USA

Eine Welle des Hasses

Antisemitische Tat: Auf einem jüdischen Friedhof in Philadelphia wurden etwa 100 Grabsteine umgeworfen. Foto: dpa

Es bleibt abzuwarten, ob den lauwarmen Worten aus dem Weißen Haus irgendwann Taten folgen werden, um den brutaler werdenden Judenhass in den Vereinigten Staaten zu bekämpfen.

Am Montag hatte es in mindestens 21 jüdischen Gemeindezentren Anrufe mit der Ankündigung gegeben, sie würden demnächst in die Luft gesprengt. Es war die fünfte Welle von Bombendrohungen gegen Gemeinden seit Januar. Zuvor waren erneut etwa 100 Grabsteine auf einem jüdischen Friedhof umgestoßen und zum Teil zerstört worden, diesmal in Philadelphia.

Immerhin ließ Präsident Trump »die antisemitischen und hasserfüllten Taten« bereits einige Stunden nach den letzten Attentatsdrohungen verurteilen, nachdem er davor noch Wochen gebraucht hatte, um solche Worte über die Lippen zu bringen. Am Dienstag, in seiner ersten Rede vor dem Kongress, erwähnte er die Drohungen noch einmal explizit.

taskforce Doch so schnell werden die Juden den Schreck nicht wegstecken. In Synagogen und Gemeindehäusern debattieren die Mitglieder, wie man sich schützen kann. Es wäre höchste Zeit, in Washington einiges von dem umzusetzen, was Jonathan Greenblatt von der Anti-Defamation League (ADL) als Gegenmaßnahmen auflistet – etwa eine Taskforce gegen Hassverbrechen.

Es sieht allerdings nicht so aus, als habe Trump die Bekämpfung des Antisemitismus auf seine Prioritätenliste gesetzt. Im Gegenteil. Nach Medienberichten erwägt er, die von seinem Vorgänger eingerichtete Stelle des Sonderbeauftragten zur Bekämpfung des Antisemitismus zu streichen. Ungenannten offiziellen Quellen zufolge will Trump hier und an anderen Stellen sparen, um die Militärausgaben zu erhöhen.

Dass solche Überlegungen überhaupt möglich sind, intensiviert bei jüdischen Interessenverbänden die Bereitschaft zusammenzuarbeiten – ungeachtet ihrer teils sehr unterschiedlichen politischen Orientierung.

orthodoxe Bisher allerdings verblüfft es immer wieder, wie sich manche Orthodoxe winden, dem neuen Hausherrn im Weißen Haus abzuverlangen, was selbstverständlich sein sollte: für die Unversehrtheit aller Bürger einzutreten. Als etwa die Vertreterin der Zionistischen Bewegung im Fernsehen gefragt wurde, ob sie erwarte, dass Trump die Übergriffe und Bedrohungen verurteile, begann sie aufzuzählen, was die Linksliberalen alles verurteilen müssten.

Tatsächlich gibt es auf der liberalen Seite durchaus Schwierigkeiten, anzuerkennen, dass laut einer ADL-Studie ein als Antizionismus getarnter Antisemitismus in den Universitäten 2015 zu doppelt so vielen Hassverbrechen gegen Juden geführt hat wie im Jahr davor.

Bei ihrem Sparringspartner in der Sendung, dem Rechtsprofessor Alan Dershowitz, war die Vertreterin der Zionistischen Bewegung allerdings an der falschen Adresse. »Ich bin als Demokrat bereit, den linken Antisemitismus und die BDS-Bewegung zu verurteilen«, sagte der Bürgerrechtler. »Genauso klar erwarte ich das von Ihrer Seite.«

Diese Klarheit werden die Juden immer nötiger brauchen. An den Universitäten hat es sich längst gezeigt, dass linke Kräfte von Juden die völlige Verleugnung der eigenen Werte und Interessen erwarten: Sofern sich jüdische Studenten nicht von Israel distanzieren, gibt es für sie kaum Chancen, in sozialen Organisationen aktiv zu sein oder gleichberechtigt mit andersdenkenden Kommilitonen zu diskutieren.

werte Warum sollten die Ansprüche auf der konservativen Seite anders sein? Wie sollen Juden einem Präsidenten vertrauen können, der schon im Wahlkampf so ziemlich alle Werte mit Füßen getreten hat, mit denen sie großgeworden sind?

Es ist einigen Konservativen im amerikanischen Journalismus hoch anzurechnen, dass sie diese Zusammenhänge früh dargestellt haben. Autoren wie Bret Stephens vom Wall Street Journal etwa, der über Immigranten sagt, die Juden seien auf deren Seite, denn »sie wollen das, was unsere Großeltern und Urgroßeltern wollten. Die sind auch nicht als Anwälte und Ärzte und mit Doktortitel in dieses Land gekommen. Sie kamen schmutzig und arm und wollten nur eines: eine Zukunft für ihre Kinder«.

Das Einreiseverbot für Menschen aus sieben muslimischen Ländern haben nicht nur die konservativen und Reformverbände verurteilt. Auch die Orthodoxe Union der jüdischen Gemeinden protestierte, dass man die Gefahr sehe, die von Islamisten ausgehe, doch dürfe man Menschen nicht generell nach der Religion beurteilen.

Wie wichtig es sein wird, sich nicht auseinanderdividieren zu lassen, zeigt das Einreiseverbot jetzt auf ironische Weise: Unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen haben die Einreisebehörden einen französischen Historiker und Schoa-Forscher zehn Stunden lang am Flughafen in Houston festgehalten und hätten ihn um ein Haar abgeschoben. Als Grund für das Festhalten nannten die Beamten »Missverständnisse« mit den Papieren des in Ägypten geborenen Juden. Dabei steht Ägypten nicht einmal auf der Liste der sieben Länder.

Meinung

Die Hybris des Jens Spahn

Mit seinem Verhalten hat der CDU-Politiker nicht nur der eigenen Partei geschadet, sondern der Demokratie

von Ralf Balke  21.07.2026

Washington D.C.

US-Geheimdienste erwarten keine Kursänderung Teherans nach neuen Angriffen

Die neue Lageeinschätzung wurde der Regierung von Präsident Donald Trump bereits vorgelegt

 21.07.2026

Statistik

Opferberatungsstellen: 3.167 Fälle rechter Gewalt im Jahr 2025

Die nichtstaatlichen Opferberatungsstellen verzeichnen nach dem Rekordjahr 2024 den zweithöchsten Wert an rechter Gewalt. Am häufigsten war das Tatmotiv Rassismus. Besonders nahmen Angriffe auf politische Gegnerinnen und Gegner zu

 21.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

München

Schmerz und offene Fragen auch zehn Jahre nach OEZ-Anschlag

Am 22. Juli 2016 erschoss ein rechtsextremer 18-Jähriger am Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun junge Menschen. Noch immer sind für die Angehörigen viele Fragen offen

von Susanne Schröder  21.07.2026

Köln

Bewährungsstrafen gegen frühere Mitglieder antisemitischen Goyim-Netzwerks

Es geht um die Beteiligung an einer Verbreitung von Judenhass-Propaganda

 21.07.2026

Höchberg

DIG-Mitglied wegen Israel-Anstecker angegriffen und schwer verletzt

Die zuständige Generalstaatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes

 21.07.2026 Aktualisiert

Beirut

USA: Erste Schritte bei »Pilotzonen« im Südlibanon

Nach jahrzehntelangem Kriegszustand gab es zuletzt Annäherungsversuche zwischen Israel und dem Libanon. Nun verkündet das US-Außenministerium als Vermittler einen weiteren Schritt

 21.07.2026

Washington D.C.

Trump: »Netanjahu wird unter keinen Umständen festgenommen«

Der amerikanische Präsident wendet sich gegen die Aussage des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani, der eine Festnahme prüfen lässt

 21.07.2026