Reportage

Glück am Busbahnhof

Aya, Koni und Sohn Laciné: Die jüdische Mutter wollte keine Beschneidung, der muslimische Vater bestand auf der Brit Mila. Foto: Christian Buckard

Koni hat Glück gehabt. Er hat den Weg von Kairo nach Israel überlebt. Leicht hätte sein Traum vom Leben in Freiheit in einem Folterlager im Sinai enden können, wohin bereits Tausende afrikanischer Flüchtlinge von Beduinen verschleppt wurden. Auch den ägyptischen Soldaten, die afrikanische Flüchtlinge im Sinai erschießen, ist Koni entkommen.

rassismus Israel ist das einzige westliche Land, in das Afrikaner zu Fuß gelangen können. Rund 60.000, die meisten aus dem Sudan und Eritrea, sind bislang durch den Sinai nach Israel gelangt. Als Koni nach Israel floh, gab es den israelischen Sicherheitszaun, der Terroristen und Flüchtlinge von Israel fernhalten soll, noch nicht. Dabei war es eigentlich nie Konis Ziel gewesen, in Israel zu wohnen.

Koni ist Moslem aus Guinea. Zuerst war er nach Marokko geflohen, dann nach Ägypten. Doch in beiden Ländern, Islam hin oder her, haben es Schwarze schwer. »Für Fremde ist es in arabischen Ländern nicht einfach«, erzählt Koni. »Auf der Straße kann dich jeder mit Steinen bewerfen. Wegen deiner Hautfarbe. Die dürfen mit dir machen, was sie wollen. Deswegen wollte ich dort nicht bleiben. Und dann bin ich hierher, weil ich gehört hatte, dass es hier Rechte gibt. Freiheit.« Jeder Flüchtling, so erinnert sich Koni, betet, dass ihn an der Grenze israelische Soldaten in Empfang nehmen. Koni hat Glück gehabt. Eine Patrouille der Zahal fand ihn und seine Freunde, nahm sie mit in ein Camp und versorgte sie dort. Seitdem hat Koni eine ausgeprägte Sympathie für die israelische Armee.

Als Koni nach Israel kam, erfuhren die afrikanischen Flüchtlinge noch große Unterstützung aus der Bevölkerung. Viele junge Israelis meldeten sich, um mit ihnen zu arbeiten. Diese Haltung änderte sich, als nicht mehr Tausende, sondern Zehntausende ins Land kamen.

Die meisten Afrikaner in Tel Aviv wohnen unweit des Levinsky‐Parks und des Busbahnhofs. Diese Gegend war schon immer armselig und heruntergekommen. Doch durch den Zuzug der Flüchtlinge sind die sozialen Spannungen noch schärfer geworden. Die Alteingesessenen beklagen, dass der Zuzug der Fremden die Mieten und die Kriminalitätsrate in die Höhe getrieben habe. Zu den Wahlen kommen gerne Krawallpolitiker in den Levinsky‐Park, um gegen die Afrikaner Stimmung zu machen.

slum Auch Koni wohnt am Busbahnhof, zusammen mit Aya. Aya kommt aus dem wohlhabenden Norden Tel Avivs und hat ihren Partner kennengelernt, als sie mit den Flüchtlingen arbeitete. Damals zog sie in die winzige Wohnung in den Slums von Tel Aviv. Aya hat keine Illusionen über ihr Wohnviertel. »Hier gab es schon immer viel Kriminalität«, sagt sie und gibt ihrem Sohn die Milchflasche. »Ich kenne die Gegend seit meiner Kindheit. Meine Urgroßeltern wohnten schon hier.«

Koni würde gerne woanders wohnen. Vor allem jetzt, da er und Aya ein Kind haben. Nach jüdischer Tradition ist sein Sohn Laciné Jude, nach islamischer Tradition ist er Moslem. Koni hat es geschafft, dass Aya Lacinés Beschneidung zustimmte. Eigentlich war sie dagegen, weil sie die Brit Mila für »barbarisch« hält. Aber dann einigten sich die beiden darauf, dass der Sohn von einem Arzt beschnitten wird. Die Angelegenheit mit dem Glauben sieht Koni sowieso entspannt. »Wenn mein Sohn Jude sein möchte, habe ich kein Problem damit. Wenn ich könnte, würde ich ihm sogar eine kleine Synagoge bauen.«

Nach seiner Flucht nach Israel wohnte Koni zuerst in einer völlig überfüllten Notunterkunft. Dort vertrieb er sich die Zeit zunächst mit Fußballspielen. Eines Tages wurden er und seine Freunde von einem palästinensischen Manager entdeckt. Zwei Jahre lang spielte Koni als Profi für palästinensische Fußballmannschaften in der Westbank. Bis eines Tages entschieden wurde, dass nur noch Araber in der palästinensischen Liga spielen dürfen.

Nicht nur im Fußball, auch in religiösen Dingenmusste Koni erleben, dass seine arabischen Glaubensbrüder, wie schon zuvor in Ägypten, grundsätzliche Probleme mit Afrikanern haben. Als er in den Felsendom ging, um dort zu beten, wurde er derart feindselig und misstrauisch behandelt, dass er nie wieder dorthin zurückkehrte. »Die sind schockiert, wenn die sehen, dass du schwarz bist und betest!« Koni schüttelt den Kopf. »Ich weiß auch nicht, was da falsch läuft zwischen Arabern und Schwarzen.« Aya nickt: »Als ich hier in Tel Aviv bei dieser NGO arbeitete, kam eine Gruppe afrikanischer Kinder, die aus Ägypten geflohen waren. Wir fragten sie, was sie am liebsten tun würden, und sie sagten, sie würden gerne schwimmen gehen. Der Besuch von Badeanstalten war ihnen in Ägypten nämlich verboten. Es gab sogar Verbotsschilder.«

Assimilation Aya weiß, was es bedeutet, fremd zu sein. In Amsterdam besuchte sie einige Jahre lang die Grundschule. »Bis dahin wusste ich gar nicht, dass ich Jüdin bin«, erinnert sie sich. »Erst als mir Schüler auf dem Nachhauseweg hinterherrannten und ›Jude‹ brüllten und ich meine Mutter danach fragte, erzählte sie mir, dass wir Juden sind.« Ayas niederländischer Großvater wurde in Auschwitz ermordet, ihr Vater überlebte die deutsche Besatzung in einem Versteck. Als er dann in den 60er‐Jahren nach Israel kam, erfuhr er, dass er gemäß der Halacha kein »richtiger« Jude sei.

Er nahm es gelassen und konvertierte.
Als die beiden ein Paar wurden, befürchtete Aya, dass der religiöse Teil ihrer Familie Koni nicht akzeptieren würde. Da hatte sie sich zu ihrem Erstaunen geirrt. Das Innenministerium reagierte leider nicht annähernd so problemlos. Zwei Jahre mussten die beiden um eine Aufenthalts‐ und Arbeitserlaubnis für Koni kämpfen. Solange Aya – sie arbeitet als Sekretärin in einer Hightech‐Firma – noch im Mutterschaftsurlaub ist, ernährt Koni die Familie. Er liefert Propangasflaschen in Bnei Brak aus, einer Hochburg der Religiösen. Von morgens bis abends. Ihm bleibt keine Zeit mehr für seinen geliebten Fußball.
Doch Koni beklagt sich nicht.

Er weiß, dass er Glück gehabt hat. Während es immer weniger Flüchtlinge schaffen, nach Israel durchzukommen, und immer mehr seiner Freunde abgeschoben werden, darf er – zumindest vorerst – bleiben. Und mit der Zeit, grinst Koni, werde er »immer weißer«. Er hat sich in Tel Aviv bereits an vieles gewöhnt, das ihm in Afrika absurd vorgekommen wäre: Mülltrennung und Pünktlichkeit zum Beispiel. Oder Hausarbeit. Und Windelwechseln. Überhaupt ist in Israel alles anders, als er es sich vorgestellt hatte: »Ich hatte gedacht, dass es hier aussieht wie zu Zeiten von Jesus«, erzählt er. »Ein paar Häuser und Leute, die auf Kamelen reiten!« Stattdessen landete er im quirligen, hypermodernen Tel Aviv. »Das hat mich sehr schockiert, dass es hier so ist wie in New York oder Europa!«

dankbarkeit Der vielleicht größte Schock für Koni war allerdings, dass man von ihm erwartete, bei der Kaiserschnittgeburt seines Sohnes Laciné dabei zu sein. »Bei uns in Afrika musst du als Vater nicht dabei sein! Das musst du wirklich nicht sehen!« Aya kichert. »Stimmt. Er hat gerufen: Nie im Leben gehe ich mit zur Geburt!« Er hat es trotzdem gemacht. Der Liebe wegen.

Ein Wunsch wird Koni allerdings verwehrt bleiben: Allzu gerne würde er das Familienauto am Jom Haazmaut mit der israelischen Fahne schmücken. Etwas, was nicht gerade nach dem Geschmack seiner eher linksgerichteten Freundin Aya ist. Aber wann immer er es kann, besucht Koni in Tel Aviv die Militärparade zum Unabhängigkeitstag. Mögen rechte Politiker auch die Ausweisung der Afrikaner fordern und sie als »Krebsgeschwür« beschimpfen. Der schwarze Moslem Koni vergisst nicht, wer ihn im Sinai gerettet hat.

Eine Hörfunkfassung der Geschichte von Aya und Koni wird am Sonntag, den 4. August, im Rahmen des ARD Radiofestivals um 22.30 Uhr auf den Sendern MDR Figaro, WDR 3, SWR 2, SR2 KulturRadio, RBB kulturradio, NDR Kultur, Bayern 2 plus, Nordwestradio und hr2‐kultur gesendet.

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