Nahost

Fremde Nachbarn

Durchbruch auf dem Landsitz: Anwar al-Sadat, Jimmy Carter und Menachem Begin (v.l.) 1979 Foto: GPO

Ende März wird der israelisch-ägyptische Frieden sein 40-jähriges Bestehen feiern. Die Initiative, die damals von Kairo ausging, veränderte die Dynamik des arabisch-israelischen Konflikts nachhaltig. Das Ende der Feindseligkeiten beseitigte die Option eines konventionellen Zweifrontenkrieges gegen Israel. Im Gegenzug erhielt Ägypten den Sinai zurück.

Aber Asher Peled, früherer Mossad-Agent für besondere Operationen, sagt: »40 Jahre nach der Unterzeichnung des Camp-David-Abkommens ist der kalte Frieden zwischen beiden Nationen nie aufgetaut.« Der Ägyptenexperte fügt hinzu: »Es gibt weiterhin eine psychologische Barriere zwischen beiden Völkern.«

feindschaft Gleichwohl hat der Friedensvertrag seit 1979 viele schwierige Prüfungen bestanden: Weder während der Libanonkriege noch durch den anhaltenden israelisch-palästinensischen Konflikt ist er gebrochen. Selbst die einjährige Regierung der Muslimbruderschaft unter dem letztlich weggeputschten Präsidenten Mohammed Mursi in Kairo hatte ihn nicht aufgehoben.

Es ist eine Art kalter Friede, der aber auf manchen Gebieten eine Zusammenarbeit erlaubt.

»Kulturell und religiös ist die Feindschaft zu Israel tief in der ägyptischen Gesellschaft verwurzelt«, erklärt Peled. »In der arabischen Welt wird Israel meist als Fremdkörper angesehen, und in den dortigen Bildungssystemen besteht diese Wahrnehmung von Juden weiterhin.«

Das bestätigt in Kairo Mustafa Sayed. »Die Akzeptanz Ägyptens für eine vollständige diplomatische und politische Normalisierung zu Israel hat sich nicht in eine kulturelle übertragen«, sagt der Professor für Politikwissenschaft an der Universität Kairo.

Eine Art kalter Friede also, der die Gesellschaften einander feindlich gegenüberstehen lässt, es aber erlaubt, dass beide Staaten militärisch und wirtschaftlich zusammenarbeiten. Vor allem seit 2013, seit General Abdel Fatah al-Sisi der neue Machthaber am Nil ist.

Feinde Es sind die gemeinsamen Feinde, etwa die Terrormiliz Islamischer Staat und das Mullahregime im Iran, die beide Nationen in eine Art Zweckallianz gebracht haben. Wie Israel, so hat auch Ägypten als islamisch-sunnitischer Staat ein Interesse daran, die Bestrebungen des Iran aufzuhalten, die Hegemonie einer islamisch-schiitischen Nation zu etablieren.

So bemüht sich Ägypten auch bei immer wieder ausbrechender Gewalt zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas in Gaza, eine Waffenruhe zu vermitteln.

»Wir haben eine breite Palette von Kooperationen mit den Israelis«, sagte Sisi jüngst in einem Interview mit dem Fernsehsender CBS News. Da bestätigte er, wie eng sein Militärapparat mit Israel zusammenarbeitet, um im Sinai Islamisten zu bekämpfen. Selbstverständlich würden ägyptische Kampfflugzeuge in diesem Zusammenhang auch die Grenze zum jüdischen Staat überqueren. Bislang hatte Kairo diese Sicherheitskoalition gegen Terroristen im nördlichen Sinai stets verschwiegen.

Rohstofflieferant Auch wirtschaftlich hat sich die Zusammenarbeit ausgeweitet. Mit der Unterzeichnung eines 15-Milliarden-Dollar-Gas-Deals im vergangenen Jahr schlüpfte Israel in die ungewohnte Rolle eines Rohstofflieferanten an Ägypten. Für Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu ist dies ein »historisches Abkommen«, das nicht nur die Wirtschaft und die Sicherheit seines Landes stärken wird, sondern auch die regionalen Beziehungen.

Ob die Beziehungen dadurch stabil werden, ist freilich offen. Der ägyptische Schriftsteller Nael el-Toukhy sagt, dass sowohl Sisi als auch Netanjahu jeweils starkem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt sind. Wobei Sisi den größeren Druck verspüren dürfte. Im Jahr 2016 etwa wurde der ägyptische Abgeordnete Tawfiq Okasha aus dem Parlament ausgeschlossen. Er hatte es gewagt, den israelischen Botschafter zu sich nach Hause einzuladen. Das trug ihm den Vorwurf ein, nationale Sicherheitsinteressen verraten zu haben.

Ob die Beziehungen dadurch stabil werden, ist freilich offen.

Auf israelischer Seite ist der Argwohn gegen allzu enge Beziehungen zu Ägypten anders begründet. Vor allem die enorme Modernisierung und Aufrüstung des ägyptischen Militärs wird von Experten in Jerusalem und Tel Aviv mit Sorge gesehen. Etwa, dass die ägyptische Armee große Teile ihrer Logistik in den Osten verlegt hat und dass unter dem Suezkanal ein Tunnel gebaut wird. Bislang galt als wichtigstes stabilisierendes Element des Camp-David-Friedensvertrags, dass der Sinai entmilitarisiert wird. Dass Israel der Verlegung ägyptischer Einheiten auf die Halbinsel zustimmte, damit nahe der israelischen Grenze islamistischer Terror bekämpft wird, sehen manche israelische Experten mit Sorge.

konfrontation »Unter bestimmten Umständen könnte es dort zu einer Krise und sogar zu einer Konfrontation beider Nationen kommen«, sagt etwa Ehud Elam, ehemaliger Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums. In seinem Buch Der nächste Krieg zwischen Israel und Ägypten beschrieb er schon 2014 eine mögliche Konfrontation, auf die Israel vorbereitet sein sollte. »Dies könnte passieren, wenn Kairo seine militärische Präsenz ohne Zustimmung Jerusalems stärkt.«

Kurzfristig ist nach Einschätzung vieler Geheimdienstexperten eine militärische Konfrontation zwischen Ägypten und Israel sehr unwahrscheinlich. Aber eine Normalisierung des Verhältnisses ist dennoch vorerst Wunschdenken, und zwar auf beinahe allen Gebieten. »Wir akzeptieren, dass es auf kultureller Ebene und im Sport nicht die gleiche Zusammenarbeit wie beim Militär gibt«, sagt Peled, der Ägyptenexperte, der früher beim Mossad war. Er bedauert das, will es aber auch nicht verdammen, denn: »Ein kalter Friede ist besser als ein heißer Krieg.«

Debatte

Zentralrat der Juden positioniert sich zum Thema AfD-Verbot

 05.07.2026

Religionsfreiheit

Oberrabbiner sieht religiöse Praktiken europaweit unter Druck

Bei einem Symposium in Amberg diskutierten Politiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und Juristen über die Einschränkungen der Religionsfreiheit

von Christoph Renzikowski  05.07.2026

Terrorismus

In diesem Land gibt es keinen Platz für Islamisten. Sie sollten konsequent abgeschoben werden

Eine Klarstellung

von Jessie Katz  05.07.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Parteien

AfD-Chefin Alice Weidel äußert sich zu möglichen Koalitionen mit der CDU

Wie hält es die rechtsextreme Partei ihrerseits mit einer Annäherung an die Union?

 04.07.2026

Parteitag

AfD bestätigt Führungsduo – Chrupalla verliert an Rückhalt

Die AfD hat ihr Spitzenduo Weidel-Chrupalla wiedergewählt. Chrupalla muss allerdings Federn lassen. In der zweiten Reihe gibt es neue Gesichter

von Anne-Beatrice Clasmann  04.07.2026

Essay

Die Sprache der AfD

Gewalt, NS-Bezüge und Antisemitismus: Wie die rechtsextreme Partei auch rhetorisch die Grenzen verschiebt. Eine linguistische Analyse

von Deborah Kämper  04.07.2026

Thüringen

Mehr als 30.000 Menschen protestieren gegen AfD-Parteitag

Trotz Blockaden bleibt die Stimmung meist friedlich – doch es gibt auch Zwischenfälle mit Pyrotechnik und Flaschenwürfen

von Simone Rothe  04.07.2026

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026