KZ-Tattoo

Eine nutzlose Strafe

Bestsellerautorin Deborah Feldman Foto: Benjamin Reich

Der 21. November war der Tag, an dem Marcel Zech beschlossen hatte, sein Tattoo, das ein KZ und den Spruch »Jedem das Seine« zeigt, in einem Spaßbad in Oranienburg zur Schau zu stellen. An diesem Tag hatte ich das Pech, auch da zu sein, gemeinsam mit meinem neunjährigen Sohn. Dieses Tattoo raubte mir den Atem. Es zerstörte die Illusion, in einem Deutschland zu leben, in dem Rechtsextremismus verurteilt und die Vergangenheit aufgearbeitet wird.

zeugen Hunderte Leute waren in dem Bad, aber niemand reagierte auf Zech. Als ich später entdeckte, dass jemand ein Foto des Tattoos auf Facebook veröffentlicht hatte und sich die Justiz der Sache annahm, war ich zunächst beruhigt. Ich beschloss, zu dem Prozess zu fahren. Vor dem Gericht sah ich Marcel Zech, wie er mit Kumpels rauchte und lachte.

Ich hoffte noch auf den Staatsanwalt, doch was die Strafbarkeit des Tattoos anging, blieb er merkwürdig unbestimmt. Er appellierte lieber an die Bürger, aufzustehen, wenn sich Nazis zeigen – wohl wissend, dass diese zur Gewalt neigen. Es war eine Show für die Presse, keine juristische Argumentation. Zechs Anwalt, leider, sprach stringent. Er warf dem Staatsanwalt vor, er wolle das Recht dehnen.

gesetz Wenn, so dachte ich mir, auch der Staatsanwaltschaft unklar ist, ob das Tattoo unter Strafe steht, wie können wir erwarten, dass es den Menschen klar ist? Hilft das Rechtssystem überhaupt, solche Provokationen zu verurteilen? Unter all den Menschen, die in dem Spaßbad waren, gab es niemand, der sich durch das Gesetz bestärkt fühlte, etwas gegen Marcel Zech und dessen Tattoo zu unternehmen. Das Gesetz sind die Menschen, die Menschen sind das Gesetz. Man kann das eine nicht ohne das andere ändern.

Am Ende sprach die Richterin ihr Urteil: sechs Monate auf Bewährung. Eine weitere nutzlose Strafe für Zech.

Später weigerte sich Zechs Anwalt, mit deutschen Journalisten zu sprechen. »Ich bin keine Deutsche«, sagte ich zu ihm, »ich bin aus den USA.« »Sie sind Jüdin?«, fragte er rhetorisch. Mein Herz klopfte, mein Mund wurde trocken. »Ich wurde von einem Auschwitz-Überlebenden erzogen«, antwortete ich. Er sagte: »In den Staaten, wo Sie herkommen, ist dies überhaupt nicht strafbar.« »Aber da, wo ich herkomme«, antwortete ich, »gibt es keine Auschwitz-Tattoos.«

Die Autorin ist Schriftstellerin in Berlin. Ihr US-Bestseller »Unorthodox« erscheint im Frühjahr 2016 auf Deutsch.

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  26.10.2026

Wilko Möller (AfD), Landtagsabgeordneter in Brandenburg, guckt nachdenklich

Rechtsextremismus

Urteil gegen AfD-Politiker wegen Wahlplakats rechtskräftig

Hat der AfD-Abgeordnete Wilko Möller mit einem »Hitlergruß« auf Plakaten Wahlkampf gemacht? Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte ihn zu einer Geldstrafe verurteilt. Dagegen legte der Politiker Revision ein – vergeblich

 26.10.2026

Leerer Klassenraum (Symbolbild)

Hessen

Strafverfahren gegen Lehrer wegen israelfeindlicher Posts eingestellt

Wegen Instagram-Beiträgen, die als »antisemitisch und israelfeindlich« eingestuft wurden, ist ein Gymnasiallehrer seit einem Jahr vom Dienst suspendiert. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung wurde nun eingestellt

 26.10.2026

Krieg

Selenskyj: Warten fast einen Monat auf Hegseth-Unterschrift

Der Ukraine mangelt es nach eigenen Angaben an Raketen zur Abwehr russischer Angriffe. Nun äußert Präsident Selenskyj Kritik am US-Verteidigungsminister Hegseth

 26.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026

Regierungsbildung

Berliner SPD plant Mitgliederbefragung über Koalition

Die Basis soll über eine Koalition mit Linken und Grünen mitentscheiden

 26.10.2026

Debatte

Zentralrat der Juden warnt vor AfD in Sachsen-Anhalt und nimmt Linke in Berlin Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Präsident Josef Schuster blickt sorgenvoll auf zwei deutsche Bundesländer

 26.10.2026

Berlin

Linke-Kandidat für Neukölln: Recherchen dokumentieren Nähe zu PFLP-Sympathisanten

Ein Dossier der Monitoringgruppe Amit, über das die »Welt« berichtet, dokumentiert mehrere Berührungspunkte des 45-jährigen Rechtsanwalts mit Personen und Veranstaltungen, bei denen Sympathien für die Organisation erkennbar waren.

 26.10.2026

Berlin

Schuster: Nehme der Linken Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Der Kampf gegen Judenhass erschwert die Gespräche über Rot-Grün-Rot in Berlin. Eine Erklärung der Linken reicht dem Präsidenten des Zentralrats der Juden nicht

 26.10.2026