Brandenburg

Genosse Kippaträger

»Als Jude ist man in der Linken auf jeden Fall in der Minderheit«, sagt Peer Jürgens, der in Potsdam im Brandenburger Landtag sitzt. Foto: Rolf Walter

Wer bestimmt, wer Jude ist und wer nicht? Beginnt Jüdisch sein im Kopf oder ist es nur eine Frage der Herkunft? Gibt es so etwas wie »gefühltes« Judentum? Peer Jürgens ist kein Jude. Aber an hohen jüdischen Feiertagen trägt er die Kippa im Brandenburgischen Landtag. Er versucht, den Schabbat und Kaschrut zu halten, er besucht die liberale Synagoge. In seiner Partei eckt er dafür schon mal an. Peer Jürgens ist Abgeordneter der Linken. Und manchmal fragt er sich: »Links und Jude sein – geht das überhaupt?«

kakao Peer Jürgens ist ein geradliniger Typ. Er trinkt Kakao und bestellt Pfannkuchen mit Marmelade und Orangen, das ist um 11 Uhr sein zweites Frühstück. Überhaupt hat er etwas sehr Jugendliches, Studentenhaftes, obwohl er das Politikstudium längst abgeschlossen hat und für seinen Wahlkreis Fürstenwalde im Landtag sitzt. Wenn er einem da am Berliner Rosa‐Luxemburg‐Platz im Café so gegenübersitzt, fällt eine Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Schauspieler Tobey Maguire ins Auge – oder vielmehr mit der Figur, durch die er bekannt geworden ist: Spiderman. Peer Jürgens hat tatsächlich etwas von dieser Fantasiefigur – ohne ihn damit in ein falsches Licht rücken zu wollen.

Sei es die Sportlichkeit. Jürgens ist Triathlet. Er fährt Rad, schwimmt, läuft. Immer im Wechsel, stundenlang. Er trainiert vier bis fünf Mal die Woche, nimmt an Wettkämpfen teil. Sei es die Leichtigkeit. Er zieht mit einem Wohnmobil als Abgeordnetenbüro über die brandenburgischen Dörfer. Und sei es die Schwere, die Ernsthaftigkeit der Figur Spiderman: Wie der Comic‐Held ist er beseelt von seiner Verantwortung, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt.

regieren Er wohnt in Beeskow, einer 8.000-Seelen-Gemeinde »im ländlichen Brandenburg«, wie er es ausdrückt. Er wohnt dort, weil es in seinem Landkreis liegt und er kein Abgeordneter sein möchte, der nur ein Bürgertelefon mit Anrufbeantworter hat. Er hat dafür darauf verzichtet, in Berlin zu leben, wo er aufgewachsen ist. »Schließlich regieren wir mit der SPD im Land, und das ist eine andere Verantwortung denn als Opposition. Die Leute erwarten etwas von mir, wenn man einen jungen Mann unter 30 in den Landtag schickt«, sagt er. Immerhin hat er noch eine kleine Wohnung in Potsdam.

In »harten Wochen« komme er schon mal auf 60 Stunden. Termine im Wahlkreis, Vereine, Bürgermeister, die gehört werden wollen. »Mancher Arbeitstag beginnt um sieben und geht bis Mitternacht.« Da ist zurzeit die Sache mit dem CCS, ein Fachbegriff für die Lagerung verflüssigten Kohlendioxids, das bei der Verbrennung von Holz und Kohle abgesondert wird. Irgendwo muss das natürlich eingebuddelt werden. Der Stromkonzern Vattenfall plant, eine Entsorgung in Brandenburg vorzunehmen, ausgerechnet im Raum Beeskow. Auch die SPD will das CCS dort eingraben, die Linke ist dagegen. Die Stadt klagt, und es kam zu heftigen Protesten. »Das ist ein bisschen wie Stuttgart 21. Fast die Hälfte aller Einwohner war auf der Straße.«

Handy Nur fällt das dem Rest der Republik nicht weiter auf. Überhaupt, die ländlichen Probleme. Da gibt es kein verlässliches Handynetz. Für Leute, die am PC arbeiten, eine Unmöglichkeit. Da fährt der Bus nur zwei Mal am Tag. Da gibt es in den Dörfern keine Tante‐Emma‐Läden mehr, für alte Menschen eine Katastrophe. »So ganz irdische Sachen, die man in Berlin gar nicht wahrnimmt. Und wir haben auch noch keine fertigen Antworten.«

Freilich, im Speckgürtel um Berlin brummt es, gibt es Zuzug und Infrastruktur, aber je weiter man hinaus kommt, desto dunkler wird es. Wieder 500.000 Menschen werden die ländlichen Gebiete in den nächsten Jahren verlassen, sagt er. Dagegen will er etwas tun. Erstes Problem: Wohnen. Der Rufbus wäre eine Maßnahme. Mobile Post. Eine Bank, die er durch die Dörfer schicken will. Wie er sich dort ja selbst mit seinem Abgeordnetenmobil fortbewegt.

Nächstes Problem: Arbeit. »Es gibt Arbeitsplätze, aber die werden gar nicht besetzt. Viele Firmen suchen Azubis, aber die jungen Leute ziehen lieber weg.« Ist man also wieder bei Problem eins. Man muss schon einen Schuss Spiderman in sich haben, um diesen Windmühlenkampf aufzunehmen.

judaistik Dabei ist sein Fachgebiet eigentlich Wissenschaft und Hochschule. Drei Universitäten gibt es in Brandenburg, fünf Fachhochschulen und die Filmhochschule in Babelsberg, um deren Belange er sich kümmert. Auf einer dieser Unis, in Potsdam, hat er selbst studiert. Politik und Judaistik.

Sein Vater ist Bauingenieur, die Mutter Lehrerin in der DDR. Eines Tages betreibt er eine kleine Familienrecherche. In polnischen Kirchenbüchern findet er Hinweise auf jüdische Vorfahren, eine Familie aus Schlesien. Plötzlich ist sein Interesse geweckt. »Ein Rabbinat würde die Herkunft natürlich nicht anerkennen. Darauf beziehe ich mich auch nicht.«

Sein Bezug zum Judentum komme vielmehr aus seiner Zeit in der Antifa‐Jugend. Er demonstriert gegen Nazis in Erkner, wo sich die Eltern ein Häuschen kaufen und er Abitur machen wird. Als 15‐, 16‐Jähriger fährt er mit Berliner Antifa‐Gruppen durch ganz Deutschland. Besucht Arbeitskreise zum Thema Antisemitismus. Ja – »wogegen waren die Nazis eigentlich?«

Es ist, so gesehen, vielleicht ein längerer Prozess, in dem sich der junge Spiderman noch immer befindet. Ein langsames Herantasten und beständiges Hinwenden an das Thema, an eine Spiritualität, einen Glauben, die Pflichten. Als Zivildienstleistender entschließt er sich zur Arbeit bei Adass Jisroel. Dort ist er zunächst so etwas wie ein Hausmeister, lernt aber Riten und Feiertage, Geschichte und Gebote kennen.

konversion Dann beginnt er das Studium der Judaistik am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam und befreundet sich mit Rabbinatsstudenten. Er reist nach Israel. Geht in die Synagoge am Hüttenweg. Liest in der Tora. Feiert mit jüdischen Freunden Chanukka, Rosch Haschana, Purim, philosophiert mit ihnen. Schreibt seine Magisterarbeit über Antisemitismus und Sozialdemokratie im Kaiserreich. »Das war eine Entwicklung.«

Natürlich denkt er darüber nach zu konvertieren. Er sprach bereits mit Rabbiner Walter Homolka. Aber auch das nimmt er eben sehr ernst: »Ich habe noch nicht die innere Überzeugungsarbeit geleistet. Ich bin so weit hineingewachsen, dass ich die Werte des Judentums vertrete. Das Gemeinschaftsgefühl. Dass man die Menschen so behandeln soll, wie man selbst behandelt werden möchte.«

Und er stellt fest: »Das ist schon fast eine sozialistische Denkweise. Da sehe ich eine Verbindung zwischen Linkssein und Judesein. Wenn ich mich entschieden habe, werde ich das auch richtig machen.« Das mag man ihm glauben. Er denkt daran, eine Jeschiwa zu besuchen. Er glaube zwar nicht an einen alttestamentarischen Gott, aber daran, »dass Gott in allen Dingen ist«. Darüber kann man streiten. Auf jeden Fall hat er jüdische Streitkultur bereits verinnerlicht. Mit einem Antrag im Landesparlament, während der Ausschusssitzungen doch bitte das Kreuz von der Wand zu nehmen, zog er sich den Unmut vieler Abgeordneter zu, auch aus der eigenen Partei. Dabei berief er sich nur auf ein Grundrecht.

israel Überhaupt sitzt er da in einer vielleicht sogar vom Allmächtigen gewählten Position, in der er sich beweisen kann: »Als Jude ist man in der Linken auf jeden Fall in der Minderheit.« Das Problem ist das Verhältnis der Partei zu Israel. »Da gibt es aus der antizionistischen DDR‐Vergangenheit heraus und seitens einiger Westlinker eine große Mehrheit, die den Kampf der Palästinenser unterstützt und der Politik Israels kritisch gegenüber steht.« Zwar sei das Existenzrecht Israels Konsens in der Partei, aber: »Die Sympathien in der Partei sind propalästinensisch verteilt.«

Jürgens betrachtet es als seine Aufgabe, »dafür einzutreten, dass die Linke deutlich aufseiten der Jüdinnen und Juden steht. Dass sich Juden in einem Staat auf der Welt verwirklichen können, und dieser Staat ist nun mal Israel. Dass Israel nicht als Aggressor betrachtet wird. Hier möchte ich Aufklärung betreiben.«

linke Offen angefeindet worden sei er in der Partei noch nicht. Aber er lege sich mit einigen regelmäßig im persönlichen Streit, im Internet wie auf Parteitagen an, wenn kontroverse Abstimmungen anstehen wie derzeit die Positionierung der Bundes‐Linken in ihrem Parteiprogramm zur Nahostpolitik. »Da gibt es Anträge einer proisraelischen und einer entgegengesetzten Fraktion, die Solidarität mit den Palästinensern einfordert.« Ende Oktober werde der Parteitag entscheiden. »Schwer zu sagen, wer sich durchsetzen wird.«

Leichter hat er es da schon in der ebenso anstehenden Debatte um die Rabbinatsausbildung in Brandenburg. »Da streite ich für die Stärkung des Abraham Geiger Kollegs.« Spidey hat zu Ende gefrühstückt. Er meint es ernst. Von dem Mann wird man noch hören.

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