Schawuot

Gebote und Vernunft

Die Tora braucht kein Update. Die älteste Software der Welt ist immer noch aktuell. Foto: Thinkstock

Wir leben in einer Welt, in der es anscheinend nur noch darauf ankommt, rechtzeitig die aktuellste Update-Version zu installieren oder über die neueste Technologie zu verfügen, damit das nächste Upgrade überhaupt funktionieren kann. Gerade deshalb sei an Schawuot, dem jüdischen Wochenfest, an dem wir uns der Toragebung am Berg Sinai erinnern, die Frage erlaubt, wie es um die älteste Software in der Welt steht: die Bundestafeln mit dem Dekalog.

Schauen wir uns also einige der Asseret haDibrot, der Zehn Aussprüche, im Lichte der Modernität näher an: »Gedenke des Schabbats; halte ihn heilig!« Viele Menschen fühlen sich durch das strenge Arbeitsverbot am Schabbat mit seinen rigiden Vorschriften eingeschränkt, finden es nicht mehr zeitgemäß.

Management Statt den Ursprüngen des Tätigkeitsverbots am Schabbat mit seinen beeindruckenden religiösen, sozialen, historischen und universalen Implikationen nachzugehen, möchte ich das Ergebnis einer Umfrage aufgreifen, die eine deutsche Krankenkasse »unter 950 Führungskräften im mittleren Management« durchgeführt hat. Demnach sind rund 90 Prozent dieses Personenkreises auch außerhalb ihrer Arbeitszeiten für die Belange des Unternehmens erreichbar. Interessant, wie die Betroffenen dies bewerten: 68 Prozent sprechen dabei von »gesundheitlicher Belastung«. Jeder Fünfte führt seine zeitweise Arbeitsunfähigkeit dabei »ganz oder teilweise auf die hohe Arbeitsbeanspruchung« zurück.

Wer den Schabbat einhält und auf ständige Erreichbarkeit durch Rufumleitungen und andere technologische Neuheiten verzichtet, hat mehr von seinem freien Tag! Und den Krankenkassen kann man nur raten: Verschreiben Sie den Beschäftigten die Einhaltung des Schabbat! Ihr Unternehmen wird Millionen von Euro an Krankengeldzahlungen sparen.

»Ehre deinen Vater und deine Mutter.« Die Tatsache, dass wir das Gebot, die Eltern zu ehren, auf der gleichen Tafel finden, in der das Verhältnis zwischen Mensch und G’tt beschrieben wird, macht ausreichend deutlich, dass in diesem Gebot Grundlegendes über das jüdische Familiengefühl ausgesagt wird. Wenn aber Eltern von ihren Kindern erwarten, mit der gleichen Ehrfurcht behandelt zu werden, wie sie G’tt einfordert, müssen sie zunächst selbst die Gebote einhalten und Vorbild sein.

»Du sollst nicht morden.« Dass das Mordverbot (für diejenigen, die immer nur die falschen Übersetzungen lesen: Es heißt nicht »nicht töten«!) so notwendig wie aktuell ist, sollte uns nicht immer nur bei den meist amerikanischen (und damit ja scheinbar nicht uns betreffenden) Diskussionen über den Zusammenhang von Waffenbesitz und Amokläufen klar werden.

Steuerflucht »Du sollst nicht stehlen.« Beim Diebstahlsverbot empören wir uns regelmäßig (zu Recht) über Steuerflüchtlinge, Schwarzkontenbetreiber und andere Wirtschaftsbetrüger im großen Stil, obwohl es im Dekalog eigentlich um Menschenraub geht. Das Stehlen von Gütern wird an anderen Stellen der Tora besprochen.

Wer sich von der Klischeevorstellung des jüdischen Wucherers frei macht und sich stattdessen mit jüdischer Wirtschaftsethik beschäftigt, wird feststellen, dass, würden sich alle Beteiligten an diese halten, es erst gar nicht zu der letzten Bankenkrise gekommen wäre.

Wir müssen dagegen die Moral wieder in den Mittelpunkt der Ökonomie rücken. Diese Erkenntnis stand schon immer im Zentrum jüdischen Geschäftsgebarens – und sollte dort auch weiterhin stehen. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der weder mit falschem Maß gemessen noch von der Unwissenheit des Gegenübers profitiert werden darf.

Und ein Sozialwesen, in dem sogar Arme dazu verpflichtet sind, Zedaka, Wohltätigkeit, zu üben, wo die Monopolisierung von Reichtum durch institutionalisierte Riten wie der Entschuldung im siebten Brachjahr oder das Joweljahr, bei dem der Grundbesitz im 50. Jahr zurückgegeben wird, geregelt ist. Wirtschaftliche und damit soziale Gerechtigkeit wird nicht durch Strafandrohung realisiert, sondern als religiöses Ideal.

Richter Seit jeher haben sich die Menschen um die Verbesserung der Gesellschaft bemüht. Aber wie bei pubertierenden Kindern, die sich gegen die vermeintlichen Weisheiten ihrer Eltern auflehnen, gab es auch immer Bestrebungen einer »schönen neuen Welt« ohne G’tt und Religion.

Der Dekalog macht deutlich, dass der hohe Anspruch seiner fundamentalen Werte nur in einer Gesellschaft überleben kann, in der nicht das (menschliche und damit umgehbare oder ganz nach Bedarf veränderbare) Gesetz höchste Instanz ist, sondern in der sich die Menschen dem einzig objektiven Richter verpflichtet fühlen und aus Ehrfurcht und Liebe Ihm gegenüber das Richtige tun.

Dekalog und Tora brauchen kein Update – eher umgekehrt. Wir Menschen könnten ein unbeschreibliches Upgrade erfahren, in dem wir uns »nur« die Asseret haDibrot, Version 1.0, zu Herzen nehmen.

Der Autor ist Gemeinderabbiner in Mainz.

Alois Glück

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