Purim

Esther, Haman und die Mullahs

Bedrohung in der Gegenwart: Darsteller des persischen Despoten Haman und der iranische Präsident Ahmadinedschad Foto: Flash 90/imago

Während die Protagonisten der Purim‐Geschichte für viele Juden lediglich von historischem Interesse sind, haben sie in den Erwägungen persischer Juden in Deutschland eine erschreckende Aktualität bekommen. Ist der iranische Präsident Ahmadinedschad der neue Haman? Aber wer ist dann der moderne Mordechai, wer die Königin Esther?

Wenn sich aus dem Iran stammende Juden anlässlich von Purim zu dem sich zuspitzenden Konflikt äußern, wollen sie jedenfalls oft lieber nicht namentlich genannt und fotografiert werden.

verlust Exil‐Iraner, sollte man meinen, sind Kummer gewohnt. Viele sind in den 50er‐ und 60er‐Jahren emigriert, als der Schah Persien regierte. Als 1979 die Mullahs an die Macht kamen, war an eine Rückkehr erst recht nicht mehr zu denken.

Manche, wie der in Franken lebende Rabbinersohn und Mediziner Asher Khasani, 77, haben mit dem Land der Väter früh gebrochen. »Die seelischen Verletzungen waren zu stark – ich habe schon als Kind gesagt: Das ist nicht mehr mein Land.«

Andere sind bis heute über den religiös‐kulturellen Verlust nicht hinweg: Rosa Elahi (Name geändert), 60, kam als 15‐Jährige nach Stuttgart, heute arbeitet sie als diplomierte Sozialarbeiterin im Ruhrgebiet. Unter deutschen und russischen Juden, sagt sie, fühle sie sich bisweilen sehr einsam.

Also hält sie sich an die Christen, reist durchs Land und referiert in der Volkshochschule über Juden im Iran. Wenn sie Sehnsucht nach Persien hat, fliegt sie nach Los Angeles, dort hat einst jener Rabbiner, der noch in Teheran ihre Mutter unterrichtet, die jüdische Gemeinde »eins zu eins nachgebaut«.

Der Geschäftsmann Benjamin Ghaffari (Name geändert), 79, indes hat sich arrangiert. Seit seiner Ausreise 1957 unterhält er von Deutschland aus gute Geschäfte mit dem Iran. Bis heute importiert sein mittlerweile vom Sohn geführtes Unternehmen Teppiche. Ghaffari könnte im Café sitzen und Zeitung lesen; die jüdische Gemeinde bot ihm vor Jahren eine feste Stelle innerhalb der Organisation an. Ghaffari lehnte ab. Lieber kümmert er sich um die alten Geschäftsverbindungen.

vorsicht Der Schabbat ist vorbei, es ist Sonntag, und Ghaffari sitzt in seinem Büro im Zentrum einer deutschen Großstadt; der Blick zum Fenster hinaus geht über eine schmale, schattige Gasse und stößt gegen die dunkle, unbelebte Front eines weiteren Bürotrakts.

Wo er lebt und arbeitet, soll nicht in der Zeitung stehen. Der Mann ist Diplomat in eigener Sache. Er ist vorsichtig. Doch Angst hat er nicht. »Damit wir uns nicht falsch verstehen«, betont er. »Wenn ich einem Geschäftspartner gegenübersitze, der sich als Fanatiker entpuppt und ein Wort gegen Juden sagt, stehe ich auf und gehe!«

Israel statt Iran und Deutschland – vor vielen Jahren war das eine Option, Benjamin Ghaffari besaß dort ein Stück Land. Nach 1979 musste er es verkaufen – er brauchte das Geld, um den Eltern die Ausreise aus dem Iran zu ermöglichen. Zurückgelassen hat die Familie ein Haus, das das Régime damals beschlagnahmt hat. Heute, 30 Jahre später, laufen Verhandlungen über eine Rückerstattung, auch darum die Vorsicht.

Ghaffari liest viel, regelmäßig auch eine in London erscheinende iranische Zeitung. »Ich liebe mein Land, ich treibe mit meinen Landsleuten gerne Geschäfte«, sagt er. Illusionen macht er sich keine. »Die Mullahs sind unberechenbar.« Unter Ahmadinedschad sei alles schlimmer geworden: die hohe Arbeitslosigkeit, eine horrende Inflation, dazu der Versuch, per staatlich geschürtem Antisemitismus von eigenen Fehlern abzulenken. »Ziel der Mullahs sind die Atomraketen, alles andere ist Quatsch.«

Was also tun? Ghaffari weicht aus. »An Diplomatie glaube ich nicht.« Dann sagt er: »Es gibt nur eine Möglichkeit: Ich hoffe auf die Westmächte.« Das bedeutet? Benjamin Ghaffari, auch nach 55 Jahren in Europa von der orientalischen Denk‐ und Lebensart geprägt, antwortet mit einer Meta‐ pher: »Vor 1979 war es unvorstellbar, dass die Mullahs je an die Macht kommen würden. Heute ist es schwer vorstellbar, dass ihr Régime hinweggefegt wird. Doch darauf setze ich.«

Komplexe Deutlicher wird Rosa Elahi. »Ich bin zwar nicht gerade dafür, dass man Teheran bombardiert. Aber tut endlich was! Ich bin empört, dass die internationale Gemeinschaft Israel alleine lässt! Just talking, talking! Sie reden und reden! Jetzt gibt es Sanktionen – ich frage mich: Was haben sie vorher gemacht?« Die Sozialarbeiterin redet sich in Rage: »Ich traue diesem Régime einiges zu! Die schlimmsten Elemente sind an die Macht gekommen, eine Kaste voller Minderwertigkeitskomplexe. Sie haben die Macht und bald die Waffen!«

Rosa Elahi wurde am Kaspischen Meer geboren und lebte mit der Familie in Teheran, als Kind hat auch sie unter den Schmähungen gelitten. »›Juden sind feige!‹, hieß es immer, ›Juden können kein Blut sehen!‹« Später habe sie verstanden: Es gebe einen fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Religionen. Während die Juden darauf achteten, dass sie »brav die 613 Gebote der Tora einhalten«, sehe sie bei den Muslimen hingegen eine »blutgetränkte Religionsideologie«.

Mit der Verwandtschaft in Israel telefoniert Rosa Elahi regelmäßig. Über den Iran wird dabei nicht gesprochen. Die Cousine hat drei Söhne, sie waren alle beim Militär, die Mutter sorgt sich um ihre Jungs. Die Gelegenheit, selbst in Israel zu leben, hat Rosa Elahi verpasst. »Ich müsste die Sprache beherrschen, wenn ich dort arbeiten will.«

Heimat, so umfassend wie die Deutschen das Wort verstehen, das ist für sie der Iran. »Ich liebe die Sprache, die Filme von Abbas Kiarostami, Jafar Panahi und Asghar Farhadi. Aber ich gehe nicht zurück. Exilanten, die zurückgegangen sind, wurden als Spione verdächtigt und aufgehängt.«

Schah Der frühere Kinderarzt Asher Khasani aus Hof in Oberfranken wollte nie zurück, ihn verbindet nichts mehr mit dem Iran. »Der Faden ist gerissen«, sagt er. »Heute sind Juden wieder der Sündenbock. Aber auch unter dem Schah wurden Juden klein gehalten und unterdrückt.« Als Sohn eines Rabbiners sah Khasani sich Anfeindungen besonders ausgesetzt. »Im Norden, wo die Sunniten siedeln, hatten wir es gut.

Schlimm wurde es in Teheran unter den Schiiten.« 1959 wäre er gerne nach Israel emigriert. Damals war er 25, alleine und mittellos. »Israel, Paris, Amerika, das konnte ich mir nicht leisten.« Deutschland befand sich im Wiederaufbau, die Universitäten waren leer. Also studierte er im Rheinland Medizin, blieb und eröffnete eine Praxis.

Doch ganz gleich, wie viel Zeit vergeht in einem Land, in dem man Exilant bleibt: Ein Stück Persien trägt auch Asher Khasani in sich – zu seinen engsten Freunden gehören Muslime, Exil‐Iraner wie er. »Wir diskutieren und sind politisch einer Meinung: Israel muss so klug sein und darf nicht alleine einen Krieg beginnen. Das wäre ganz falsch.«

Israel Dass es dennoch danach aussieht, berichtet sein in Israel lebender Bruder. Die Stimmung im Land, sagt dieser, sei gedrückt. Khasani klingt beschwörend, wenn er vom Westen »Mut zu echten Sanktionen« fordert. »Sanktionen gab es bisher doch nicht. Wenn ich sehe, wie viel die deutsche Wirtschaft nach Iran exportiert hat! Iran muss isoliert werden. Natürlich wird das Folgen haben für die Wirtschaft. Natürlich wird das Benzin teurer werden. Aber ein Krieg wird weitaus teurer, und die Folgen sind unabsehbar.«

Angesichts des sich weiter zuspitzenden Konflikts erscheint Purim 2012 in einem anderen Licht. »Es heißt ja bereits, Ahmadinedschad sei der Wiedergänger von Haman, der alle persischen Juden töten lassen wollte«, sagt Asher Khasani und lacht.

Rosa Elahi lacht nicht. Sie sagt: »Die Mullahs ahnen wohl, dass sie von der Weltbühne abtreten müssen. Darum wollen sie es jetzt wissen! Aus Purim sollten wir Kraft schöpfen. Im Buch Esther stirbt am Ende der Mordanstifter selbst.« Benjamin Ghaffari, der Geschäftsmann, hält indessen nichts von solchen Analogien. »Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass es ein zweites Mal gut ausgehen wird«, sagt er.

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