9. November

Eine Bitte

Mahnmal der ehemaligen Synagoge Hannover Foto: imago images/Michael Matthey

»Nie wieder!« So lautet die bundesdeutsche Synthese aus Beichte und gleichzeitiger Selbst-Absolution. Also nie wieder deutsches Herrenmenschentum, Nazismus oder sonstige Faschismen ganz allgemein und, im Besonderen, nie wieder Judenhass, Auschwitz, »Endlösung«.

Dieses »Nie wieder« ist sozusagen die auf Hochglanz gedruckte ethische Visiten- und zugleich Eintrittskarte des neuen Deutschland. Demonstrativ wird sie sowohl am Eingang zur jüdischen als auch allgemein zur zivilisierten Welt abgegeben.

alltag Der Nie-wieder-Lack ist zwar nicht ab, doch er glänzt deutlich weniger. Sowohl in den Augen der allgemein zivilisierten, vornehmlich EU-europäischen, als auch und erst recht in der Wahrnehmung der jüdischen Welt. Deutsche Überheblichkeit, diesmal als belehrender Moralismus verpackt, gehört wieder zum deutschen Alltag. Nein, kein diskriminatorisches deutsches »Herrenmenschentum« wie unter Kaiser Wilhelm oder gar ein liquidatorisch-millionenmörderisches wie unter Hitler, sehr wohl jedoch der durchaus auch explizite und penetrante, angemaßte Anspruch auf moralische Hegemonie.

Anschauungsunterricht bot die diesjährige »documenta«. Ausgerechnet während des Festreigens »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« brach der Damm.

Seit Mai 2019 – dem sachlich zutreffenden Bundestagsbeschluss, die anti-israelische BDS-Kampagne auch antisemitisch zu nennen – maßen sich weite Teile aus Gesellschaft und vor allem der »Kulturelite« an, nicht nur die einheimischen, sondern »die« Juden darüber zu belehren, was Antisemitismus sei. Es sind oft dieselben, die am lautesten »Nie wieder« rufen.

Sich auf Grundgesetz-Artikel 5 über die Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit berufend und nicht zuletzt unterstützt von milieueigenen Hofjuden, missbrauchen sie die Verfassung als kugelsichere Schutzweste gegen den sachlich berechtigten Antisemitismusvorwurf.

betroffenheit Wenn auf eine »Mohrenstraße«, zu Recht oder nicht, betroffen reagiert wird, bemühen sich gerade diese Milieus darum, die gefühlte Diskriminierung zu korrigieren. Jüdische Betroffenheit dagegen zählt nicht. Anschauungsunterricht bot die diesjährige »documenta«. Ausgerechnet während des Festreigens »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« brach der Damm. Für jedermann sichtbar.

Von Bund, Land und Stadt subventioniert, wurden Antisemitismen wie zu Zeiten des NS-Hetzblattes »Der Stürmer« salonfähig. 738.000 Besucherinnen und Besucher dankten es der deutschen Politik und »Kulturelite« und kamen zur Ausstellung. Das waren zwar 17 Prozent weniger als 2017, aber immerhin. Zwei der mitverantwortlichen Kuratoren wurden mit einer Gastprofessur in Hamburg belohnt. Dort gilt, versteht sich: »Kein Platz für Antisemitismus«.

Nie wieder? Wieder ist Antisemitismus ein salonfähiges Phänomen.

Neonazistische und andere rechte sowie muslimische Antisemiten machen aus ihrer Gesinnung kein Hehl. Verlogene Antisemiten sind Linke und sogenannte Linksliberale, die an der vordersten Nie-wieder-Front stehen, ihren Antisemitismus mit Scheinmoral überpinseln und antisemitischen Tätern scheinintellektuelle Rechtfertigung bieten.

avantgarde Gerne importieren sie – sich selbst als Avantgarde des Antirassismus darstellend – nichtweiße Antisemiten aus dem Globalen Süden. Wer die immer gleichen Muster benennt, wird aus scheinkoscheren Kanonen als »Rassist« beschossen. Rechtfertigende Begleitmusik liefert die deutsche Politik mit ihrem Mantra, die circa 90 Prozent der Antisemiten »rechts« verortet.

Nie wieder? Wieder ist Antisemitismus ein salonfähiges Phänomen. Er gehört zum schlechten guten Ton – getragen vom »dummen Kerl« bis zu Herrn oder Frau Professor sowie nicht nur den deutschen »Dichtern und Denkern«. Auch das gehört zur Zeitenwende in Deutschland.

Antizionismus beziehungsweise Antiisraelismus ist Antisemitismus, denn: Israel ist die existenzielle Lebensversicherung aller Juden. Legende 1 also: Antisemitismus habe keinen Platz in Deutschland. Legende 2: Die Verteidigung der Existenz Israels wäre deutsche Staatsräson.

Antizionismus beziehungsweise Antiisraelismus ist Antisemitismus, denn: Israel ist die existenzielle Lebensversicherung aller Juden.

Wenige Beispiele: Im Herbst 1972, nach ihrem Massaker an israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen in München, wurden die drei überlebenden palästinensischen Terroristen freigelassen. Israel protestierte. Bayerns Innenminister Bruno Merk (CSU) ließ das kalt: »Die können uns ja gernhaben.« Seit 1970 betrieb Kanzler Willy Brandt (SPD), wie er es nannte, Israelpolitik »ohne Komplexe«. Als 1973 Israels Sein im Krieg am seidenen Faden hing, verweigerte seine Regierung US-Waffennachschub aus Deutschland an den jüdischen Staat. 1981/82 wollten Kanzler Helmut Schmidt (SPD) und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) den damals mit Israel verfeindeten Saudis Panzer liefern. Israel protestierte vehement.

atomabkommen Erst Kanzler Helmut Kohl (CDU) stoppte den Deal. Ein Angriff auf Israel sei wie ein Angriff auf Deutschland, verkündete Angela Merkel im März 2008 vor der Knesset. Bis 2015 setzten sie und ihr SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier alle Hebel in Bewegung, um das Atomabkommen mit dem Iran zu ermöglichen. Munter stimmte die Große Koalition nach Steinmeier mit Sigmar Gabriel und Heiko Maas (SPD) in der UN fast jedem Antiisraelismus zu.

Vor, am, zum und nach dem Gedenken an den Anfang der »Endlösung«, der »Reichskristallnacht« vom 9. November 1938, diese Bitte: nie wieder »Nie wieder!« hinausposaunen, sondern statt schöner Worte endlich einmal wirksame Taten.

Der Autor ist Historiker und Publizist. Sein Buch »Eine andere Jüdische Weltgeschichte« erschien im April.

Kolumbien

Knapper Wahlsieg, dramatischer Kurswechsel?

Der knapp zum kolumbianischen Präsidenten gewählte Abelardo de la Espriella will die Beziehungen zu Israel kitten - doch de la Espriella ist wie sein Vorgänger Gustavo Petro sehr umstritten

von Michael Thaidigsmann  24.06.2026

Berlin

Mahnmal für ermordete Zeugen Jehovas eingeweiht

Eine bronzene Stele am Goldfischteich im Tiergarten soll an die 15.000 Frauen und Männer erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden

von Linn Manegold  24.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  24.06.2026

Kontrolle

IAEA-Chef: Inspektionen im Iran werden kommen

Der Chef der UN-Atomwächter stellt klar: Die Überwachung von Atomanlagen ist Teil des US-iranischen Rahmenabkommens. Doch wann und wie IAEA-Fachleute im Iran tätig werden, bleibt vorerst unklar

 24.06.2026

Meinung

Wie Israel zum Juden unter den Staaten gemacht wird

Antisemitismus zeichnet sich dadurch aus, dass er keine empirischen Grundlagen braucht, um zu existieren - weder in der UN noch anderswo

von Jacques Abramowicz  24.06.2026

Dresden

Sachsen erwägt Verbindungsbüro in Israel

Das sächsische Kabinett stehe seiner Anregung dazu positiv gegenüber, sagt der Beauftragte für jüdisches Leben, Thomas Feist

 24.06.2026

Abu Dhabi

Zugang für IAEA-Inspekteure: Marco Rubio widerspricht Teheraner Regime

Der US-Außenminister spricht auch die Situation in der Straße von Hormus an: »Kein Land darf Gebühren oder Maut für eine internationale Wasserstraße verlangen.«

 24.06.2026

Washington D.C.

US-Senat fordert Ende des Iran-Krieges und stellt sich gegen Trump

Die Resolution wird mit 50 zu 48 Stimmen angenommen. Vier republikanische Senatoren schließen sich fast allen Demokraten an

 24.06.2026

Nahost

Mehr als Tausend Schiffe sitzen im Persischen Golf fest

Die USA und der Iran haben sich nach dreieinhalb Monaten Krieg auf ein Rahmenabkommen geeinigt - doch für viele der im Persischen Golf festsitzenden Schiffe hat der quälende Stillstand kein Ende

 24.06.2026