Auschwitz-Reise

Gemeinsames Gedenken

Seite an Seite gegen Antisemitismus und Antiziganismus: Anlass der Reise ist der 2. August, der Europäische Gedenktag für den Holocaust an einer halben Million Sinti und Roma Foto: imago images/Eibner

Mit eindringlichen Appellen gegen Nationalismus und das Vergessen haben der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, sowie Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am vergangenen Wochenende der Opfer des ehemaligen NS-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gedacht.

Die erste gemeinsame Delegation dieser Art war nach Oswiecim in Polen gereist, um sich am Sonntag an einer Gedenkfeier und einer Begehung des früheren Konzentrationslagers zu beteiligen. Anlass war der vom Europäischen Parlament für den 2. August ausgerufene Europäische Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma.

zeremonie Bei der Zeremonie wurde im ehemaligen »Zigeunerlager« der 500.000 ermordeten Sinti und Roma im von den Nationalsozialisten besetzten Europa gedacht. Vor dem Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma im Lagerabschnitt B II e in Auschwitz-Birkenau legten Vertreter der Delegation aus Deutschland Kränze nieder.

Wegen der Corona-Pandemie fand das Gedenken in kleinem Kreis statt. Interessierte konnten die Zeremonie aber im Internet per Livestream verfolgen. Auf der eigens für den Gedenktag eingerichteten Website konnten zudem Videobotschaften von Staats- und Regierungschefs, hochrangigen EU-Politikern sowie Holocaust-Überlebenden angeschaut werden.

»Auschwitz steht wie kein anderer Ort für die Schoa und damit für die Ermordung der Juden sowie der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten«, erinnerte Zentralratspräsident Schuster. »Als Juden sind wir der Gemeinschaft der Sinti und Roma zutiefst verbunden. Am heutigen Internationalen Gedenktag erinnern wir an die Sinti und Roma, deren Leben von den Nationalsozialisten grausam ausgelöscht wurden.«

schlussstrich Unter die Erinnerung dürfe kein Schlussstrich gezogen werden. Es sei Auftrag und Pflicht für die Gesellschaft, Antisemitismus und Antiziganismus in jeglicher Form zu bekämpfen, mahnte Schuster. »Gleichzeitig müssen wir gemeinsam einstehen für unsere Demokratie, die nie wieder in die Nähe einer menschenverachtenden Politik rücken darf«, so der Zentralratspräsident.

Der Hass gegen Sinti und Roma, Juden und andere Minderheiten nimmt derzeit wieder zu.

Der vom Europäischen Parlament vor fünf Jahren zum Europäischen Roma-Holocaust-Gedenktag ins Leben gerufene 2. August soll an die letzten 4300 Sinti und Roma erinnern, die in jener Nacht im Jahr 1944 in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau von SS-Angehörigen ermordet wurden. »Dieser Tag steht symbolisch für die über 20.000 Sinti und Roma, die insgesamt in Auschwitz ermordet wurden, und für die über 50.000 Sinti und Roma, die im NS-besetzen Europa Opfer des Holocaust wurden«, sagte Romani Rose. Der Tag habe für die Angehörigen der beiden Volksgruppen einen hohen Wert.

»Das Gedenken an unsere Opfer, die Erinnerung an die erlittenen Verbrechen sind Teil unserer Identität geworden«, betonte er. In seiner Rede warnte Rose vor einem wieder anwachsenden Rassismus und Nationalismus. »Das Bewusstsein für unsere Demokratie, für Rechtsstaat und für unsere gemeinsamen europäischen Werte ist nicht länger mehr Garant für den Bestand unserer Demokratie, wenn nationalistische Parteien und Regierungen in vielen europäischen Ländern in genau diesem rassistischen Nationalismus bestätigt werden«, sagte Rose.

Der Hass gegen Sinti und Roma, Juden und andere Minderheiten nehme derzeit wieder zu. »Die Anschläge in Halle im Oktober des vergangenen Jahres oder in Hanau im Februar sind nur die jüngsten Beispiele eines immer gewaltsamer werdenden Antiziganismus, Antisemitismus und Rassismus.«

WURZELN Auch die Delegationsteilnehmer der Evangelischen Kirche unterstrichen die Verpflichtung, jeglicher Form der Menschenverachtung entschieden entgegenzutreten. »Der Besuch in Auschwitz als dem Ort eines beispiellosen Menschheitsverbrechens hinterlässt Fassungslosigkeit. Es wird nie zu begreifen sein, wie Menschen anderen Menschen so etwas antun können«, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm.

Umso wichtiger sei es, die Wurzeln von Antisemitismus und Antiziganismus, die zu der Ermordung von Juden und Sinti und Roma in Auschwitz geführt haben, zu ergründen. »Auch der jahrhundertealte christliche Antijudaismus – so müssen wir Christen voller Scham feststellen – hat den mörderischen Antisemitismus gefördert«, mahnte Bedford-Strohm.

Das gemeinsame Gedenken sei für ihn ein berührendes Zeichen. »Es bedeutet für mich die Verpflichtung, immer beherzt für die Überwindung aller Formen von Menschenfeindlichkeit und Menschenverachtung zu kämpfen und aktiv für Menschenwürde und Humanität einzutreten«, so Bedford-Strohm.

Bis heute wissen nur wenige Menschen, was die Nazis den Sinti und Roma angetan haben.

Die Präses der Synode der EKD, Irmgard Schwaetzer, sagte, dass der Besuch in der Gedenkstätte ihr Leben nachhaltig prägen werde. »Angesichts der gesellschaftlichen Situation in Deutschland, in der Antisemitismus bis in die Mitte der Gesellschaft offen zutage tritt, ist es unsere Verantwortung als Christen, als Menschen die Erinnerung an die Schoa wachzuhalten, Antisemitismus in jeder Form entgegenzutreten«, sagte Schwaetzer.

Am Montag setzten die EKD-Delegation und der Zentralratspräsident Schuster ihren Besuch mit einem Treffen mit dem Direktor der Gedenkstätte, Piotr Cywinski, sowie dem Direktor der Internationalen Jugendbegegnungsstätte, Leszek Szuster, fort. In den Gesprächen betonten die Delegationsvertreter immer wieder die Bedeutung von Überlebendenstimmen, die der Nachwelt authentisch über das Geschehene berichten können.

VIDEOBOTSCHAFT Eine dieser Stimmen ist die heute 96-jährige Zilli Schmidt. Die deutsche Sintiza, die zwischen 1943 und 1945 aus zwei NS-Lagern geflohen war und Auschwitz-Birkenau überlebt hat, beteiligte sich am Sonntag an der virtuellen Gedenkzeremonie mit einer Videobotschaft. »Bis heute wissen nur wenige Menschen, was die Nazis den Sinti und Roma angetan haben«, sagte Schmidt. »Solange ich das noch kann, werde ich die Wahrheit über Auschwitz erzählen.« Sie habe die Befürchtung, dass sich die Geschichte wiederholen könnte.

»Aktuell erlebe ich, dass Menschen wieder aufgrund ihrer Abstammung ausgegrenzt werden«, sagte Schmidt. Auf der anderen Seite sehe sie aber auch, dass sich viele, gerade auch junge Menschen, mit aller Kraft für Demokratie und Menschenrechte starkmachen. Speziell an die junge Generation richtete die Schoa-Überlebende ihren Appell: »Ihr dürft nicht zulassen, dass so eine Zeit noch einmal kommt!«

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