Auschwitz-Prozess

Gericht unterbricht Verhandlung

Im Lüneburger Auschwitz‐Prozess hat das Landgericht am Donnerstag die Verhandlung wegen einer Erkrankung des Angeklagten Oskar Gröning unterbrochen. Der 93‐Jährige habe am Morgen nicht aus dem Bett aufstehen können, sagte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch.

Er sei schwach und gebrechlich. »Für heute sehe ich daher keine Möglichkeit, die Verhandlung durchzuführen.« Dies sei ohne den Angeklagten nicht möglich. Der frühere »Buchhalter von Auschwitz« steht seit dem 21. April wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen vor Gericht.

USA Ursprünglich hatte am Donnerstag die Zeugin Irene Weiss aussagen sollen. Die 84‐jährige Auschwitz‐Überlebende war dazu aus Fairfax in den USA gekommen und reist am Freitag wieder ab. Ihre schriftliche Aussage werde zu einem späteren Zeitpunkt vor dem Gericht verlesen, sagte Richter Kompisch. Ob sie erneut zur Hauptverhandlung anreisen werde, sei noch nicht entschieden.

Bereits am Mittwoch war ein Verhandlungstag wegen gesundheitlicher Probleme des Angeklagten vorzeitig abgebrochen worden. An diesem Tag hatte erneut ein Auschwitz‐Überlebender die Schrecken des Vernichtungslagers beschrieben. Tibor (Ted) Bolgar (90) aus Montréal überlebte mehrere Konzentrationslager und einen Todesmarsch.

Zudem trat Ilona Kalman, die als Schriftstellerin in Kanada unter dem Namen Elaine Kalman Naves publiziert, als Tochter von Holocaust‐Überlebenden in den Zeugenstand. Wie bereits ihre Schwester Judith Kalman schilderte die 67‐Jährige, welche Auswirkungen der Massenmord an den Juden in Auschwitz noch auf die nachfolgende Generation hat.

Hausarzt Gröning solle von seinem Hausarzt und einem Gerichtsmediziner untersucht werden, teilte das Gericht mit. Es solle geklärt werden, unter welchen Bedingungen die Verhandlung fortgesetzt werden könne. Das Gericht halte zunächst an den vorgesehenen weiteren Terminen in der kommenden Woche fest. Der Zeitplan des Verfahrens sei jedoch infrage gestellt, sagte Kompisch.

Irene Weiss sagte am Rande der Verhandlung, sie habe Verständnis und sei zugleich enttäuscht, dass sie nicht aussagen durfte. Die heute 84‐Jährige verlor ihre Eltern und vier Geschwister in Auschwitz. Sie wurde als 13‐jähriges Mädchen dorthin deportiert und musste Zwangsarbeit im sogenannten Kanada‐Lager leisten. Dort wurde der Besitz eingelagert, der den deportierten und dann meist ermordeten Menschen abgenommen wurde.

Nur durch einen Elektrozaun sei dieser Bereich von den Krematorien getrennt gewesen, wo Frauen, Kinder und alte Menschen verbrannt wurden, sagte sie. »Die Mordmaschinerie laufen zu sehen, ist etwas, was ich nicht vergessen kann.«

Transport Etwa ein Dutzend SS‐Männer seien in dem Lagerbereich gewesen, wenn ein neuer Transport mit deportierten Menschen ankam, sagte Weiss.

Gröning könnte einer von ihnen gewesen sein. Als er den letzten Besitz von Menschen entgegengenommen habe, habe er gewusst, dass sie getötet wurden.

Gröning war in Auschwitz für das Gepäck der verschleppten Menschen mit zuständig. Der SS‐Unterscharführer zählte und verbuchte Banknoten, die die Deportierten in ihrem Gepäck auf der Bahnrampe zurücklassen mussten. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat der heute 93‐Jährige Spuren der Massentötung verwischt, indem er half, an der Bahnrampe in Auschwitz‐Birkenau Gepäck wegzuschaffen. epd

Brüssel/Berlin

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