Justiz

Historiker im KZ-Prozess: SS-Wachen waren an Erschießungen beteiligt

Justiz

Historiker im KZ-Prozess: SS-Wachen waren an Erschießungen beteiligt

Mehr als 200.000 Menschen waren zwischen 1936 und 1945 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Bewacht wurden sie von Menschen wie Josef S. Der 101-Jährige steht dafür jetzt vor Gericht

von Lukas Philippi  03.12.2021 13:30 Uhr

Im Prozess wegen Beihilfe zu tausendfachem Mord im KZ Sachsenhausen vor dem Landgericht Neuruppin hat ein Sachverständiger auf die Beteiligung von SS-Einheiten und Vorgesetzten des Angeklagten an Erschießungen hingewiesen. Der 101-jährige Josef S. bestreitet bislang eine Tätigkeit als SS-Wachmann in dem Konzentrationslager bei Oranienburg. Allerdings belegen Personalakten seine Mitgliedschaft in verschiedenen SS-Totenkopfwachbataillons zwischen Oktober 1941 und Februar 1945. (AZ: 11 Ks 4/21)

Laut Historiker Stefan Hördler zeigen unter anderem Aussagen von Vorgesetzen des Angeklagten, die 1946 in Gefangenschaft protokolliert wurden, die Teilnahme der SS-Wachkompanien an Erschießungen von Gefangenen. Als Beleg für eine hohe Gewalterfahrung des Führungspersonals verwies Hördler etwa auf SS-Unterscharführer Heinz F., der vor seinem Einsatz in Sachsenhausen an der Ermordung von Juden in den besetzten Gebieten beteiligt gewesen sei.

Mit einem Urteil in dem seit Anfang Oktober laufenden Prozess wird bislang im Januar gerechnet. Insgesamt sind 22 Verhandlungstage angesetzt. Josef S. muss sich wegen Beihilfe zum grausamen und heimtückischen Mord in 3.518 Fällen verantworten. Es geht um die Erschießung sowjetischer Kriegsgefangener, die Ermordung von Häftlingen durch Giftgas und um die Tötung von Häftlingen durch die Schaffung und Aufrechterhaltung von lebensfeindlichen Bedingungen.

Wegen des Gesundheitszustandes des Angeklagten ist die Verhandlung nach Brandenburg an der Havel verlegt worden. Der Hochbetagte ist nur wenige Stunden am Tag verhandlungsfähig. Unter den insgesamt 16 Nebenklägern sind Überlebende des KZ Sachsenhausen und Nachkommen ehemaliger Häftlinge, darunter aus Israel, Peru, Polen, den Niederlanden und Frankreich.

Eine konkrete Tatbeteiligung von Josef S. wurde bislang nicht dargelegt. Allerdings ist dies für eine Verurteilung wegen Beihilfe gemäß der jüngeren höchstrichterlichen Rechtssprechung auch nicht nötig. Demnach genügt es, Teil der Vernichtungsmaschinerie des NS-Konzentrationslagers gewesen zu sein. So bestätigte der Bundesgerichtshof 2016 ein Urteil des Landgerichts Lüneburg gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning. Gröning war als Buchhalter im früheren Vernichtungslager Auschwitz in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt worden.

Für das Verfahren gegen Josef S. werteten die Ermittler unter anderem Dokumente aus der Gedenkstätte Sachsenhausen, dem Bundesarchiv Berlin und der Stasi-Unterlagenbehörde aus. Die Tätigkeit von S. ist demnach auf verschiedenen Unterlagen aus der Zeit vermerkt, auch dessen Beförderung zum SS-Rottenführer.

Vorermittlungen hatte die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg (Baden-Württemberg) geführt.

Josef S. streitet bislang alles ab. Am Donnerstag hatte er erklärt, er sei in der fraglichen Zeit Landarbeiter bei Pasewalk in Vorpommern gewesen. Zum Kriegsende sei er nach Kolberg abkommandiert worden, um als Zivilarbeiter Schützengräben zu schaufeln und Unterkünfte zu bauen. Der Prozess soll am 9. November mit dem 15. Verhandlungstag fortgesetzt werden.

Kommentar

Ärzte mit Grenzen

Der NGO »Ärzte ohne Grenzen« ist Propaganda gegen Israel wichtiger als die Hilfeleistung für Gaza

von Wolf J. Reuter  05.01.2026

USA

Jüdischer Bundesrichter Hellerstein leitet Strafverfahren gegen Maduro

Der 92 Jahre alte orthodoxe Richter gilt als »kompromisslos fair«. Ernannt wurde er 1998 von Präsident Bill Clinton

 05.01.2026

Washington D.C.

Unterdrückung der Proteste: Trump droht Iran mit Konsequenzen

Während Trump den Druck von außen erhöht, zeichnen Berichte ein Bild wachsender Nervosität an der Spitze der Islamischen Republik

 05.01.2026

Interview

»Plötzlich ist das Gefühl von Sicherheit weg«

In der Nacht auf Sonntag ist das private Grundstück von Brandenburgs Antisemitismusbeauftragten Andreas Büttner Ziel eines Brandanschlags geworden. Mit der Jüdischen Allgemeinen spricht er nun exklusiv über den Angriff – und benennt, was daraus folgen muss

von Mascha Malburg, Philipp Peyman Engel  04.01.2026 Aktualisiert

Templin

Brandanschlag auf Grundstück des Beauftragten gegen Judenhass

Auf dem Grundstück des Antisemitismusbeauftragten von Brandenburg wurde ein Schuppen in Brand gesteckt. Auf seiner Haustür haben die Täter ein rotes Hamas-Dreieck hinterlassen

 05.01.2026 Aktualisiert

Analyse

Warum die Proteste im Iran auch eine Chance für unsere Sicherheit sind

Anschläge und Morde, verdeckte Handelsfronten, Identitätsdiebstahl und Sanktionsumgehung: Das Regime in Teheran ist auch in Europa zu einem hybriden Bedrohungsakteur geworden. Umso wichtiger ist es, die Regimegegner zu unterstützen

von Rebecca Schönenbach  04.01.2026

Interview

»Israels Sache ist gerecht, sie muss nur besser erklärt werden«

Der saudische Influencer Loay Alshareef über Frieden im Nahen Osten, seine erste Begegnung mit Juden und die Kraft persönlicher Erfahrung

von Stefan Laurin  04.01.2026

Iran

Proteste gegen Chamenei weiten sich aus

Im Iran kam es erneut zu Gewalt gegen Demonstrierende. Die Proteste haben sich inzwischen auf etwa 70 Prozent des Landes ausgeweitet. Auch in Berlin und Washington versammelten sich oppositionelle Exiliraner

 04.01.2026

Venezuela

Netanjahu gratuliert Trump

Israels Regierungschef Netanjahu lobt den US-Angriff in Venezuela und hebt Trumps Vorgehen gegen Maduro als »historisch« hervor. Andere israelische Politiker ziehen Parallelen zum Iran

 04.01.2026