Facebook

Gefällt mir

Foto: Thinkstock

Bekanntlich hat Mark Zuckerberg Facebook im Februar 2004 gegründet, um nichtjüdische Frauen kennenzulernen. Armer Zuckerberg! Er hat sich damals vor zehn Jahren wohl kaum vorstellen können, dass alle jüdischen Frauen der Welt ihm ins Facebook folgen würden. Und alle jüdischen Männer auch.

»Facebook und Juden« – eine faschistoide Webseite aus dem Nahen Osten zählt minutiös auf, welche Juden Facebook gründeten und welche es bis heute kontrollieren. Liebe Antisemiten, es stimmt: Facebook ist maßgeblich von Juden gestaltet worden. Das Konzept Facebook ist Judentum!

Uriel Heilman von der Jewish Telegraphic Agency behauptet sogar, Facebook sei ein Talmud von heute – haben doch beide eine ausgeprägte Kultur der Kommentierungen gemeinsam. Und im Museum des Gegenwartsjudentums in San Francisco diskutieren Rabbiner und Internetmanager darüber, inwiefern die Tradition des assoziativen Denkens dem Talmud und dem Internet gemein ist. Da fassen sich die Antisemiten an den Kopf. Und ich? »I like!«

grenzüberschreitend Doch es gilt auch umgekehrt: Wie hätte Facebook jüdisches Leben überhaupt verändern können? Juden sind immer schon ein bisschen »facebook« gewesen. Judentum lebte von grenzüberschreitenden Vernetzungen. Und mit Grenzen sind nicht nur Landesgrenzen gemeint! Und ja, Judentum lebte immer schon von ellenlangen Kommentarstreifen und kreisförmigen Auseinandersetzungen mit steilen Thesen. Insofern war Facebook kein neues Konzept, lediglich ein neues Instrument zur traditionellen jüdischen Sozialvernetzung.

Doch etwas ist doch anders: Nicht nur hat Facebook die Vernetzung unter Juden erweitert und demokratisiert. Das Tool hat eine Gleichzeitigkeit des jüdischen Lebens geschaffen. Vernetzt waren viele auch früher gewesen, aber gleichzeitig gelebt und erlebt – das hatten nur wenige. Alles Wichtige und das Kuriose aus der jüdischen Welt erfahren wir innerhalb von Minuten. Facebook ist eine demokratische Möglichkeit, sich als Jude zu »entprovinzialisieren«, sich als ein »Jude der Welt« zu fühlen, ohne das eigene Schlafzimmer zu verlassen. Facebook gibt Inspiration und spendet Trost.

informiertheit Ganz praktisch und ganz konkret: Wir wissen, wo was passiert. Ein Freund sagte dazu: »Dank Facebook kenne ich jetzt viel mehr jüdische Veranstaltungen, zu denen ich nicht hingehe.« Facebook hat unsere Informiertheit erhöht. Und unsere Entscheidungsfreiheit auch: Wir können wissen, aber wir müssen nicht mitmachen. Diese Freiheit der Beteiligung ohne Teilnahme ist für das jüdische Leben Chance und Fluch zugleich.

Mit sozialer Vernetzung geht aber auch soziale Kontrolle einher. Wer auf jüdisch macht und nach Sonnenuntergang ein Foto postet, kriegt spätestens Samstagabend den Eintrag ins jüdische Benimmbuch: »So, so – am Schabbat Computer bedienen?« Und das Schlimme: Solche Einträge löschen sich nicht nach jedem Jom Kippur von selbst!

Und auch das ist ein Vorteil von Facebook: Innerjüdisch können wir uns den Lebenswelten von anders lebenden Juden nähern, denen wir sonst fernblieben. Facebook erlaubt uns, die Grenzen der religiösen Strömungen zu überwinden: Die Liberalen können den Orthodoxen folgen und sich mit ihnen sogar austauschen. Und umgekehrt.

austausch Ähnliches gilt für den Austausch mit der nichtjüdischen Öffentlichkeit. Der Manager einer jüdischen Künstlerin sagte mir (natürlich über Facebook), dass es über das Netzwerk möglich ist, Kontakt mit wichtigen nichtjüdischen Politikern und Meinungsbildnern zu knüpfen oder aufrechtzuerhalten, die man sich als jüdische Person sonst nicht zu fragen getraut hätte.

Facebook – eine Inspiration! Facebook – ein Augenöffner! Gäbe es kein Facebook, wüssten wir nicht, wie viele Menschen uns hassen. Natürlich wissen wir, dass die Welt voller Antisemiten ist. Doch wie real diese Menschen sind, wie konkret ihre Ideen, das kann man nur auf Facebook erleben. Und dass manch ein »Freund« dazugehört, das erfährt man auch dort. Facebook sei Dank!

hetze Dass Seiten wie »Kill a Jew« oder »Dritte Intifada« antisemitischen Hass verbreiten und manchmal unbehelligt ihre Hetze verbreiten dürfen – das ist auch ein Teil der Facebook-Geschichte. Genauso wie viele andere Seiten, die dagegenhalten. Es gibt leider immer noch kein jüdisches Leben ohne Judenhasser. Erst recht nicht auf Facebook.

Und es gibt noch etwas anderes sehr Jüdisches bezüglich Facebook: Hast du es dir gerade gemütlich eingerichtet, schon steht die Mischpoche vor der Tür. Im Jahre 10 nach seiner Gründung wird Facebook zum jüdischen Familientreffen. Samt Kochen (Kochrezepte), Essen (Fotos vom Essen sind stets ein Hit!) und Partnervermittlung (»Deine Mama hat dir diese Person für deine Kontaktliste empfohlen«). Die ganz junge Generation zieht es deshalb vor, woanders zu kommunizieren. Ein Glück für Mark Zuckerberg, dass er seine nichtjüdische Liebe schon gefunden hat!

Vetschau/Spreewald

Sellner-Vortrag in Brandenburg trotz Ärger in AfD

Ein Autohaus an der Autobahn mit Medienauflauf: Der österreichische Rechtsextremist hält einen Vortrag über Remigration. Nach Knatsch in der AfD ist die Landtagsabgeordnete Kotré nur Gast statt Gastgeberin

von Marc-Oliver von Riegen  23.01.2026

Davos/Washington D.C.

Trump: Marine-Armada nähert sich dem Iran

»Wir haben viele Schiffe, die in diese Richtung fahren, nur für den Fall«, sagt der Präsident

 23.01.2026

Davos

Kushner präsentiert 25-Milliarden-Dollar-Plan für Gaza

Laut dem Sondergesandten und Schwiegersohn des US-Präsidenten soll der Küstenstreifen bis 2035 ein Wirtschaftszentrum werden

 23.01.2026

Davos

Israels Präsident sieht iranische Führung als sehr fragil

Israels Präsident Herzog nimmt die iranische Führung nach den Massenprotesten als geschwächt wahr. Warum er trotzdem vor zu viel Optimismus warnt und internationale Unterstützung fordert

von Sara Lemel  22.01.2026

Davos

Trump gründet »Friedensrat«

US-Präsident Trump und weitere Staatenlenker unterzeichneten das Gründungsdokument des umstrittenen neuen Gremiums. Israel nahm an der Zeremonie nicht teil, will aber Mitglied des Rates werden

 22.01.2026

Diplomatie

Papst ernennt neuen Botschafter für Israel

Erst seit 1994 haben der Vatikan und Israel volle diplomatische Beziehungen. Der Botschafter des Papstes dort ist zugleich auch Delegat für Palästina. Nun hat der Papst einen Wechsel vorgenommen

 22.01.2026

Ulm/Stuttgart

Anklage nach Angriff auf israelischen Rüstungskonzern

Bekennervideos, zerstörte Labore und Proteste gegen ein Unternehmen aus Israel: Was den fünf Angeklagten vorgeworfen wird

 22.01.2026

NRW

Einladung von Terrorunterstützerin: Jüdische Gemeinde fordert Konsequenzen

In einer Presseerklärung wird eine Abberufung der Rektorin der Kunstakademie Düsseldorf, Donatella Fioretti, gefordert

von Imanuel Marcus  22.01.2026

Washington D.C.

USA wollen israelfeindlichen Aktivisten nach Algerien abschieben

Der frühere Student Mahmoud Khalil wird von den Behörden als Hamas-Unterstützer eingestuft. Seine Abschiebung sei auch eine Mahnung an Nicht-Staatsbürger im Land

 22.01.2026