka‐ oder Minarettverbot redet, sagen die Leute: Moment mal. Der Staat hat das Recht, eine Kleiderordnung zu erlassen? Ich glaube nicht, dass es der richtige Weg ist, wenn man der Polizei erlaubt, in Häuser einzudringen und die Klitoris deiner Tochter zu inspizieren.

Kommen wir zu Israel. Überrascht es Sie, wenn ich Ihnen sage, mit Muslimen kann man weniger giftige Diskussionen über Israel führen als mit nichtmuslimischen Europäern? Und dass sich unter den Feinden Israels in Europa nicht nur Linke befinden, sondern auch ganz schön viele Rechte, zum Beispiel die britischen Konservativen.
Die Antipathie der britischen Konservativen gegen Juden und Israel geht noch auf die Mandatszeit zurück. Als die Verwalter des Kolonialreichs in den 20er‐Jahren nach Palästina kamen, stellten sie fest: Die Juden brauchen unsere Hilfe ja gar nicht! Juden geben keine sehr guten Opfer ab, Muslime sind eine viel bessere Opfergruppe. Das erklärt übrigens bis zu einem gewissen Grad auch das Verhalten der heutigen Europäer: Palästinenser sind einfach großartige Haustiere – Juden viel weniger.

Sie stehen den Republikanern nahe, sagen also gelegentlich unfreundliche Dinge über den Demokraten Barack Obama. Aber waren die amerikanischen Präsidenten, die Israel extrem geschadet haben, nicht samt und sonders Republikaner? Zum Beispiel Dwight D. Eisenhower, der 1956 Israels Suezfeldzug abblies und damit den Sturz des ägyptischen Diktators Nasser verhinderte.
Das war der größte Fehler, den die Amerikaner im Hinblick auf den Nahen Osten je gemacht haben. Damals haben sie eine Grundregel aufgestellt, die immer noch gilt: Die Vereinigten Staaten ziehen diktatorische Stabilität allem anderen vor. Ich habe seinerzeit George W. Bush und seinen Anstoß für Demokratie im Nahen Osten unterstützt – nicht, weil ich geglaubt habe, dass es funktionieren würde, sondern weil man damit die Diktatoren im Nahen Osten so schön verrückt machen konnte. Wenn wir dagegen versuchen, Israel zurückzuhalten, trägt uns das keinen Respekt ein. Wir schicken damit nur ein Telegramm an unsere Feinde, dass wir bereit sind, einer der wenigen ernst zunehmenden westlichen Mächte in der Welt in den Arm zu fallen.

Das Gespräch führte Hannes Stein.

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