Einspruch

Geeint gegen Israel

Ninve Ermagan Foto: privat

Einspruch

Geeint gegen Israel

Ninve Ermagan wundert sich, gegen welche Ungerechtigkeiten Muslime demonstrieren und gegen welche nicht

von Ninve Ermagan  22.02.2024 09:44 Uhr

Der Nahost-Konflikt ist wieder entflammt – und er hat Auswirkungen auch auf unser Zusammenleben. Es ist der einzige Konflikt, in dem sich die islamische Welt geschlossen positioniert und mit »Genozid«- Vorwürfen um sich wirft, Israel der Kriegsverbrechen beschuldigt und sich um die Situation der Zivilisten in Gaza sorgt.

Ein Autokrat wie Erdogan, der das kurdische Volk in Nordsyrien bombardiert und Regimekritiker verhaften lässt, vergleicht Netanyahu mit Hitler, bezeichnet Israel als »Terrorstaat« und die Hamas als »Befreiungsorganisation.« Auch Syriens Machthaber Assad scheint um das Leid der Palästinenser besorgt – derselbe Mann, der Dutzende palästinensische Flüchtlinge in seinen Gefängnissen foltern ließ und auch sonst nicht viel Wert auf Menschenrechte legt.

Die Äußerungen der arabischen und islamischen Staatschefs sind ziemlich verlogen. Ebenso verlogen ist jedoch leider auch die Haltung vieler muslimischer Demonstranten.

Der Nahostkonflikt – besser gesagt: Israel – scheint das weltweit einzige Thema zu sein, das Muslime in großer Zahl auf die Straße treibt.

Es sind nicht die Mörderbanden des Islamischen Staates, nicht der Krieg gegen die Kurden, nicht die ethnische Säuberung in Bergkarabach, die Frauenrechtsbewegung im Iran, weder die Kriegsverbrechen im Jemen noch die Taliban-Regierung in Afghanistan. Die Liste könnte endlos fortgeführt werden. Der jüdische Staat schafft, was keinem je gelang – dass sich einander verhasste Gruppen zusammenschließen: Sunniten demonstrieren mit Schiiten, propalästinensische Türken kämpfen gemeinsam mit den Kurden um »Freiheit für Palästina.« Selbst der unpolitischste muslimische Influencer findet in seiner Insta-Story neben seinen Styling- und Lifestyletipps plötzlich deutliche Worte gegen Israels »Apartheidstaat.«

Als assyrische Christin gehöre ich einer Minorität im Nahen Osten an, die immer wieder Vertreibung, Verfolgung und Völkermord ausgesetzt ist. Das Christentum ist die am stärksten verfolgte Religion – vor allem in islamischen Ländern. Als der Islamische Staat einen Genozid an den assyrischen Christen und Jesiden verübte, schwieg die islamische Welt weitestgehend. In all den Jahren schafften es die Muslime in Europa nicht, eine Massendemonstration zu organisieren, die den Terror des IS verurteilt hätte. 2017 kamen beim groß angekündigten Friedensmarsch in Köln statt 10.000 Menschen nur 2.000 zusammen. Zu jener Zeit lösten enthauptete Christen und vergewaltigte Jesidinnen kein großes Mitgefühl in der islamischen Gemeinschaft aus. Im Gaza-Krieg hingegen wird nun vermehrt auf das Leid palästinensischer Christen verwiesen, auf ihre durch die israelische Armee zerbombten Gotteshäuser. Mit Sätzen wie »Advent, Avent – Gaza brennt!« machen muslimische Demonstranten auf ihr Schicksal aufmerksam.

Doch lassen wir die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten einmal außen vor – wie sah es in Europa nach den islamistischen Attentaten aus? Die Anschläge von Berlin, Manchester, London, Paris wären Anlass genug gewesen, um laut hinauszuschreien: Der Islamismus ist eine tödliche Ideologie und bedroht unser friedliches Zusammenleben. Doch der Aufschrei blieb aus. Die Eskalationsspirale erreichte Ende 2020 nach der Wiederveröffentlichung der Charlie-Hebdo-Karikaturen einen Höhepunkt: Der Lehrer Samuel Paty wurde in Frankreich von einem Islamisten enthauptet, es folgten Anschläge in Nizza und Wien. Zu dieser Zeit organisierten Muslime Massendemonstrationen in der islamischen Welt – und auch in Europa. Wer glaubt, dass die Gläubigen auf die Straße gingen, um ein Zeichen gegen den islamistischen Terror zu setzen, hat sich getäuscht: Sie verurteilten nicht die islamistischen Mörder, sondern die Schmähung ihres Propheten Mohammed.

Eine weltweite Empörungswelle folgte auch prompt auf die Koranverbrennung eines irakischen Christen in Schweden. Ja, es war durchaus eine geschmacklose Aktion, das heilige Buch der Muslime zu verbrennen. Doch kann man das als gläubiger Muslim nicht aushalten? Häufig heißt es: »Meine religiösen Gefühle als Muslim sind verletzt.« Sind die religiösen Gefühle der Muslime etwa nicht verletzt, wenn im Namen ihrer Religion so viel Blut vergossen wird?

In vielen muslimischen Ländern werden Homosexuelle öffentlich gehängt, religiöse und ethnische Minderheiten unterdrückt und Frauenrechte mit Füßen getreten. »Christen in Pakistan werden wie Tiere behandelt«, erklärte mir ein aus dem Land geflüchteter Christ. Wenn wir Christen auf jede Bibelverbrennung so aggressiv reagieren würden, auf die Alltagsdiskriminierung, die Zerstörung unserer Gotteshäuser, die immer wiederkehrenden Angriffe wütender Mobs, denen die religiöse Minderheit in islamischen Ländern ausgesetzt ist, dann dürfte ich keine Sekunde stillsitzen. Wenn christliche Glaubensanhänger demselben Reflex folgen würden, wie wütende Muslime nach einer harmlosen Mohammed-Karikatur, dann hätten wir womöglich bürgerkriegsähnliche Zustände. Das Schweigen der Muslime über Terror in den eigenen Reihen wäre an dieser Stelle unproblematisch, wenn auf satirische Mohammed-Karikaturen und blasphemische Aktionen ebenfalls ein dröhnendes Schweigen folgen würde.

Warum ist das so? Warum fluten Muslime die Straße, sobald es um Israel geht? Vor kurzem traf ich den Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, der mir erklärte, dass viele Muslime mit dem Grundsatz erzogen werden: »Schuld an der Misere der Muslime in der ganzen Welt tragen die Juden.« »Die Kulpabilisierung der Juden ist eine Projektionsfläche für die seit Jahrhunderten andauernde Sinnkrise des Islams und die Probleme und Ängste der Muslime«. Man brauche Israel, Juden überall in der Welt, »damit die ewige Opferrolle der Muslime gepflegt wird.«

Auf eine Sache ist dementsprechend immer Verlass: Beim Thema Israel wird nicht geschwiegen. Selbst kurz nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober machen sich einige nicht mal die Mühe, ihren Hass auf Juden zu verschleiern. Mord, Folter und Vergewaltigungen an der israelischen Bevölkerung werden nicht verurteilt, nicht einmal so benannt, sie werden als »Widerstand« und »Freiheitskampf« glorifiziert.

Beim Vorbeigehen an einer Pro-Palästina-Demo in Frankfurt wütete meine iranische Freundin angesichts der Menschenmassen: »Wo wart ihr als es um den iranischen Freiheitskampf ging?« Schließlich handele es sich bei dem Iran um einen Apartheidsstaat, schimpfte sie. Würden diese Menschen für die Rechte der Palästinenser kämpfen, wenn die Bombardements in Gaza von Ägypten, Syrien oder der Türkei ausgehen würden? Ich habe Zweifel.

Das große Wegducken  zu all den anderen Konflikten ist das Eine. Das wirklich Erschütternde bleibt jedoch die Islamismus-Verharmlosung und der blanke Judenhass unter einigen Migranten. Ich war überzeugt, es sei Konsens, den Mord an unschuldigen Zivilisten zu verurteilen. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass Freunde und Bekannte aus meinem Umfeld sowie »Migrantifa«-Organisationen das Abschlachten von Juden als Akt des Widerstands gutheißen. Eine Bekannte entgegnete mir, dass es keine unschuldigen Opfer seien, die durch die Hamas ermordet wurden: »Welcher normale Mensch feiert auf einem Rave neben einem Freiluftgefängnis?« Ich antwortete nicht.  »Es ist das erste Mal in der modernen Historie, dass Palästina sich in dem Ausmaß der neuesten Angriffe verteidigt«, schreibt Migrantifa Rhein Main kurz nach dem 7. Oktober. Eine Organisation, die lautstark überall Rassismus anprangert – doch, wenn Juden massakriert werden, sofort auf den Kontext verweist.

Natürlich muss über das Vorgehen Israels im Gazastreifen diskutiert und Kritik geäußert werden. Mich stört jedoch die Doppelmoral der islamischen Gemeinschaft und das Einschießen auf den einzigen jüdischen Staat. Wer als Israeli ein Problem mit der Regierung hat, kann auf die Straße gehen und seinen Unmut ausdrücken. Im Iran werden Kritiker des Mullah-Regimes öffentlich an einem Krahn gehängt. Wo bleibt da der Aufschrei?

Plötzlich wird man mit der Frage konfrontiert, auf welcher Seite man steht. Dabei ist die Antwort gar nicht so kompliziert: Ich stehe auf der Seite der Menschlichkeit. Ich möchte nicht, dass der Tod von Juden gefeiert wird – und über das Leid der Menschen in Gaza hinweggesehen wird. Die Palästinenser können einem nur leidtun, denn ihr Leid wird seitens der muslimischen Welt für den Kampf gegen Israel regelmäßig instrumentalisiert. Wenn es um aktive Hilfe für das Volk seitens der arabischen Staatschefs geht, dann passiert nicht viel. Indes bleiben die Urheber dieses Blutvergießens ungenannt: Ohne den brutalen Angriff der Hamas würde es dieses Ausmaß der Zerstörung in Gaza nicht geben. An ihren Händen klebt das Blut israelischer und palästinensischer Zivilisten. Wer das nicht ausspricht, ist nicht Pro- Palästina, sondern Anti-Israel. Ein Islamismus-Verharmloser. Ein Judenhasser.

Die Autorin ist freie Journalistin.

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