Betroffene dürfen mit dem Gedenken an die Opfer rechtsextremistischer Terrorakte nicht alleingelassen werden - das fordert der Sozialwissenschaftler Fabian Virchow. Opferfamilien und Überlebende machten inzwischen deutlich, welche Formen des Gedenkens sie angemessen fänden, sagte Virchow am Donnerstagabend bei einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung.
Dies zeige sich beispielsweise in der Kölner Keupstraße, wo 2004 ein Nagelbombenanschlag 22 Menschen verletzt hatte - eine Tat des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die erst Jahre später aufgeklärt wurde.
Es brauche politische Unterstützung, um solche Gewaltakte im öffentlichen Gedächtnis zu halten, betonte der Experte. So habe es lange gedauert, bis etwa für den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 angemessene Erinnerungsformen gefunden worden seien. Ein Neonazi hatte damals 13 Menschen getötet und mehr als 220 verletzt.
Entscheidend sei zunächst eine Anerkennung solcher Taten als politische Verbrechen, erklärte Virchow. Angemessene Erinnerung müsse diese Dimension ebenso deutlich machen wie die massiven Auswirkungen. Vielerorts befassten sich Menschen seit Bekanntwerden der NSU-Verbrechen mit gesellschaftlich vergessenen rechtsextremistischen Vorfällen an ihrem Heimatort - und diese fortgesetzte Auseinandersetzung sei ein wichtiges Signal.
Die spezifisch deutsche Gedenkkultur sei von der Erinnerung an den Holocaust geprägt, fügte der Wissenschaftler hinzu. Mit dem Umgang mit Zeitgeschichte in anderen Ländern, etwa den USA, sei dies kaum vergleichbar. Allerdings sagten Erinnerungsformen stets etwas darüber aus, wie eine Gesellschaft mit Rassismus oder Antisemitismus umgehe: So würden rechtsextremistische Taten wie das »Oklahoma City Bombing« auch an US-Schulen behandelt. Bei dem Bombenangriff zweier Rechtsextremisten waren vor 30 Jahren 168 Menschen ums Leben gekommen.
Was der damalige Haupttäter Timothy McVeigh verkörpert habe, halte sich bis heute, sagte der Politikwissenschaftler Thomas Greven: Ideologische Nachfolger verstünden sich als Widerstandskämpfer gegen staatliche Einmischung oder gar Einschränkungen. Heute richteten sie sich gegen Behörden, Universitäten oder Medien - und fänden Unterstützung in Präsident Donald Trump, wenn dieser etwa vom »Sumpf« der Bundesbehörden spreche. kna