Griechenland

Eine Frage der Moral

Bundespräsident Joachim Gauck gedenkt im griechischen Lyngiades der Opfer der Wehrmachtsverbrechen, 7. März 2014 Foto: dpa

Durch die Gazetten geistern im Zusammenhang mit Griechenland merkwürdige Begriffe: Restitution einer NS-Zwangsanleihe, NS-Opferdörfer, Entschädigung für erlittenes NS-Unrecht und Grexit. Aber vor allem begegnen uns »diebische« Griechen, die »wortbrüchig« oder »ökonomisch unfähig« sind. Kaum einer fragt nach den durch den fiskalischen Tsunami um ihre Existenz und Zukunft gebrachten griechischen Menschen. Gäbe es heute noch einen Hofprediger, so würde er heute wohl formulieren: »Die Griechen sind unser Unglück!« Man könnte es Anti-Hellenismus nennen.

Wer vermag wirklich einzuschätzen, ob die gleichen ökonomischen Regeln, die im wirtschaftlich prosperierenden Deutschland zu Wohlstand führen, auch in Griechenland gelten können? Zumal der Beitritt in eine Währungsunion zu allen Zeiten dazu geführt hat, dass ein großes Stück der Souveränität eines Landes aufgegeben wird.

Die große wirtschaftliche und menschliche Not dieser Jahre führt nun dazu, dass sich viele in Europa Gedanken darüber machen, welche Wege aus dem Elend sich auftun könnten. Da kommen den Protagonisten in Griechenland verübtes NS-Unrecht und die deutsche Besatzung in den Sinn.

Zivilbevölkerung Der griechische Widerstand hat so wenig wie der polnische oder französische die verhasste deutsche Besatzung beenden können. Aber er hat dazu geführt, dass die deutsche Besatzungsmacht sich legitimiert sah, durch mörderische Vergeltungsaktionen gegen die griechische Zivilbevölkerung großes Leid anzurichten. Diese Geiselmorde und Erschießungen waren Gegenstand einer der zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse 1947/48.

Dass die Wehrmacht überhaupt auf dem Balkan auftauchte, liegt am erfolgreichen Kampf der griechischen Armee gegen Mussolini-Italien. Mein Vater, Estrongo Nachama, der in Saloniki geborene langjährige Berliner Oberkantor, war sein Leben lang stolz, als griechischer Fernmeldesoldat mit der »Waffe in der Hand« gegen die Faschisten aus Italien und Deutschland lange Zeit erfolgreich gekämpft zu haben. Da Hitler aber keine Achsenmacht untergehen lassen wollte, kam die Wehrmacht den bedrängten Italienern zu Hilfe und besetzte Teile des Balkans und Griechenlands.

Durch diese NS-Besatzung Griechenlands kam es zu dem in diesen Tagen oft beschriebenen NS-Zwangskredit, den die Griechen zur Finanzierung ihrer eigenen Besatzung an Berlin geben mussten. Das muss man so verstehen, wie die eine Milliarde Reichsmark, die die deutschen Juden an den NS-Staat nach dem Novemberpogrom zu zahlen hatten. Die Geschädigten hatten nicht nur den Schaden, sondern mussten ihn auch noch mit Geld an den NS-Fiskus ein weiteres Mal finanzieren. Nach der gleichen Logik musste das NS-besetzte Griechenland nicht nur die Wehrmacht im Land ertragen, sondern auch noch deren Besatzungslasten erstatten.

Geste Ob die Rückzahlung dieses Kredites oder, allgemeiner gesagt, Reparationen, nach dem Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrages und der Kenntnisnahme dieses Vertrages durch die OSZE-Staaten, also auch Griechenland, völkerrechtlich überhaupt zur Diskussion steht, kann als unwahrscheinlich angesehen werden. Genauso wie der rechtliche Anspruch auf Entschädigung von Zwangsarbeitern zu Beginn des Jahrtausends. Und doch war die Gründung der »Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft« (EVZ) eine großartige humanitäre Geste den ehemaligen Zwangsarbeitern gegenüber.

Bei der historischen Rede und der Initiative von Bundespräsident Gauck bei seinem Staatsbesuch 2014 in Griechenland und dem aktuellen Anstoß von Renate Künast und anderen Politikern geht es eben nicht um Reparationen nach dem Völkerrecht, sondern um den moralischen Maßstab, den sich Deutschland mit seinen auf einzelne Personen, also auf die Opfer und nicht auf die Staaten, bezogenen Entschädigungsbemühungen in den letzten Jahrzehnten selbst gesetzt hat.

Für ein solches Versöhnungswerk könnte tatsächlich die im Jahr 2000 gegründete Stiftung EVZ Vorbild sein. Sie hat unbürokratisch und direkt die noch verbliebenen Opfer mit Geld bedacht. Damals hat eine große Zahl von deutschen Firmen, die in der NS-Zeit von Zwangsarbeit profitiert haben, in den Stiftungsfonds eingezahlt. Jetzt könnte man fragen, wer soll in eine solche deutsch-griechische Versöhnungsstiftung einzahlen, wer hat denn von der Besetzung Griechenlands profitiert?

Projekte Dabei geht es nicht um Reparationen, sondern um eine Geste der Versöhnung den Opfern und ihren Nachfahren gegenüber. Eine solche Stiftung könnte ergänzt werden durch ein deutsch-griechisches Jugendwerk und gemeinsame auf die Zukunft bezogene Erinnerungsprojekte.

Ich kann mir kein Europa ohne Griechenland vorstellen. Das Wort Europa ist (alt)griechisch, und abgesehen von der Bibel war es doch die griechische Philosophie von Aristoteles bis Diogenes, die europäisches Denken und auch unsere Mentalität prägten und prägen. Europa und auch der Euro basieren nicht nur auf wirtschaftlichen und juristischen Regeln. Auch das ist ein Appell an die Politik, es nicht nur bei Vergangenheitsbewältigung zu belassen, sondern Wege zu finden, die in eine gemeinsame Zukunft mit Griechenland auf Augenhöhe führen.

Der Autor ist Rabbiner in Berlin und Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.

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