Terrorismus

Fehler im System

Das Feld überlassen: Naziaufmarsch im rheinländischen Stolberg. 9. April 2011 Foto: Roland Geisheimer/attenzione

Es mag seltsam klingen, aber das Thema »Neonazistische Zelle« beschäftigte erst vor einem Monat auch die israelische Justiz: Dimitri Bogotich, ein »Oleh« (Einwanderer) aus den GUS-Ländern, erhielt eine sechsjährige Gefängnisstrafe wegen seiner Tätigkeit als Führer einer extrem gewalttätigen – wohlgemerkt: israelischen – Schlägertruppe in den Jahren 2005 bis 2007. Bogotich und seine Komplizen hatten Farbige, Homosexuelle, Behinderte und Obdachlose brutal attackiert – motiviert durch eine rassistische, nazistische Ideologie.

Auch der Terroranschlag, den Anders Breivik im Juli dieses Jahres verübte, galt als große Überraschung – rechtsextremer Terror im sonst so beschaulichen Norwegen? Auch hier war das Motiv neonazistischen Charakters und die Tat äußerst brutal. Nun kommt die Nachricht von der Aufdeckung der Zwickauer Terrorgruppe, die für die sogenannte »Döner-Mordserie« verantwortlich ist, und sorgt für Schlagzeilen, in Deutschland wie im Ausland. Auch hier ist die Öffentlichkeit überrascht: Wie konnte eine neonazistische Gruppe länger als ein Jahrzehnt in Deutschland ungestört und unentdeckt Mord und Totschlag säen?

Stimmung Doch die Frage, weshalb Polizei und Geheimdienste – egal, ob in Deutschland, Norwegen, Israel oder anderswo – nicht rechtzeitig eingreifen, ist nicht die entscheidende. Viel wichtiger ist es, zu erfahren, ob die erschreckende Gewaltbereitschaft auf dem rechten Flügel als jeweils bloße »Einzelaktion« zu bewerten ist oder als extremer Ausdruck einer in der Gesellschaft weitverbreiteten politischen und ideologischen Grundhaltung. Mit anderen Worten: Sind diese extrem gewaltbereiten Neonazis die Spitze des Eisbergs, die aktiveren Repräsentanten einer populären Stimmung, oder nur ganz gewöhnliche Randerscheinungen, die es in jeder Gesellschaft zu jeder Zeit gibt und die aus unbekannten Gründen zufällig rechtsextrem wurden?

Wurzeln Diese Frage kann man global stellen: Gibt es einen weltweiten Zusammenhang zwischen Wirtschaftskrise, Migration, religiöser Intoleranz und Rassismus einerseits und Terrorismus auf dem rechten Flügel andererseits? Doch auch, wenn das Problem sich transnational oder global stellt, sind zuerst die einzelnen Staaten und Gesellschaften herausgefordert: Wie ist diese Frage in den nationalen Grenzen zu beantworten? Die drei hier erwähnten Beispiele weisen Gemeinsamkeiten, aber auch Besonderheiten auf. In jeder dieser Gesellschaften ist der rechtsextreme, neonazistische Terror eine Antwort auf spezifische, durch die Traditionen und Schwierigkeiten des jeweiligen Landes bedingte, Probleme. Den eindeutigen Antikommunismus eines Breivik etwa finden wir in Deutschland oder in Israel nur in abgeschwächter Form.

Auch der Rassismus hat gesellschaftsspezifische Wurzeln und Traditionen. Selbstverständlich klafft ein riesiger Unterschied zwischen dem israelischen und dem deutschen Rassismus. Der Rassismus in Israel ist ein Produkt des langen Konflikts zwischen Juden und Arabern, aber auch der Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Einwanderergruppen – aus Nordafrika, Russland, Äthiopien et cetera. In europäischen Ländern hingegen, wie in Norwegen, England oder Deutschland, geht es um den Zusammenprall zwischen der Tradition einer ethnisch weitgehend homogenen Bevölkerung und den Herausforderungen der Migration von außerhalb Europas. Eng damit verbunden ist auch der »Clash of Civilizations« zwischen Christentum und Islam. In Deutschland spielt überdies die nationalsozialistische Vergangenheit selbstverständlich eine entscheidende Rolle.

Sumpf So oder so – hier wie dort scheint die Antwort auf unsere Frage zu sein, dass es sich bei den Terrorgruppen nicht um Zufälle handelt, sondern um den Ausdruck oder Ausläufer einer Stimmung, die nicht mehr nur allein für eine verschwindend kleine Minderheit typisch sind. Es geht hier wie dort um einen Sumpf, in dem die Terroristen einen Nährboden finden können. Rassismus gibt es ausreichend in Israel wie auch in Deutschland. So auch rechtsextreme, vom Staat tolerierte, politische Vereine und Parteien. Kein Wunder also, dass extreme Gruppen Selbstvertrauen gewinnen.

Bleiben wir aber beim aktuellen deutschen Thema: Wenn das politische System in Deutschland die NPD nicht verbieten kann und den Kampf gegen Nazis (wie jüngst in Neuruppin) privaten Nazigegnern überlässt, muss man sich nicht wundern, wenn es auch zu »dönermordartigen« Extremfällen kommt. Die deklarative Bekundung von Schamgefühlen bei entsprechenden Gelegenheiten seitens der politischen Klasse, wie jetzt durch Kanzlerin Merkel (oder mutatis mutandis durch Politiker in Israel), ist kein Ersatz für eine systematische Bekämpfung des Sumpfes, die mit der Analyse der gesellschaftlichen Situation beginnt und mithilfe der Erziehungseinrichtungen fortgesetzt werden muss.

Der Autor ist Historiker und Direktor des »Richard Koebner Center for German History« an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Krieg

Trump: Wir haben unseren Soldaten gerettet und in Sicherheit gebracht

Rettung wie in einem Hollywood-Film: US-Spezialeinheiten konnten den vermissten Offizier des abgeschossenen Kampfjets geborgen. Der US-Präsident schildert die riskante Mission mit dramatischen Worten

von Lars Nicolaysen  05.04.2026

Krieg

Bericht: USA greifen Suchort von vermisstem US-Soldaten an

Die Suche nach dem vermissten Besatzungsmitglied eines US-Kampfjets läuft auf Hochtouren. Jetzt werden aus dem Iran Luftangriffe in einer Gegend gemeldet, in dem sich der US-Soldat befinden soll

 05.04.2026

München

Der Grüne, das Rathaus und die jüdische Gemeinschaft

Dominik Krause wird der nächste Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt. Der 35-Jährige ist Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und geht entschlossen gegen Antisemitismus vor. Ein Porträt

von Chris Schinke  04.04.2026

Krieg

»Kritische« Rettungsmission im Iran - Trump in Erklärungsnot

Die Suche nach dem vermissten Besatzungsmitglied eines Kampfjets wird für die USA zum Wettlauf gegen die Zeit - im Iran werden Kopfgelder ausgesetzt. Die Lage bringt die US-Regierung in Bedrängnis

von Cindy Riechau  04.04.2026

Großbritannien

Brandanschlag in London: Untersuchungshaft für Verdächtige

Mehrere Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Golders Green werden in Brand gesetzt. Vor Gericht erschienen nun drei Verdächtige

 04.04.2026

Debatte

Antisemitismus und Israel-Hass: Auswärtiges Amt rügt Goethe-Institut für Ausstellung

Um die palästinensisch-amerikanische Künstlerin Basma al-Sharif gab es wegen Social-Media-Posts zuletzt Wirbel. Das gilt auch für die Teilnahme an einer Ausstellung in Vilnius

 04.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  04.04.2026

Standpunkt

Die Militäroperation gegen das Mullah-Regime ist eine historische Chance

Ein Gastbeitrag von Roderich Kiesewetter, Bundestagsabgeordneter (CDU) und Mitglied des Auswärtigen Ausschusses

von Roderich Kiesewetter  04.04.2026

Analyse

Kampf um die Kultur

Die AfD hat Sprache, Kunst und Geschichte als zentrale Politikfelder für sich entdeckt. Ideengeberin ist die »Neue Rechte«

von Sebastian Beer  04.04.2026