Berlin

Gesellschaftlicher Dialog

Es war ein Treffen, »von dem ich eigentlich wünschte, es müsste gar nicht stattfinden«. So begrüßte Bundespräsident Joachim Gauck am Mittwoch 45 Gäste im Schloss Bellevue. Vertreter von Bürgerrechtsorganisationen, Sportvereinen und Basisinitiativen, Wissenschaftler und andere Experten kamen nach Berlin, um über Gewalt, Islamismus, Antisemitismus und die Möglichkeiten eines gesellschaftlichen Dialogs zu sprechen.

»Die Polarisierung schwächt, was unser Land stabil und berechenbar gemacht hat und was Vertrauen zwischen den Bürgern geschaffen hat«, erklärte Gauck. Es ginge nun darum, den »Zusammenhalt, der unsere freie Gesellschaft stark macht«, aufzubauen und zu stärken.

Antisemitismus Mit fünf Impulsreferaten wurde das Gespräch eingeleitet: Zum Antisemitismus sprach der Psychologe Ahmad Mansour, der in Berlin auf vielfältige Weise versucht, den Judenhass gerade bei muslimischen Jugendlichen zu bekämpfen. »Ich bin arabischer Israeli«, stellte er sich vor. »Ich bin mit dem Phänomen aufgewachsen. Ich war auch Antisemit.«

Diese Erkenntnis habe ihn angetrieben, sich mit dem Thema zu beschäftigen und Judenhass zu bekämpfen. Mansour wies zu Beginn darauf hin, dass Antisemitismus »herkunfts-, bildungs- und schichtunabhängig« ist, dass aber aus diesem Befund nicht folgen dürfe, nicht genauer hinzuschauen. Gerade bei muslimischen Jugendlichen, die aus dem arabischen Kulturkreis kommen, sei die Bereitschaft, sich die Welt mit antisemitischen Klischees zu erklären und ausgeprägten Judenhass zu praktizieren, groß.

Islamfeindlichkeit In einem weiteren Impulsreferat beschäftigte sich Yasemin Shooman, die Leiterin der Akademieprogramme beim Jüdischen Museum Berlin, mit der Islamfeindlichkeit in dieser Gesellschaft.

Zur Radikalisierung, wie sie gerade bei Jugendlichen aus arabischen Einwandererfamilien zu beobachten ist, sprach Lamya Kaddor, Publizistin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. Auch das aktuelle Thema Hooligans und Pegida wurde behandelt – von Olaf Sundermeyer, Buchautor und Journalist.

Einigkeit herrschte bei den Referenten wie auch bei den Gästen, dass Jugendliche im Zeitalter der Sozialen Medien schwieriger zu erreichen sind. »Jugendliche wollen über alles reden«, sagte Mansour, »über Syrien, über die Morde in Frankreich, über den Gaza-Krieg.« Doch oftmals begegneten sie überforderten Lehrern und Eltern. Da würden Verschwörungstheorien, die von den Illuminaten bis zum Mossad für alles eine scheinbare Erklärung anböten, plötzlich attraktiv.

Herkunft Einigkeit herrschte auch, dass das vor allem ein Problem der deutschen Gesellschaft ist – weniger des Herkunftslandes der Familie, mit dem die Jugendlichen oft auch nur schwach verbunden sind. »Der Salafismus«, sagte Lamya Kaddor, »hat mit Deutschland zu tun.« Die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher finde in dieser Gesellschaft statt.

In seiner Einleitung hatte Bundespräsident Gauck gesagt, dass es ihm nicht nur um die Beschreibung von Differenzen zwischen Zuwanderern und sogenannten einheimischen Deutschen ginge. »Es gibt auch Distanz zwischen Zuwanderern unterschiedlicher Herkunft«, sagte Gauck. In Abweichung von seinem Manuskript – und auf die Dresdner und Leipziger Pegida-Demonstrationen anspielend – fügte der Bundespräsident hinzu: »Es gibt auch Distanz zwischen Deutschen und Deutschen, wenn man nach Sachsen schaut auch zwischen Ossis und Ossis.«

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