Interview

»Ein starkes Zeichen der Unterstützung«

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, Präsident der Konferenz der Europaeischen Rabbiner (CER) Foto: picture alliance / SVEN SIMON

Für seine Verdienste um »den Frieden, die Selbstbestimmung der Völker und die europäischen Werte, für Toleranz, Pluralismus und Verständigung« wird der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER), Pinchas Goldschmidt (60), zusammen mit den jüdischen Gemeinschaften Europas mit dem diesjährigen Karlspreis in Aachen ausgezeichnet.

Angesichts von wachsendem Antisemitismus sei es »wichtig und notwendig«, den interreligiösen Dialog weiterzuführen, sagt der Rabbiner im Interview in Jerusalem.

Herr Oberrabbiner Goldschmidt, was bedeutet der Karlspreis für Sie persönlich und für die jüdischen Gemeinschaften in Europa?
Ich fühle mich sehr geehrt. Es ist der wichtigste Preis, der in Europa für die europäische Einigung vergeben wird. Es ist ein starkes Zeichen der Unterstützung und Solidarität mit den jüdischen Gemeinden und gleichzeitig eine Anerkennung der Arbeit, die wir in den vergangenen Jahrzehnten geleistet haben.

Die jüdischen Gemeinschaften Europas werden immer wieder mit Diskussionen um Schächtungs- und Beschneidungsverboten konfrontiert. Wie sehen Sie die jüdische Zukunft in Europa?
Religionsfreiheit ist ein wichtiges Thema, das aber durch den Anschlag der Hamas am 7. Oktober durch ein noch brisanteres Thema zur Seite gestoßen wurde: das Thema der persönlichen Sicherheit jeder einzelnen jüdischen Person in Europa; die Sicherheit der jüdischen Gemeinden und einer jüdischen Zukunft. Wie die aussieht, hängt von Europa ab.

Malen Sie bitte den schlimmsten und den besten Fall aus.
Am wahrscheinlichsten ist eine Fortsetzung der heutigen Politik. Ein negatives Resultat könnte sein, dass die radikalen Rechten mehr Macht bekommen und als Resultat zum Beispiel in Deutschland die AfD die deutsche Staatsräson für eine jüdische Zukunft in Deutschland, in Europa und auch in Israel infrage stellen kann sowie auf der anderen Seite auch die Zukunft einer Europäischen Union. Die EU ist heute Garant eines pluralistischen, demokratischen Europa. Aber auch die zunehmende feindselige Haltung der radikalen Linken gegenüber Israel sowie der immer offener zutage getragene muslimische Antisemitismus bereiten mir große Sorgen.

Welche Auswirkungen hatte der 7. Oktober auf die jüdischen Gemeinden in Europa?
Ich habe mich gefragt, ob die Explosion von Antisemitismus auf der ganzen Welt mit dem 7. Oktober verbunden ist oder mit dem 8. Oktober. Anders gefragt: Ist das eine Reaktion auf den Überfall der Hamas auf Israel oder die Reaktion auf die israelische Antwort auf die Hamas, den Gegenangriff? Tatsächlich haben viele Demonstrationen bereits am 7. Oktober begonnen. Der erfolgreiche Angriff auf Israel und die Situation Israels hat viele Antisemiten darin bestärkt, eine neue Pogromstimmung gegen Juden zu organisieren, weil sie dachten, dass Juden doch nicht so stark und mächtig seien. Das war ein Trigger für viele antisemitische Kräfte in der Welt, ihren Hass auf Israel und die Juden öffentlich auf der Straße zu skandieren.

Obwohl die Regierungen in Europa sehr gut reagiert und die jüdischen Gemeinden beschützt haben, sehen wir in der Zivilgesellschaft und von religiösen Organisationen viel weniger Unterstützung, als wir geglaubt haben. Auch aus Wissenschaft und Kunst hätten wir eine stärkere Reaktion gegen Antisemitismus erwartet, statt sich in falschen, gar toxischen Nahost-Narrativen zu verzetteln und sich einer unsäglichen Täter-Opfer-Umkehr anzuschließen.

Hat der 7. Oktober Deutschland in ein propalästinensisches und ein proisraelisches Lager gespalten?
Leider ja. Mich erschüttert vor allem, mit welch extremem historischen Unwissen und mit welcher Ignoranz von einzelnen Gruppen völlig unreflektiert Hamas-Propaganda nachgeplappert wird, etwa an so mancher Universität oder auf der Straße. Wie in Freiheit lebende Menschen eine Terrordiktatur der Unfreiheit unterstützen können, bleibt mir unbegreiflich. Noch stärker sehen wir das in den USA, zum Beispiel an den Universitäten.

Wir müssen uns fragen, wer von diesen Krawallen profitiert. Wir stehen sowohl in Europa als auch in den USA vor Wahlen. Die Profiteure sind die extremen Rechten in Europa und die Republikaner in den USA. Das liberale demokratische Lager, das Präsident Joe Biden unterstützt, ist gespalten in die traditionellen Unterstützer Israels und die Progressiven, die Hamas unterstützt haben.

Und in Deutschland?
Nehmen wir die Demonstrationen in Hamburg für die Errichtung eines Kalifats in Deutschland als Beispiel: Wir wissen, dass es kein Kalifat geben wird. Wer profitiert, ist die AfD - falls die bürgerlichen Konsensparteien nicht eine sehr starke Antwort geben. Russland und Iran profitieren, weil die Republikaner auf eine Politik der Isolierung der USA und gegen eine Unterstützung der Ukraine setzen. Falls diese Politik wieder zur US-Außenpolitik würde, würde dies die europäisch-amerikanischen Beziehungen schwächen. Ähnlich in Europa, wo viele der extremen Rechten den Exit aus der EU und ebenfalls keine Unterstützung für die Ukraine wollen. Falls die Staaten Europas keine gemeinsame Vision für eine Außenpolitik haben, sind auch Sanktionen gegen den Terrorsponsor Iran viel schwieriger umzusetzen.

Hat der 7. Oktober die Beziehungen der jüdischen Diaspora zu Israel verändert?
Ja. Bis 6. Oktober herrschte in Israel fast Bürgerkrieg. Das Land war gespalten, und der größte Teil der Diaspora hat sich nicht mit der israelischen Regierung identifiziert. Das ist nach heutigem Wissen einer der Gründe, warum sich die Hamas zum Angriff entschloss: weil sie sicher war, dass ein gespaltenes Israel sich nicht verteidigen kann.

Das Resultat war ein zehn Mal erfolgreicheres Pogrom, als es die Hamas für möglich gehalten hat; aber auch, dass die jüdische Welt in Israel wie außerhalb geschlossener denn je dasteht. Israel kämpft einen Überlebenskrieg. Dabei haben die verschiedenen politischen und religiösen Orientierungen weniger Gewicht. Wir sehen auch, dass Juden, die niemals in einer Synagoge waren, sich wieder der jüdischen Gemeinde angeschlossen haben. Der 7. Oktober hat das Sicherheitsgefühl verändert.

Kirchliche Stimmen zum israelischen Gegenschlag auf den Gazastreifen haben bei jüdischen Organisationen für Ärger gesorgt. Wie sehr leidet der jüdisch-christliche Dialog darunter?
Der Dialog geht weiter. Es ist aber sichtbar, dass die Beziehungen zwischen verschiedenen jüdischen Organisationen, dem Heiligen Stuhl und den Kirchen nicht so sind wie früher. So mancher religiöse Führer ist auf Distanz zur jüdischen Gemeinde gegangen, wo gerade jetzt Austausch und Solidarität wichtig wären.

Auch der jüdisch-islamische Dialog geht weiter. Ich habe gerade mit dem saudischen Scheich und Generalsekretär der Islamischen Weltliga Mohammed Bin Abdul Karim Al-Issa eine gemeinsame Erklärung unterschrieben, in der wir die geplante Koranverbrennung und Drohungen gegen die Teilnahme der israelischen Delegation am Eurovisions-Wettbewerb in Malmö verurteilen. Dies zeigt, wie wichtig und nötig es ist, den interreligiösen Dialog sowohl mit dem Christentum wie mit der muslimischen Welt weiterzuführen.

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