Diplomatie

»Hölle auf Erden«

Bundesaußenminister Heiko Maas mit dem Schoa-Überlebenden Marian Turski (M.) am Tor des Stammlagers Auschwitz Foto: ddk

Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen.« Im März hat Heiko Maas diesen viel beachteten Satz bei seiner Antrittsrede im Auswärtigen Amt in Berlin gesagt. Knapp ein halbes Jahr später reist er an diesen Ort des Schreckens. Als Student war er zum ersten Mal hier. Am Montag ist Heiko Maas als Bundesaußenminister gekommen – übrigens der erste seit 26 Jahren, zuletzt war 1992 Klaus Kinkel in Auschwitz.

Maas wird vom stellvertretenden Direktor der Gedenkstätte, Andrzej Kacorzyk, und dem 92‐jährigen polnischen Schoa‐Überlebenden Marian Turski durch das ehemalige deutsche Konzentrations‐ und Vernichtungslager geführt.

Gedenkbuch Er besichtigt das Stammlager, legt an der sogenannten Todeswand einen Kranz nieder und hinterlässt im Gedenkbuch am Krematorium die Worte: »Die Hölle auf Erden – sie war eine deutsche Schöpfung namens Auschwitz. Voll Trauer und Scham verneigen wir uns vor den Frauen, Männern und Kindern, die hier und an anderen Orten millionenfach von den Nationalsozialisten ermordet wurden.« Aus dem Vermächtnis der Opfer erwachse Deutschlands Verantwortung, für die unantastbare Würde des Menschen einzustehen – überall und jeden Tag. »Diese Verantwortung endet nie«, so der Eintrag.

Nach dem Gang zur Rampe des Lagers Auschwitz‐Birkenau stellt der Außenminister am Internationalen Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers ein Grablicht auf. Anschließend sagt er: »Das ist der schrecklichste Ort der Welt.«

Die Eindrücke seien schwer in Worte zu fassen. An diesem Ort verliere man entweder den Glauben an die Menschlichkeit, oder man gewinne die Hoffnung und die Kraft, dafür einzutreten, dass die Menschenwürde gewahrt werde. »Das ist ein Ort des Erinnerns, der uns Deutsche vor allen Dingen erinnert, was wir anderen millionenfach angetan haben.«

treffen Am Nachmittag steht das Treffen mit dem polnischen Außenminister Jacek Czaputowicz im nahen Franziskanerkloster Harmeze auf dem Programm. Czaputo­wicz spricht dabei vom Symbol der gemeinsamen deutsch‐polnischen Geschichte und der großen Bedeutung, die Polen dem Gedenken beimesse. Maas erinnert an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte und betont, dass die Erinnerung immer eine besondere Rolle spielen und für die Zukunft eine Mahnung bleiben müsse.

In dem Gespräch werden aktuelle bilaterale und europapolitische Fragen erörtert. Im Anschluss heißt es, dass unter anderem die umstrittene polnische Justizreform, die Pläne für die Ostsee‐Pipeline »Nord Stream 2« und die Entwicklung auf dem Westbalkan Themen gewesen seien. Für den Herbst sind gemeinsame Regierungskonsultationen geplant. Beide Seiten betonten ihr Interesse an der Vertiefung der Beziehungen.

Auch das polnische »Holocaust‐Gesetz« kommt zur Sprache. Dies war im März in Kraft getreten und hatte für internationale Kritik gesorgt. Es sah Geld‐ und Haftstrafen für diejenigen vor, die Polen eine Mitverantwortung für die Verbrechen Nazi‐Deutschlands zuschreiben.

zentralrat Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hatte vor dem Auschwitz‐Besuch des Außenministers gesagt, es gebe keinen Zweifel, dass der organisierte Massenmord an den europäischen Juden von Deutschland geplant und durchgeführt wurde. »Genauso wenig kann man aber in Zweifel ziehen, dass sich gar nicht so wenige Polen haben einspannen lassen für das Vorgehen der Nationalsozialisten«, so Schuster.

Wenn die polnische Regierung nun versuchen wolle, diesen Teil der Geschichte vergessen zu machen, und die wissenschaftliche Aufarbeitung damit behindere, dann sei das ein Versuch, dem es klar zu begegnen gelte.

Außenminister Czaputowicz verweist am Montag darauf, dass das polnische Parlament die Bestimmungen geändert habe und geschichtliche Forschungen zukünftig vertieft werden sollten. Maas äußert die Hoffnung, dass diese Diskussion »zu einem sehr, sehr sensiblen Thema« dazu führt, das Bewusstsein aller Beteiligten weiter zu schärfen.

Auf die Frage, warum er nicht vom polnischen Außenminister bei seinem Rundgang im Lager begleitet wurde, weist Maas vor Journalisten darauf hin, dass der Besuch sein persönlicher Wunsch gewesen sei. Er habe seinen Kollegen lediglich darum gebeten, diesen auch für ein bilaterales Gespräch zu nutzen. Das habe er möglich gemacht. »Deshalb bin ich ihm außerordentlich dankbar, dass er auf meine etwas speziellen Wünsche in dieser Frage eingegangen ist.«

besuchspflicht Maas äußert sich auch zur Diskussion, die in Deutschland über eine Besuchspflicht für Schüler in KZ‐Gedenkstätten geführt wird. Er sei sehr dafür, dass dieser besondere Ort von so vielen Menschen wie möglich besucht werde. »Aber verpflichten möchte ich dazu eigentlich niemanden.«

Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee betont die aktuelle Botschaft von Maas’ Reise. »Wenn heute Neonazis oder Rechtsextreme auf die Straße gehen oder im Internet aktiv werden, haben sie Auschwitz als Ansporn immer im Blick«, so Heubner. Daher war die Aufforderung des Ministers, junge Menschen sollten sich aktiv einmischen, »eine Botschaft, die den Auschwitz‐Überlebenden besonders am Herzen liegt«.

Der Außenminister wird bei seiner Reise von Anwärtern für den diplomatischen und konsularischen Dienst begleitet, die in einer Internationalen Jugendbegegnungsstätte mit polnischen Auszubildenden zusammenkommen. Diese Begegnung mit den Jugendlichen habe dazu geführt, so Maas abschließend, dass er den Ort des Schreckens am Ende doch mit viel Hoffnung verlassen habe: »Weil ich gesehen habe, wie intensiv diese jungen Leute sich mit den Fragen auseinandersetzen und wie sehr das ihr Denken im Jetzt bestimmt. Das ist es, worum es geht.«

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