Beim Berliner Fußballverein Tennis Borussia (TeBe) soll es zu antisemitischen Anfeindungen gegen den jüdischen Vorstandsvorsitzenden Ariel Gala gekommen sein. Hintergrund ist ein Streit zwischen dem Vorstand einerseits und Jugendtrainern und –teams andererseits, bei dem es unter anderem um die Verteilung von Ausrüstungsgegenständen und Kosten von Auswärtsfahrten geht und der zuletzt in einem Boykott des Spielbetriebs durch die Jugendmannschaften gipfelte.
»Die 23 Jugendtrainerinnen und Jugendtrainer aller 13 Mannschaften von der U7 bis zur U19, die Eltern und die Spieler stehen geschlossen hinter diesem Streik – er wird fortgesetzt, bis strukturelle Grundlagen für eine geordnete Jugendarbeit geschaffen sind«, hieß es in einer Stellungnahme der Trainer. Kritisiert wurden unter anderem die Organisation von Auswärtsfahrten, ausbleibende Trikotlieferungen und der Umgang mit Geldern von Eltern.
Gegen Ariel Gala wurde deshalb beim Aufsichtsrat ein Abwahlantrag eingereicht. Gala amtiert seit Ende Februar 2026 als Vorstandsvorsitzender.
»Der für mich persönlich schwerste Punkt betrifft antisemitische Äußerungen.« Ariel Gala, TeBe-Vorsitzender
Der Vorstand hatte den Vorwürfen ausführlich und energisch widersprochen. Am Dienstag nun hat sich Ariel Gala erneut zu Wort gemeldet. In einem offenen Brief, in dem er sich mit den Vorwürfen befasst, schreibt er: »Dass derzeit organisatorisch nicht alles funktioniert, bestreiten wir nicht.« Er begrüße es ausdrücklich, dass »sich unser Aufsichtsrat die notwendige Zeit nimmt, die Vorgänge und unterschiedlichen Darstellungen sorgfältig auszuwerten«. Ein solches Gremium müsse unabhängig und ohne Boykottdruck prüfen dürfen.
Gala geht in dem offenen Brief auch auf die judenfeindlichen Vorfälle ein: »Der für mich persönlich schwerste Punkt betrifft antisemitische Äußerungen«, schreibt der 41-Jährige in dem Statement, das auf der Website des Fußball-Oberligisten veröffentlicht wurde.
Dem Verein seien Nachrichten aus dem Umfeld des Nachwuchsbereichs vorgelegt worden, in denen »klar antisemitische Formulierungen gefallen« seien, erklärt der Vorsitzende. Da gehörten Äußerungen wie »Israel-Schweine« oder »für Juden spielen wir nicht«. Gala betont: »Solche Aussagen sind mit den Werten von Tennis Borussia unvereinbar und sind leider tatsächlich gefallen bzw. geschrieben worden.« Es seien in einzelnen Fällen bereits personelle Konsequenzen gezogen worden.
Beleidigungen am Rand eines Pokalspiels
Es habe aber darüber hinaus auch mündliche Beleidigungen am Rand des Pokalspiels der ersten Herrenmannschaft am vergangenen Sonntag gegeben, erklärt Gala in seinem offenen Brief. Der von Fans betriebene Instagram-Account »viola.antifascista« etwa berichtete, es sei zu schlimmen Szenen gekommen, »als protestierende Jugendspieler und Trainer auf besagten Vorsitzenden trafen und hitzige Diskussionen drohten, handgreiflich zu werden«.
Es habe auch »vereinzelt antisemitische Beschimpfungen gegen den Vorstand« gegeben. »Wenn Jude für dich ein Schimpfwort ist, ist TeBe nicht dein Verein!«, so der Fan-Account. Gala schreibt in seinem Statement, dass ihm von antisemitisch konnotierten Rufen wie »Jude, Jude, Jude …« berichtet worden sei.
Gala hält dazu fest: »Ich möchte hier bewusst präzise bleiben: Ich selbst habe an diesem Tag eine konkrete Beleidigung wahrgenommen, die sich auf meine jüdische Herkunft bezog. Weitere geschilderte Vorfälle beruhen auf Berichten Dritter und unserer haltungsstarken Fanszene, sind daher leider als glaubwürdig zu benennen.«
Ein Jugendtrainer, der selbst jüdisch ist, sagte dem »Tagesspiegel«, er habe keine antisemitischen Beleidigungen wahrgenommen.
Der TeBe-Vorstandssprecher Uli Krug sagte am Wochenende der »Berliner Morgenpost«: »Es fehlt nichts an Material, was den Spielbetrieb angeht. Stattdessen haben wir Hinweise darauf, dass Sabotage des für die Materialausgabe Verantwortlichen vorliegt und die Ausgabe von Waren bewusst verschleppt wurde, um einen künstlichen Notstand zu produzieren.«
Ebenso seien Vorwürfe bezüglich mangelnder Organisation von Auswärtsfahrten und der Bereicherung an Transferüberschüssen unzutreffend, erklärt Krug. Vielmehr sei der Vorstand damit beschäftigt, Altlasten zu bekämpfen, die er von seinen Vorgängern übernommen habe.
In seinem offenen Brief ergänzte Gala nun: »Uns liegen Schilderungen und Dokumentationen vor, wonach Kinder Bilder meiner Person auf ihren Mobiltelefonen hatten, um Provokationen und Beleidigungen an die richtige Person zu adressieren.« Die Kinder hätten offenbar im Vorfeld nicht einmal gewusst, »gegen wen oder warum gehetzt« wird. »Das muss jetzt alles sorgfältig aufgeklärt werden.«
Große jüdische Tradition
Die im Berliner Ortsteil Charlottenburg beheimateten »Lila-Weißen« haben eine große, auch jüdische Tradition. Der einstige Bundesligist wurde 2022 vom Zentralrat der Juden mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage geehrt. Der langjährige TeBe-Vorsitzende Hans Rosenthal überlebte die Schoa in einem Versteck in Berlin und wurde später Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden. Von 1965 bis 1973 war Rosenthal Präsident von Tennis Borussia. In den vergangenen Jahrzehnten hatte der Verein allerdings immer wieder mit finanziellen Problemen und Insolvenzen zu kämpfen.
Immer wieder waren Spieler, Funktionäre und Fans auch antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Dass diese nun offenbar aus dem eigenen Verein kommen, dürfte allerdings ein Novum sein. alo