Meinung

Franziskus und die Flüchtlinge

Alan Posener Foto: Michael Brunner

Es war zu erwarten, dass mit der Wahl des ersten außereuropäischen Papstes auch eine andere Sicht auf die Alte Welt in den Vatikan einziehen würde. Etwa in Fragen der Zuwanderung. Für den Deutschen Benedikt XVI. erschien Europa wegen des Zustroms von außen »auch ethnisch auf dem Weg der Verabschiedung begriffen«.

Für den Argentinier Franziskus bedeutet im Gegenteil Europas zögerliche Haltung gegenüber der Zuwanderung angesichts des Geburtenrückgangs schlicht und einfach »Selbstmord«. Dieses Urteil fällte Franziskus in einer Rede, die er nach dem Besuch eines Flüchtlingslagers auf Lesbos hielt – von der EU euphemistisch »hot spot« genannt, als ginge es dort um den WLAN-Zugang. Solchem Schönreden trat Franziskus entgegen, indem er die Lager als »Konzentrationslager« bezeichnete.

genauigkeit Erwartungsgemäß erntete er Widerspruch. David Harris vom American Jewish Committee verlangte »sprachliche und faktische Genauigkeit« bei historischen Vergleichen. »Die Nazis und ihre Verbündeten bauten und nutzten Konzentrationslager zur Sklavenarbeit und zur Vernichtung von Millionen Menschen.« Trotz der schlechten Zustände in manchen Flüchtlingslagern seien sie ganz gewiss keine Konzentrationslager.

Richtig. Sprachliche Genauigkeit verlangt aber auch die Erkenntnis, dass der Begriff aus Südamerika stammt. »Reconcentrados« nannten die Spanier die Lager, in die sie Bauern sperrten, um sie von den Freiheitskämpfern zu isolieren. Im Burenkrieg nannten die Briten ihre Flüchtlings- und Internierungslager »concentration camps«.

Der eingedeutschte Begriff diente also den Nazis zur Verschleierung ihrer wirklichen Funktion. Möglich, dass der aus Lateinamerika stammende Franziskus an die »reconcentrados« dachte, denn er fügte erläuternd hinzu: »Das sind sie, durch die Menge der Menschen, die sie dort drinnen lassen.«

Besser wäre es freilich gewesen, Franziskus hätte als Vergleich die DP-Lager gewählt, in die so viele Juden nach der Befreiung aus dem KZ gerieten. Ähnlich ergeht es den Syrern, die der Hölle von Aleppo entkamen und nun als »displaced persons« in europäischen Lagern sitzen. Statt sich über eine missglückte Wortwahl aufzuregen, sollten jüdische Funktionäre stolz daran erinnern, wie in den DP-Lagern unter widrigsten Bedingungen jüdisches Leben, zionistische Schulung, Kultur- und Bildungsarbeit sowie Vorbereitung auf ein Leben in Freiheit organisiert wurden. Warum gelingt das in den heutigen Lagern nicht? Hierzu schwieg Franziskus.

Der Autor schreibt für die »Welt«-Gruppe und ist Mitbetreiber des Blogs »Starke Meinungen«.

Serie

»Holocaust«-Serie: Wendepunkt der deutschen Erinnerungskultur

Vor 47 Jahren wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die US-Serie »Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss« ausgestrahlt. Der damals verantwortliche Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel erinnert sich an Widerstände und weinende Anrufer

von Jonas Grimm  26.01.2026

Schleswig-Holstein

Vandalismus an Synagogen-Mahnmal in Kiel sorgt für Entsetzen

Zertretene Blumen und Kerzen: Politiker verurteilen die Verwüstungen des Synagogen-Mahnmals in Kiel - und sprechen von einem feigen Akt

 26.01.2026

Berlin

Geschichte jüdischer Politiker: Bundestag zeigt neue Ausstellung

Tagebücher, Videos und Briefe: Eine neue Ausstellung im Bundestag zeigt die Biografien jüdischer Politiker. Ein besonderes Augenmerk liegt auf einer Überlebenden des Holocaust

von Nikolas Ender  26.01.2026

Tova Friedman mit Enkel Aron Goodman

Mahnung

Überlebende Friedman über AfD: Ich möchte sie konfrontieren

Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman wird am Mittwoch im Bundestag sprechen. Bewusst teilt sie ihre Erinnerungen öffentlich - um aufzuklären und deutlich zu machen, dass sich Juden nie wieder verstecken dürften

 26.01.2026

Berlin

Mehr Störungen an NS-Gedenkstätten

In Gästebüchern wird immer öfter eine Tonlage »im Grenzbereich zwischen antisemitischen und israelfeindlichen Inhalten« registriert

 26.01.2026

Essay

Zynische Umdeutung der Geschichte

Der Holocaust ist zur moralischen Währung geworden – und wird nun gegen die Juden selbst verwendet

von Johannes C. Bockenheimer  26.01.2026

Interview

»Den Worten müssen Taten folgen«

Ron Prosor über das Holocaust-Gedenken am 27. Januar, die Bedrohung jüdischen Lebens, den Zustand des deutsch-israelischen Verhältnisses und seine Position als Botschafter in Berlin

von Detlef David Kauschke  26.01.2026

New York

Columbia University beruft Jennifer Mnookin zur neuen Präsidentin

Die jüdische Rechtswissenschaftlerin übernimmt, nachdem in den vergangenen zwei Jahren zwei Präsidenten zurückgetreten waren – wegen ihres unzureichenden Umgangs mit Antisemitismus auf dem Campus

 26.01.2026

Berlin

Holocaust-Überlebende: Verteidigen Sie die Demokratie

Zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz formuliert Eva Umlauf einen dringlichen Appell. Darin geht es auch um die AfD

 26.01.2026