Antisemitismus

Gegen den Hass

Auf dem Podium (v.l.): Reinhard Schramm, Bassam Tibi, Esther Schapira, Jörg Diehl, Josef Schuster und Walter Jung Foto: Eugen El

Antisemitismus. Alte Formen – Neue Ressentiments» lautete das Motto des diesjährigen Herbstgesprächs des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, das am Dienstagabend in Wiesbaden stattfand.

An der Podiumsdiskussion im Hessischen Landtag nahmen unter anderem Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, und Esther Schapira, Fernsehjournalistin und Buchautorin, teil.

vorurteile Dabei berichtete Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, von seinen Begegnungen mit verurteilten Rechtsextremisten. Er habe immer wieder dieselben Vorurteile gehört. Denn oft fehle jungen Rechtsextremisten Wissen, sagte Schramm. Gleichwohl könnten sich junge Menschen ändern: «Ich denke, es war nicht umsonst», resümierte er seine Treffen.

Auf diffamierende Äußerungen von AfD-Politikern zur deutschen Erinnerungskultur angesprochen, sagte Josef Schuster, sie lösten bei ihm im ersten Moment Unverständnis aus, im zweiten Moment Erschrecken. Ein breiter öffentlicher Aufschrei sei ausgeblieben. Das Erschreckendste jedoch sei, so Schuster, dass bei der jüngsten Bundestagswahl jeder achte Wähler für die AfD gestimmt hat.

«Der Dammbruch ist keine Erfindung der AfD», stellte Esther Schapira klar – und erinnerte an umstrittene Äußerungen der Schriftsteller Martin Walser und Günter Grass. Schapira und Schuster stimmten darin überein, dass man nicht auf jede Entgleisung der AfD reagieren sollte.

Drohbriefe Reinhard Schramm sprach anschließend über regelmäßig eintreffende Drohbriefe. Sie seien mittlerweile in perfektem Deutsch verfasst und mit (verdrehten) Fakten unterfüttert. Der Antisemitismus sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Josef Schuster bestätigte Schramms Einschätzung.

«Kein Mensch wird als Antisemit geboren», ergänzte er: Antisemitisches Gedankengut sei auch nach 1945, zumindest als Vorurteil, im häuslichen Umfeld weitergegeben worden. Esther Schapira betonte, antisemitische Parolen seien heute oft auf Israel bezogen. Der Antizionismus sei ein «Querfront-Thema», das Rechte, Linke, Intellektuelle und Muslime vereinige.

Bassam Tibi, emeritierter Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen, erzählte von seiner Schulzeit in Damaskus. Im Geschichtsunterricht seien antisemitische Vorurteile gelehrt worden. Tibi berichtete von einer Wende in seinem Leben, nachdem er im Alter von 18 Jahren nach Deutschland kam. «Ohne Adorno und Horkheimer wäre ich heute Antisemit», sagte er in Bezug auf seine akademischen Lehrer. Den Antisemitismus unter Muslimen könne man indes nicht polizeilich bekämpfen, betonte der Politikwissenschaftler. Vielmehr müsse man «umerziehen».

Tibi schilderte Begegnungen mit jungen Syrern, die ihm gegenüber antisemitische Verschwörungstheorien äußerten. «Ich bin dagegen, die Flüchtlinge zu verteufeln», sagte Tibi. Es helfe jedoch nicht, vor dem Problem des Antisemitismus die Augen zu verschließen.

Studie Im Vorfeld hatte das Landesamt für Verfassungsschutz eine Studie über «Erscheinungsformen und ideologische Hintergründe antisemitischer Agitation in den sozialen Netzwerken» veröffentlicht. Für die Studie wurden antisemitische Kommentare auf den Facebook- und YouTube-Präsenzen großer deutscher Medienhäuser ausgewertet, insbesondere im Hinblick auf den politischen beziehungsweise religiösen Hintergrund der jeweiligen Nutzer.

Im Ergebnis stellt die Studie fest: «Bei Beiträgen zum Thema Juden beziehungsweise Judentum im Allgemeinen halten sich antisemitische Kommentare aus dem rechten Spektrum und solche mit muslimischem Hintergrund quantitativ in etwa die Waage.»

In seinem Grußwort sagte Robert Schäfer, Präsident des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Ziel der Studie sei gewesen, «die vielen Gesichter des Antisemitismus deutlich werden zu lassen». Antisemitismus, von wem auch immer und in welcher Form auch immer, werde nicht toleriert, so Schäfer.

Integration Zu Beginn der Podiumsdiskussion hatte der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) deutlich gemacht, dass der Kampf gegen Antisemitismus ein wesentlicher Bestandteil der Integrationsarbeit sei.

Josef Schuster wandte ein, jeder Versuch der Wertevermittlung müsse scheitern, wenn die Menschen abends den arabischen Fernsehsender «Al Jazeera» schauten. «Al Jazeera ist antisemitisches Fernsehen», stimmte Bassam Tibi zu. «Es sind nicht nur die Fernsehsender, sondern auch die sozialen Medien», ergänzte Esther Schapira. Tibi und Schapira berichteten von Lehrern an deutschen Schulen, die die Themen Israel und Schoa mieden, um keine Konflikte unter Schülern zu provozieren.

Abschließend sagte Bassam Tibi: «In diesem Land darf es keinen Antisemitismus geben.» Reinhard Schramm betonte, es gebe die Chance, den Antisemitismus unter jungen Flüchtlingen in den kommenden Jahrzehnten einzudämmen. Gelinge dies nicht, «könnten wir in 20 bis 30 Jahren etwas ganz Schlimmes erleben». Esther Schapira sieht neben der Politik auch die Zivilgesellschaft am Zug. Jeder könne gegen Antisemitismus eintreten. Es sei wichtig, neu Eingewanderten das Wertegefüge der Bundesrepublik zu vermitteln, sagte Josef Schuster. Dies sei, stimmte er Bassam Tibi zu, «unverhandelbar».

Canberra

Australien startet nationale Untersuchung zu Anschlag von Bondi Beach

Die Royal Commission soll auch Empfehlungen vorlegen, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt in einem multikulturellen Land gestärkt werden kann

 24.02.2026

Washington D.C.

Trump plant Zwei-Phasen-Krieg gegen Iran

Sollte Teheran nach einem ersten Militärschlag der USA nicht bereit sein, sein Atomprogramm aufzugeben, könnte laut »New York Times« eine deutlich größere Militärkampagne erfolgen

 24.02.2026

Deutschland

Zahl der judenfeindlichen Straftaten steigt erneut 

Bei einem großen Teil der Vorfälle gibt es einen Bezug zu Israel und den 7. Oktober 2023

 24.02.2026

Los Angeles

Rob Reiners Sohn will seine Eltern nicht ermordet haben

Dem 32-Jährigen wird vorgeworfen, seinen Vater Rob Reiner und seine Mutter Michele Singer Reiner im Dezember vergangenen Jahres getötet zu haben

 24.02.2026

Nahost

US-Flugzeugträger soll in Haifa anlegen, Militärflugzeuge sind bereits in Israel

Neben der die USS Gerald R. Ford sind Tank-, Versorgungs- und Transportflugzeuge des US-Militärs vor Ort

 24.02.2026

Berlin

Innenminister Dobrindt: Asylbewerber sollen schneller arbeiten dürfen

Einen Antrag auf Asyl in Deutschland stellen und nach wenigen Wochen eine Arbeit aufnehmen? Das könnte bald möglich werden

 24.02.2026

Parteien

Merz: Wollen Zusammenarbeit weder mit AfD noch mit Linken

Nach den ostdeutschen Landtagswahlen könnte eine Regierungsbildung ohne AfD und Linke unmöglich sein. Der Kanzler und CDU-Chef will sich darüber aktuell noch keine Sorgen machen

 23.02.2026

London

Epstein-Skandal: Peter Mandelson festgenommen

Nach Ex-Prinz Andrew wird nun auch das frühere Kabinettsmitglied Peter Mandelson wegen mutmaßlicher Verbindungen zum Sexualstraftäter Epstein festgenommen

 23.02.2026

Debatte

Europäische Rabbiner für Social-Media-Verbot für Kinder

Parteien, Wissenschaftler und nun auch Rabbiner - die Unterstützung für ein Social-Media-Verbot für Minderjährige wächst. Gleichzeitig mehren sich auch die mahnenden Stimmen, die betonen: Ein Verbot allein reicht nicht.

von Johannes Peter Senk  23.02.2026