Katar

Geldkoffer aus dem Golfstaat

Der Emir des Staates Katar, Scheich Tamim bin Hamad al Thani, wird demnächst in Berlin erwartet. 2014 empfing er in seinem Palast den damaligen Außenminister Steinmeier. Foto: picture alliance / dpa

Man könnte es das Land der Geldkoffer nennen. Die Rede ist von Katar, einem Zwergstaat am Golf. Immer wieder landen Privatflugzeuge aus dem Emirat, das keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhält, in Tel Aviv. Ihre Fracht: Reisekoffer mit reichlich Cash. Umgeladen in israelische Regierungsfahrzeuge, gelangen sie dann zum Grenzübergang Erez am Gazastreifen, wo Vertreter der Hamas bereits sehnsüchtig warten.

Meist sind es Beträge zwischen 15 und 30 Millionen Dollar, die auf diese Weise fast monatlich in die Hände der notorisch klammen Islamisten gelangen, und das alles mit dem Segen Israels. Für Bares aus Katar, so die Rechnung in Jerusalem, sollte es etwas Rares geben, und zwar dauerhafte Ruhe vor Raketen.

»In Absprache mit den Sicherheitsexperten bin ich bereit, alles zu unternehmen, damit die Bewohner in den Ortschaften im Süden wieder Ruhe haben können«, rechtfertigte Premier Benjamin Netanjahu 2018 den Geldtransfer. Aber auch eine humanitäre Katastrophe sollte verhindert werden. Und obwohl der jetzige Regierungschef Naftali Bennett und sein Finanzminister Avigdor Lieberman damals den Deal heftig kritisierten, hat sich an dem Prozedere nicht viel geändert.

Hamas Rund drei Milliarden Dollar flossen in den vergangenen zehn Jahren so in die Hände der Hamas, hat die Tageszeitung »Haaretz« ausgerechnet, zuletzt zwischen 360 und 480 Millionen Dollar pro Jahr. Ein Drittel des Geldes verwendet das Emirat dazu, Benzin aus Ägypten an die Hamas zu liefern, die es dann mit Aufschlag weiterverkauft. Ein Drittel geht an sozial schwache Familien, der Rest direkt an die Hamas.

Was auf den ersten Blick wie humanitäre Hilfe aussieht, erlaubt es den Radikalislamisten, sich und ihre Netzwerke am Leben zu halten – auch im Westjordanland. Und deswegen gibt es einen weiteren lautstarken Kritiker der Transfers, und zwar Mahmud Abbas. Denn der Palästinenserpräsident und seine Autonomiebehörde stehen nicht auf der Empfängerliste des Emirats.

Schon jetzt gilt das Land als ein Gewinner des Ukraine-Krieges.

Damit ist auch klar, wer bei Scheich Tamim bin Hamad bin Khalifa al Thani, dem Emir von Katar, in der Gunst steht und wer nicht. Man fördert weltweit islamistische Parteien und Organisationen, allen voran die in Ägypten verbotenen Muslimbrüder oder die Partei des türkischen Präsidenten Erdogan, die AKP.

investitionen Ohne die riesigen Investitionen aus Katar dürfte die Wirtschaft der Türkei noch schlechter dastehen als ohnehin schon. Wie eng die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind, beweist die Existenz einer türkischen Militärbasis auf dem Boden des Emirats. Auch hat man in Katar keine Probleme, Vertretern der Terrororganisation »Gamaat al-Islamiyya« Asyl zu gewähren.

Ein weiterer »Gast« des Emirats ist Azmi Bishara, Gründer von Balad, einer der drei Parteien, die als Vereinte Arabische Liste heute in der Knesset sitzen. Auch er fand 2007 in Katar eine neue Heimat, da ihm in Israel ein Prozess drohte. Spionage für die Hisbollah und Syrien, so lauteten die Vorwürfe. In Katar startete er eine neue Karriere.

Denn weil Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sich beschwert hatten, dass das arabischsprachige Programm des weltweit operierenden TV-Senders Al Jazeera, der Katar gehört, ein Sprachrohr der verbotenen Muslimbrüder sei, ließ das Herrscherhaus 2015 kurzerhand Al Araby gründen, einen weiteren Sender – diesmal quasi als Kontrastprogramm mit klassisch panarabischer Ausrichtung. Bishara hat bei Al Araby das Sagen. Dem Herrscherhaus steht er als Berater sehr nahe, er erhielt einen Diplomatenpass.

Seinen Einfluss will Bishara nun nutzen, damit zur Fußball-Weltmeisterschaft der Männer, die Ende dieses Jahr in Katar stattfindet, keine Israelis anreisen dürfen. Mindestens 15.000 haben bereits Tickets dafür gebucht, mit über 20.000 wird gerechnet.

Fußball-WM Ein möglicher Boykott sowie die Gefahren, die Israelis in dem Emirat drohen könnten, beschäftigten jüngst auch den Nationalen Sicherheitsrat Israels. Ob Bishara mit seiner Kampagne Erfolg hat, ist keinesfalls sicher. Denn die Fußball-WM ist für den al-Thani-Clan das Prestigeobjekt schlechthin. Mindestens 150 Milliarden Euro hat man sich Stadionbauten und Infrastruktur kosten lassen, um so auch das eigene Image aufzupolieren. Und weil dabei über 6500 ausländische Arbeiter den Tod fanden, was wiederum für schlechte Presse sorgte, will man gewiss keinen weiteren PR-Schaden.

Zudem sind die al Thanis absolute Pragmatiker, die keine Probleme damit haben, einen den Muslimbrüdern nahestehenden und Hitler verehrenden Prediger wie Yusuf al Qaradawi als Anchorman für alles Religiöse bei Al Jazeera zu beschäftigen, gleichzeitig aber einem ehemaligen Marxisten und Vertreter des säkularen Panarabismus vom Schlage Bisharas den Chefposten bei Al Araby zuzuschustern – Hauptsache, es dient der Vermehrung des Einflusses.

Ähnlich sieht der Umgang mit Israel aus. Noch im Februar hatte Katars Außenminister, Scheich Mohammed bin Abdulrahman al Thani, kategorisch ausgeschlossen, so wie andere Golfstaaten die Beziehungen zu normalisieren. Zwar gab es in der Vergangenheit eine israelische Handelsvertretung, doch die wurde schnell wieder dichtgemacht. Außerdem habe man nach dem Krieg in Gaza 2008 »alle Hoffnung verloren«, dass es zu einer Zweistaatenlösung kommt, so der Außenminister. Das sollte das Emirat aber nicht davon abhalten, 2013 Israel still und heimlich bei der Evakuierung der letzten Juden aus dem Jemen zu helfen.

Drohnentechnik Mit Washington kann man gleichfalls bestens. »Katar ist ein guter Freund und verlässlicher Partner«, so US-Präsident Biden noch im Januar. Zudem erklärte er das Emirat, das ebenfalls Heimat des größten amerikanischen Luftwaffenstützpunkts am Golf ist, zu einem bedeutenden Nicht-Nato-Verbündeten – ein Status, der es Katar erlauben könnte, neueste Drohnentechnik zu kaufen.

Zeitgleich finanziert das Herrscherhaus neben den Muslimbrüdern das Who’s who des radikalen Islam.

Zeitgleich finanziert das Herrscherhaus neben den Muslimbrüdern das Who’s who des radikalen Islam. Im Prozess der Familie des 2014 vom Islamischen Staat in Syrien ermordeten US-Journalisten Steven Sotloff gegen Institutionen aus Katar kam jüngst heraus, dass Khalid bin Hamad al Thani, Halbbruder des Emirs, 800.000 Dollar an genau die Person überwiesen hat, die Sotloff sowie einen weiteren Amerikaner in einem islamistischen Schauprozess zum Tode verurteilt hatte.

»Katar übt einen äußerst bedrohlichen Einfluss auf zentrale Interessen der USA aus«, bringt es ein amerikanischer Experte der Region, der anonym bleiben will, im »Tablet Magazine« auf den Punkt. »Das Problem ist, dass Katar strukturell absolut promisk ist. Überall versucht man, Schutz zu kaufen, und gibt der Muslimbruderschaft, der Hisbollah oder der Hamas und der Al-Nusra-Front in Syrien Geld, allesamt unsere Feinde. Angeblich ist Katar ein Verbündeter der USA, doch man macht mit Organisationen und Ländern Geschäfte, die diametral zu den amerikanischen Interessen stehen.«

Dass sich kaum Stimmen dagegen erheben, liegt auch an der Lobbyarbeit des Emirats in den USA. Laut der NGO »Project On Government Oversight« investierte Katar zwischen 2011 und 2017 über eine Milliarde Dollar in amerikanische Universitäten. Das Institute for the Study of Global Antisemitism and Policy in New York spricht gar von drei Milliarden Dollar, die größtenteils aus Katar stammten und einen Beitrag dazu leisteten, dass die BDS-Bewegung auf so manchem Campus einer Elite-Uni populär werden konnte. Auch wichtige Thinktanks wie die »Brookings Institution« würden großzügig bedacht. So erkauft man sich Einfluss.

Softpower Dass die Mittel für den massiven Einsatz von Softpower ausgehen könnten, darüber muss man sich in Katar keine Sorgen machen. Schon jetzt gilt das Emirat als ein Gewinner des Krieges in der Ukraine, weil es genau das hat, was in Europa womöglich bald knapp werden könnte, nämlich Erdgas.

Im März war Wirtschaftsminister Robert Habeck eigens nach Doha gereist, um Deutschland durch eine »Energiepartnerschaft« aus der Abhängigkeit von Russland zu befreien. In trockenen Tüchern, wie die Bundesregierung es gerne hätte, ist der Deal noch lange nicht. Nun kommt der Emir dieser Tage nach Berlin, um nachzuverhandeln, wobei Katar gute Karten hat, mehr herauszuschlagen. Die Zukunft der Geldkoffer nach Gaza scheint also gesichert.

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