Interview

»Fantastisches Privileg«

Marina Weisband Foto: imago

Frau Weisband, am 22. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Werden Sie von Ihrem Wahlrecht Gebrauch machen?
Und wie! Wir haben nicht viel Einfluss darauf, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen wird. Unsere doch recht überschaubare Gestaltungsmöglichkeit sollten wir nutzen und diejenige Partei wählen, die unsere Vorstellungen am ehesten umsetzt. Wenn wir nicht wählen, überlassen wir das Feld Extremisten und Fanatikern – denn die gehen ganz sicher zur Wahl.

Die Wahlbeteiligung junger Menschen geht dramatisch zurück. Woran liegt diese Politikverdrossenheit?
Viele junge Menschen fühlen sich von den Politikern übergangen. Politik wird oft von älteren Menschen für ältere Menschen gemacht. Wir sehen das anhand der aktuellen Debatte: Der größte Streitpunkt ist die Rente. Bildungspolitische Themen dagegen greifen die Parteien kaum auf. Dabei haben viele junge Leute immense Probleme, den Sprung in die Berufswelt zu schaffen.

Auch in der jüdischen Gemeinschaft kann man oft eine Art Hemmung in Sachen Politik beobachten.
Die Gründe dafür sind nachvollziehbar, auch wenn ich diese Tendenz nicht befürworte. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland besteht größtenteils aus Kontingentflüchtlingen. Viele von ihnen denken, Politik sei nur etwas für »die Deutschen«. Die machen das ohnehin unter sich aus, dachte auch ich früher. Irgendwann habe ich realisiert, dass die Auswirkungen dessen, was »die Deutschen« beschließen, mich direkt betreffen. Also sollte ich wählen gehen. Eine gelungene Politik ist auch auf Leute wie uns Kontingentflüchtlinge angewiesen.

Welchen besonderen Beitrag können jüdische Zuwanderer leisten?
Wir bringen einen neuen, frischen Blick mit. Und wer, wenn nicht wir, sollte sich sonst für unsere Interessen einsetzen? Zum Beispiel, wenn es um die Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen geht. Gerade wir Zuwanderer haben da in meinen Augen eine besondere Bringschuld, uns zu engagieren.

Inwiefern?
Wir wissen nur zu gut, was für ein fantastisches Privileg es ist, wählen gehen zu können. Man muss nur in meine alte Heimat Ukraine oder in den Iran schauen, wo demokratische Bestrebungen teilweise blutig niedergeschlagen werden. Ich glaube, die Deutschen insgesamt halten freie Wahlen leider für selbstverständlich. Demokratie muss gelebt werden, um sie zu erhalten. Und Ziele, um zur Wahl zu gehen, gibt es ja mehr als genug.

Welche sind Ihnen besonders wichtig?
Vor allem eine bessere Bildungspolitik, höhere Transparenz, bessere demokratische Beteiligung, eine Reform des Sozialsystems und Asylrechts sowie Internetneutralität. Es wäre auch notwendig, dass die NPD endlich verboten wird. Allerdings muss man das richtig angehen, damit das Verbot – anders als im Jahr 2003 – auch wirklich durchkommt.

Mit der Politikerin der Piratenpartei und Publizistin sprach Philipp Peyman Engel.

Brandenburg

Antisemitismusbeauftragter Büttner für schärferes Strafrecht

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat ein strengeres Strafrecht gegen Judenhass gefordert. Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter schließt sich an

 24.08.2026

Spremberg/Forst

Stolpersteine gestohlen

Der Staatsschutz ermittelt

 24.08.2026

Norwegen

Wandbild in Oslo ehrt palästinensische Terroristin

Ein überdimensionales Wandbild im Zentrum der norwegischen Hauptstadt zeigt unter anderen die frühere PFLP-Terroristin Leila Khaled, die von der verantwortlichen Gruppe als »Widerstandskämpferin« bezeichnet wird

 24.08.2026

Dresden

Unbekannter entwendet Kippa

Der Staatsschutz der Dresdner Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen

 24.08.2026

Meinung

Jüdische Schulen: Orte der Zugehörigkeit

Der Wunsch nach jüdischer Bildung wächst, während die Strukturen zunehmend fragil werden

von Eduard Steinberg  24.08.2026

Würdigung

Hamburg ehrt Esther Bejarano und Jina Mahsa Amini

In der Hansestadt gibt es künftig eine Esther-Bejarano-Straße und einen Jina-Mahsa-Amini-Park

 24.08.2026

Die schwedischen Linken-Politiker Hanna Gedin und Jonas Sjöstedt

Jerusalem

Israel verweigert zwei schwedischen EU-Abgeordneten die Einreise

Jonas Sjöstedt und Hanna Gedin von der schwedischen Linkspartei wollen in der vergangenen Nacht anreisen, um die Palästinensische Autonomiebehörde zu besuchen

 24.08.2026

Hand zeigt ein Smartphone mit dem ChatGPT Logo vor rotem Hintergrund

Künstliche Intelligenz

Sam Altmans ChatGPT zeigt ab heute Werbung

Einige User werden von nun an Werbung sehen. Wie werden gesuchte Antworten von Anzeigen getrennt?

 24.08.2026

MIttlerer Osten

Iran warnt USA vor Wirtschaftskrieg - und droht Golfstaaten

Im Iran-Krieg wird aktuell nicht gekämpft. Washington will Teheran wirtschaftlich in die Knie zwingen. Der Iran gibt sich selbstbewusst - und droht den USA und ihren Verbündeten mit Konsequenzen

 24.08.2026