Publikation

Es ist wieder da

Kritische Edition: Am Freitag legt das Institut für Zeitgeschichte eine wissenschaftlich kommentierte Gesamtausgabe vor. Foto: dpa

Zwei Bücher, die unterschiedlicher nicht sein könnten, haben in diesen Tagen das Copyright verloren, denn ihre Autoren sind nun 70 Jahre tot: Adolf Hitlers Mein Kampf und das Anne Frank Tagebuch. Beide Bücher werden im Netz und in nicht autorisierten Neudrucken eine Karriere machen. Während der gut geschriebene Bericht von Anne Frank eindrucksvolle Einblicke in die Lebens- und Gefühlswelt eines Opfers des nationalsozialistischen Terrors gibt, stellt Mein Kampf die hasserfüllte Gedankenwelt eines Politverbrechers dar, die sich auch wegen der verschwurbelten Sprache des Autors nur schwer lesen lässt.

Eine Leseprobe zur »Raumfrage« aus dem ersten Band von Mein Kampf, der in der Landsberger Haft entstand: »Englands Geneigtheit zu gewinnen, durfte dann aber kein Opfer zu groß sein. Es war auf Kolonien und Seegeltung zu verzichten, der britischen Industrie aber die Konkurrenz zu ersparen.« Was steht da eigentlich? Man kann ungefähr erahnen, dass es wohl darum ging, England durch Verzichtsgesten sowohl zu See als auch im internationalen Handel als Bündnispartner zu gewinnen.

rassenwahn Und dann verbindet sich in diesem kruden Denken illusionäre Raumpolitik mit blindem Rassenwahn: »Das Riesenreich im Osten (gemeint ist die Sowjetunion) ist reif für den Zusammenbruch. Und das Ende der Judenherrschaft in Russland wird das Ende Russlands als Staat sein. Wir sind vom Schicksal ausersehen, Zeugen einer Katastrophe zu werden, die die gewaltigste Bestätigung für die Richtigkeit der völkischen Rassentheorie sein wird.«

Wer kann mit solchen »Einsichten« denn heute etwas anfangen? Wer könnte oder wollte damit heute politische Werbung machen? 780 Seiten – nur wenige werden sie wirklich gelesen haben, und auch heute steht nicht zu befürchten, dass sich viel das antun werden. Und Gewinn für eine Naziideologie in unserer Zeit wird man aus dem Buch auch nicht ziehen können.

Nun ist Mein Kampf also wieder im Buchhandel erhältlich. Es erscheint eine vom Institut für Zeitgeschichte, der bedeutendsten deutschen Forschungseinrichtung für Geschichte des 20. Jahrhunderts, kommentierte Fassung. Zwar gab es vorher bereits kommentierte Teileditionen oder Monografien wie die von Sven Felix Kellerhoff, die »die Karriere eines Buches« dokumentierten, aber der ganze Unsinn des Hitler-Textes war so ohne Weiteres nicht greifbar. Klar, wir Historiker konnten für wissenschaftliche Zwecke in Bibliotheken oder Archiven immer schon das Machwerk lesen oder auswerten, und es gab in Trödelläden oder auch bei einschlägigen Versandhäusern für wenig Geld eine Originalausgabe. Warum also dann ein solcher Hype um das Buch? Oder anders gefragt, wenn alles so historisch und abgeklärt ist, warum wird es dann als eine so große Bedrohung angesehen?

bekenntnisschrift Kellerhoff stellt fest, dass auf den 780 Seiten circa 600 Wendungen zu finden sind, die von »Judenhass« getrieben waren. Weiter stellt er fest, dass diese judenfeindlichen Ausfälle durch Argumente wohl widerlegt werden können, in ihrer antisemitischen Wirksamkeit jedoch durch kein Argument eingeschränkt werden konnten. Und darin liegt das eigentliche Problem dieses Textes. Er ist – wie die Protokolle der Weisen von Zion – eine Bekenntnisschrift der Antisemiten. Und die wird auch der beste Kommentar des Instituts für Zeitgeschichte nicht erreichen.

Vor dem Hintergrund eines zunehmend stärker in der Mitte der Gesellschaft ankommenden Antisemitismus (»Ich bin kein Antisemit, aber das wird man doch noch sagen dürfen ...«), vor dem Hintergrund eines sich zunehmend militant gebärdenden Rassismus und eines aus dem Nahen Osten importierten neuen Antisemitismus ist der Symbolgehalt der Verfügbarkeit dieser Hetzschrift groß.

schoa Insofern wiegt die Einschätzung des Zentralrats der Juden schwer, der vor unkommentierten Ausgaben warnt und fordert, dass die Strafverfolgungsbehörden mit aller Konsequenz gegen die Verbreitung und den Verkauf des Buches vorgehen sollen. Nach dem Auslaufen des Urheberrechts sei die Gefahr sehr groß, dass dieses Machwerk verstärkt auf den Markt gebracht wird. Spricht man mit Überlebenden der Schoa, dann ist die meistgehörte Antwort die bittere Klage darüber, dass man die Neupublikation dieses antisemitischen Buches miterleben müsse.

Am Ende des ersten Quartals wird man eine erste Bilanz ziehen können, wie die deutsche Öffentlichkeit, wie internationale Stimmen und wie der Kommentar des Instituts für Zeitgeschichte einzuschätzen sind. Als Historiker bin ich davon überzeugt, dass mit diesem alten Hut kein neuer Antisemitismus, Rassismus oder gar Militarismus beflügelt werden kann, als Rabbiner weiß ich, dass einige gerade derjenigen, die am meisten unter dem NS-Terror gelitten haben, große Angst oder Sorge wegen der Hitlerhetzschrift haben. Das ist schlimm genug.

Der Autor ist Rabbiner in Berlin und Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.

Teheran

Iran hängt zwei Anhänger der Volksmudschahedin

Seit Kriegsbeginn geht die iranische Justiz mit äußerster Härte gegen mutmaßliche Spione und Kritiker vor. Nun werden zwei Männer gehängt, die einer im Iran verbotenen Gruppe angehören

 30.03.2026

Washington D.C.

Bericht: Trump prüft Militäreinsatz zur Uran-Bergung im Iran

Setzen die USA im Iran auch Bodentruppen ein? Trump erwägt laut einem Medienberichten, angereichertes Uran mit Gewalt zu beschlagnahmen

 30.03.2026

Erklärung

Geplante Todesstrafe: Europäische Minister appellieren an Israel

Vier europäische Außenminister warnen: Eine Ausweitung der Todesstrafe in Israel könnte nicht nur Menschenrechte verletzen, sondern auch das Vertrauen in demokratische Prinzipien erschüttern

 30.03.2026

Israel

232 Verletzte binnen eines Tages – Raketen aus Iran, Drohnen aus Jemen

Seit Beginn des Krieges vor gut einem Monat wurden mehr als 6000 Menschen in israelischen Kliniken behandelt

 30.03.2026

Ottawa/Brüssel

Kanada verweigert EU-Abgeordneter die Einreise

Jüdische Organisationen begrüßen die Entscheidung. Rima Hassan werden Israelhass und Terrorverherrlichung vorgeworfen

 30.03.2026

London

Blair warnt vor Judenhass in Europa, weist Völkermord-Vorwurf gegen Israel zurück

Der frühere Premierminister schreibt, wiederkehrende Stellungnahmen europäischer Regierungen hätten das Anwachsen des Antisemitismus bislang nicht gestoppt

 30.03.2026

Luftwaffenbasis »Prinz Sultan«

US-Aufklärungsflugzeug bei iranischem Angriff zerstört, zehn verletzte Soldaten

Die US-Luftwaffe verfügt nur noch über eine begrenzte Zahl dieser Flugzeuge. Vor dem Angriff bestand die Flotte aus 16 Maschinen, von denen nur gut die Hälfte einsatzbereit ist

 30.03.2026

Iran

Trump sieht »faktischen Regimewechsel« und Fortschritte bei Gesprächen

»Das eine Regime wurde dezimiert, zerstört, sie sind alle tot. Das nächste Regime ist größtenteils tot, und mit dem dritten Regime haben wir es mit völlig anderen Leuten zu tun«, sagt der US-Präsident

 30.03.2026

Völkerrechtsdebatte

Bundestags-Experten sehen Iran-Krieg als Völkerrechtsverstoß

Wissenschaftler des Parlaments halten das für die »herrschende Ansicht« unter Experten. Sie gehen der Frage nach, ob Deutschland sich der Beihilfe zum Völkerrechtsbruch schuldig macht

 29.03.2026