Raubkunst

Gurlitts Erbe

Neuer Ort für Gurlitts Bilder: Das Kunstmuseum Bern soll die Sammlung bekommen. Foto: imago

Auch nach dem Tod von Cornelius Gurlitt geht das Rätselraten um ihn und seine Sammlung weiter. Im Alter von 81 Jahren starb der Kunstsammler am Dienstag vergangener Woche, vermutlich an den Folgen einer Herzoperation. Seit eine Obduktion angeordnet wurde, kursieren sogar Gerüchte über einen Freitod. Hielt Gurlitt, der seinen Lebensunterhalt offenbar mit Verkäufen von Kunst aus dem väterlichem Erbe bestritt und damit einmal mehr die wohl pekuniär und psychisch von folgenschwerer Abhängigkeit geprägte Vater-Sohn-Beziehung besiegelte, die öffentlichen Beschuldigungen nicht mehr aus?

Der betagte Sohn eines zwielichtigen Kunstunternehmers, alleinstehend, scheu und wehrlos, bot eine nachgerade ideale Projektionsfläche – nicht zuletzt für das schlechte Gewissen derer, die teils nicht minder Brisantes verbergen als Gurlitt. »Quantitativ dürften die privaten und öffentlichen Sammlungen wesentlich mehr Raubkunst-Verdachtsfälle enthalten« als der Schwabinger Schatz, so Gurlitts Anwälte.

Taskforce Und vielleicht stimmt auch diese Behauptung der Firma Holzinger Associates, die seine Interessen vertrat: Gurlitt ging davon aus, dass seine Sammlung »von seinem Vater legal erworben wurde«. Ingeborg Berggreen-Merkel, die Leiterin der Taskforce »Schwabinger Kunstfund« und eine der wenigen, die den Sammler persönlich getroffen haben, sagt: »Ich habe Herrn Cornelius Gurlitt als eine überaus höfliche, freundliche Persönlichkeit kennengelernt.«

Dabei kann Cornelius Gurlitt kaum entgangen sein, dass Hildebrand Gurlitt, der jüdischer Abstammung war und zunächst von den Nazis verfolgt wurde, zu einem der skrupellosesten Kunsthändler und Kunsträuber Hitlers mutiert war. Schwer entschuldbar, dass Gurlitt das Erbe nicht schon vor 15 Jahren prüfen ließ. Versöhnlich stimmt, dass er sich zum Schluss zu den Washingtoner Prinzipien bekannte – mag das auch auf Anraten seiner Anwälte passiert sein. »Eine solche förmliche Erklärung zwischen der Bundesregierung, einem Bundesland und einem Privatsammler ist bislang einzigartig«, heißt es bei der Taskforce.

Vermacht hat Gurlitt den Großteil des umstrittenen Erbes dem Kunstmuseum Bern. Sollen die Werke in die Hauptstadt der Schweiz, weil das Land einen neutralen Status innehat? Oder weil Gurlitt Kunst über das Berner Auktionshaus Kornfeld verkaufte, das das Museum maßgeblich unterstützt? Es betreut unter anderem das Archiv der jüdischen Künstlerin Meret Oppenheim. In einem zweiten Testament soll Gurlitt eine Geldsumme einem Verwandten vermacht haben. Details waren bis zum Redaktionsschluss nicht bekannt.

Verdachtsfälle Was Gurlitts Tod und zwei Testamente für den künftigen Umgang mit seinen Bildern bedeuten, ist Gegenstand der Spekulation ebenso wie die Frage, ob sich die Chancen für Erben jüdischer Vorbesitzer, ihr Eigentum zurückzuerhalten, verbessern oder verschlechtern. Gurlitts Anwälte glauben an »sehr, sehr wenige Verdachtsfälle«, benennen sechs belegte Fälle, unter anderem die Sammlung des jüdischen Rechtsanwalts Fritz Salo Glaser. Ihm sollen allerdings mindestens 13 Bilder aus Gurlitts Beständen gehört haben. Gurlitts Sprecher verbreitet kühn, dass es darüber hinaus »nur wenige Werke gibt, bei denen sich ein Raubkunstverdacht noch nicht ausschließen lässt«.

Vorsichtiger gibt sich die Taskforce. »Für alle Werke, die auf www.lostart.de eingestellt sind, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass es sich um Raubkunst handelt«, sagt deren Sprecher Matthias Henkel.

Tatsächlich müssen an die 500 Werke aus der Schwabinger Wohnung als potenziell verdächtig gelten. »Ausgeschlossen ist im Grunde nur das Konvolut des Familiennachlasses«, das sind rund 330 Kunstwerke, bemerkt die Claims Conference. »Der Tod von Cornelius Gurlitt beschließt keineswegs das unerledigte Kapitel der Rückgabe von NS-Raubkunst in Deutschland.«

Ächtung Rüdiger Mahlo, Deutschlandrepräsentant der Claims Conference, bewertet den Fall Gurlitt letztlich positiv. Künftig könnten »nur vom Verdacht des NS-Kunstraubs freigesprochene Werke« von öffentlichen Sammlungen erworben werden. »Die moralische Ächtung von Sammlungen mit belasteter Kunst und deren Vermarktung scheint mir eine der wesentlichen Entwicklungen zu sein«, so Mahlo.

Das Berner Kunstmuseum sieht »eine erhebliche Verantwortung und eine Fülle schwierigster Fragen« auf sich zurollen, heißt es in einer ersten Stellungnahme. Fragen der Jüdischen Allgemeinen,
etwa nach Verantwortlichkeiten und strukturellen Voraussetzungen, wollte das Museum nicht beantworten. Der Stiftungsrat des Museums muss noch entscheiden, ob man das Erbe überhaupt antreten möchte.

Matthias Henkel von der Taskforce beschreibt, was auf die Berner zukommt: Es sei »nicht die Aufgabe der Taskforce, mit Anspruchsstellern zu verhandeln. Dies wird Aufgabe der Erben sein«.

Ideologie

Wer darf jüdische Geschichte deuten?

Wie das progressive Milieu jüdische Identität neu definiert und Juden zu Privilegierten und Unterdrückern erklärt

von Gunda Trepp  08.11.2026

Kirsten Fehrs

Regierungsbildung in Berlin

EKD-Ratsvorsitzende fordert klare Abgrenzung von Antisemiten

Der Umgang der Linken mit ihrer Abgeordneten Vanessa Emde sorgt seit Wochen für Diskussionen. Welche Maßstäbe legt die EKD bei Antisemitismus an Parteien an?

 08.11.2026

Antisemitismus

»WerteInitiative« startet Kampagne gegen Judenhass

Antisemitismus als Chamäleon: Der Verein WerteInitiative will mit einer neuen Medienkampagne auf blinde Flecken beim Kampf gegen Judenhass aufmerksam machen

 08.11.2026

Josef Schuster

EKD-Synode

Zentralratspräsident: 9. November mahnt zu Widerspruch

Antisemitische Witze, rassistische Sprüche – auch im Bekanntenkreis sollte das aus Sicht von Zentralratspräsident Schuster nicht unwidersprochen bleiben. Der Würzburger Bischof Jung sieht Kirchen in der Verantwortung

 08.11.2026

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  08.11.2026

Bankenviertel in Riad

Konflikt mit Saudi-Arabien

Huthi greifen Wolkenkratzer im Zentrum von Riad an

Die fast täglichen Angriffe der Huthi hinterlassen große Kratzer am Image Saudi-Arabiens als sicherer Ort für Geschäfte und Tourismus. Jetzt wird der Geschäftsbezirk von Riad getroffen

 08.11.2026

Vanessa Emde

Regierungsbildung in Berlin

Linke Emde weist Rückzugsforderung des Vorstands zurück

Die Berliner Linke-Abgeordnete Vanessa Emde soll ihr Mandat im Berliner Abgeordnetenhaus zurückgeben, so fordert es der Landesvorstand. Jetzt äußert sich Emde dazu – mit einer klaren Antwort

 08.11.2026

Gholam-Hossein Mohseni-Ejei

Menschenrechte

Iran richtet drei weitere Männer nach Massenprotesten hin

Die Proteste gegen die iranische Führung im Winter wurden gewaltsam niedergeschlagen – nun werden drei weitere Demonstranten hingerichtet. Menschenrechtler kritisieren das Vorgehen scharf

 08.11.2026

Constantin Schreiber

Wahl des Staatsoberhaupts

Constantin Schreiber kündigt eigenen Präsidenten-Kandidaten an

Das BSW schickt den früheren »Tagesschau«-Sprecher in die Bundesversammlung, doch der sieht politisch keine Gemeinsamkeiten mit der Partei. Was ihn trotzdem dazu bewegt, die Nominierung anzunehmen

 08.11.2026