Initiative

Fünf Jahre Engagement

Irgendwann hatte Levi Salomon genug. Der 54-Jährige wollte nicht länger untätig sein und dem stetig wachsenden Antisemitismus in Deutschland endlich etwas entgegensetzen. Zusammen mit Mitstreitern wie der ehemaligen Berliner Gemeindevorsitzenden Lala Süsskind und Bundestagsabgeordneten Petra Pau gründete er 2008 in Berlin kurzerhand das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA). Seitdem engagiert sich die Initiative mit zahlreichen Vorträgen, Tagungen und Zeitungsartikeln für eine offene Gesellschaft.

Am Montagabend hat das JFDA in der TU Berlin sein fünfjähriges Jubiläum gefeiert. Jörg Steinbach, Präsident der TU, würdigte in seiner Begrüßungsrede das Engagement des Forums. »Es ist die Aufgabe einer jeden Gesellschaft, entschieden gegen Antisemitismus einzutreten. Darin ist das Forum ein Vorbild für uns alle«, sagte Steinbach.

Etikettierung Die JFDA-Vorsitzende Lala Süsskind betonte in ihrer Rede, dass »der Antisemitismus längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist«. Auch in der Politik seien judenfeindliche Einstellungen zunehmend anzutreffen, sagte Süsskind. Als Beispiel nannte sie die Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion, in der die Partei eine gesonderte Etikettierung von Waren aus dem Westjordanland gefordert hatte. Im Beisein der Grünen-Politikerin Marieluise Beck, die die Anfrage mit unterzeichnet hatte, sagte Süsskind: »Dieses Vorhaben ist ein Unding, das muss sich ändern!«

In dem anschließenden Jubiläumsvortrag »Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert« machte die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel deutlich, wie tief verankert der Antisemitismus noch immer in der deutschen Gesellschaft ist. Schwarz-Friesel hatte in den vergangenen Jahren rund 10.000 Zuschriften an den Zentralrat der Juden und die israelische Botschaft ausgewertet.

Ihr Fazit: Die klassischen antisemitischen Topoi von Juden als Kindermörder, Verschwörer und Störer des Friedens sind über die Jahrhunderte konstant geblieben. Die Forderung der Politik nach mehr Bildung, um den Antisemitismus zu bekämpfen, kann sie nur bedingt nachvollziehen: Die meisten antisemitischen Zuschriften stammten nämlich von Akademikern.

diskussion Welche Maßnahmen gegen antisemitische Einstellungen wirksam sein könnten, dieser Frage ging ein Panel aus Politkern nach. An der Podiumsdiskussion nahm jeweils ein Abgeordneter aus jeder im Bundestag vertretenen Partei teil. Bildung allein, argumentierte Dieter Wiefelspütz (SPD), könne nicht der Weisheit letzter Schluss sein, Empathie sei mindestens genauso wichtig.

Die Grünen-Politikerin Marieluise Beck bekannte selbstkritisch, dass ein Problem des Umgangs mit Antisemitismus sei, dass sich das linksliberale Milieu nach 1945 bis heute wegen seines Pazifismus auf der richtigen Seite wähnt. »Israel aber kann sich Pazifismus nicht erlauben«, befand Beck. Hier müsse für Verständnis mit dem jüdischen Staat geworben werden.

Der FDP-Politiker Florian Bernschneider hingegen plädierte dafür, das Thema Judentum im Schulunterricht nicht allein im Zusammenhang mit der Schoa zu besprechen. »Es gibt eine lebendige jüdische Kultur in diesem Land. Wenn wir das den Schülern vermitteln, kann sich daraus ein Austausch ergeben, der Vorurteile abbauen hilft«, so Bernschneider.

Shitstorm Eine Herausforderung seien auch die neuen Medien. So hatte die Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Gitta Connemann (CDU), den Eindruck, dass der Antisemitismus im Internet eine »ganz neue Qualität« gewonnen habe. Wenn sie etwas zum Thema Israel auf ihrer Facebook-Seite schreibe, folge regelmäßig ein Shitstorm antisemitischer Kommentare, berichtete sie. Doch nach wie vor ist der Antisemitismus in der realen Welt das Hauptproblem. Petra Pau von der Linkspartei forderte deshalb in der Diskussion, dass die Zivilgesellschaft entschieden gegen Antisemitismus eintreten müsse: »Wir müssen eine Kultur des Stoppschilds in Sachen Judenhass etablieren. Das ist eine Aufgabe, die noch Jahrzehnte dauern wird.«

Levi Salomon wird also weiterhin viel Aufklärungsarbeit mit seinem Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus leisten müssen. Der 54-Jährige wünscht sich für die Zukunft, »dass unsere Arbeit irgendwann nicht mehr notwendig sein wird«. Dabei ist er aber realistisch: »Antisemitismus ist leider krisensicher – ihn wird es immer geben.«

Shelly Meyer

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