Interview

»Hass auf Juden ist wie Ebola«

Gideon Bachar Foto: privat

Herr Bachar, in Berlin findet derzeit die OSZE-Konferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus statt. Vor zehn Jahren hat die OSZE weitreichende Beschlüsse gefasst. Sehen Sie irgendwelche Fortschritte?
Wir wissen, dass viele Länder in der OSZE bereits etliche Anstrengungen unternommen haben, den Antisemitismus zu bekämpfen. Das reicht allerdings nicht aus. Der Hass auf Juden wächst weiter, besonders in Europa, sodass wir einfach nicht nachlassen dürfen.

Könnte es sein, dass die Mittel, die zur Bekämpfung gewählt werden, falsch sind?
Nein, es hat damit zu tun, dass die Empfehlungen, die im Abschlusspapier gegeben wurden, noch nicht ganz erfüllt wurden. Wenn Sie das Papier, das 2004 beschlossen wurde, Punkt für Punkt durchgehen, sehen Sie, dass einige Länder sich nicht ernsthaft daran gemacht haben, die Forderungen zu erfüllen.

Welche zum Beispiel?
Das sind etwa sehr konkrete Programme, die in der Erziehung Anwendung finden sollen. Gewiss, da wurden ganz viele aufgelegt, aber das ist nicht genug. Antisemitismus können Sie vergleichen mit dem Ebola-Virus: Wenn Sie ihn nicht bekämpfen, breitet er sich aus. Er ist eine Hauptgefahr dieser Zeit, eine Bedrohung ähnlich dem Terrorismus.

Kann man ein Phänomen wie Antisemitismus überhaupt mit politischen oder juristischen Mitteln bekämpfen?
Antisemitismus ist kein jüdisches Problem. Er betrifft die Juden, aber er ist ein globales Problem. Als solches berührt er die Zivilgesellschaft. Es geht um Medien, NGOs, Religionsgemeinschaften et cetera. Schon aus Eigeninteresse müssen die handeln, denn Antisemitismus bedroht ja auch sie selbst: Er ist eine Gefahr für die Demokratie. Antisemitismus ist etwas, das mit den Juden beginnt, aber nicht mit ihnen aufhört, später geht es gegen andere Minderheiten.

Immer wieder wird ein Zusammenhang zwischen der Politik Israels und dem Anwachsen des Antisemitismus hergestellt. Was ist Ihre Antwort darauf?
Was die OSZE angeht, hat sie schon vor zehn Jahren eindeutig festgestellt, dass es diesen Zusammenhang nicht gibt. Und alle Studien, die in jüngster Zeit erschienen sind, zeigen eindeutig, dass das Anwachsen völlig unabhängig von der Situation im Nahen Osten und den Maßnahmen der israelischen Regierung geschieht. Dass wir es in Ländern wie Ungarn mit einem dramatischen Anstieg von Antisemitismus zu tun haben, hat wirklich nichts mit Israel zu tun.

Sind Sie dennoch optimistisch, dass Ihr Bemühen einmal erfolgreich sein wird?
Es ist mein Job, optimistisch und pessimistisch zugleich zu sein. Solange ich mir die Studien anschaue und die Berichte aus den Ländern lese, bin ich pessimistisch. Aber ich glaube fest daran, dass wir Erfolg haben, wenn wir nicht nachlassen. Daher bin ich auch optimistisch.

Mit dem Leiter der Abteilung im israelischen Außenministerium zur Bekämpfung des Antisemitismus sprach Martin Krauß.

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