Brandenburg

Umstrittener Turm der Garnisonkirche wird eingeweiht

Der neue Potsdamer Garnisonkirchturm Foto: picture alliance / epd-bild

Brandenburg

Umstrittener Turm der Garnisonkirche wird eingeweiht

Über den Wiederaufbau wurde lange gestritten. Auch wegen der demokratiefeindlichen Vorgeschichte des Baus

von Yvonne Jennerjahn  21.08.2024 11:59 Uhr

Lange wurde geplant und um Gelder geworben, fast sieben Jahre lang gebaut, begleitet von Kritik und Protest. Mehr als zwei Millionen Ziegelsteine sind seit 2017 im neuen Potsdamer Garnisonkirchturm vermauert worden und haben ihn in die Höhe wachsen lassen.

Zwei Drittel der ursprünglichen Höhe von knapp 90 Metern sind inzwischen erreicht. Am Donnerstag wird das neue Bauwerk, dem noch die Turmhaube fehlt, eröffnet. Zum Festakt wird auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwartet, seit 2017 Schirmherr für den Turm.

Die Geschichte der historischen evangelischen Militärkirche Preußens in Potsdam und die Initiatoren des Wiederaufbaus standen dem Projekt lange im Weg und sorgen bis heute für Widerspruch. Der 1735 fertiggestellte Barockbau war lange auch Ort demokratiefeindlicher Strömungen.

Selbstinszenierung der Nazis

1933 wurde sie von den Nationalsozialisten am »Tag von Potsdam« zur Selbstinszenierung genutzt, Adolf Hitler hielt dort eine Rede. 1945 brannte die Garnisonkirche nach einem Luftangriff aus. Ein Raum im Turm wurde ab 1950 als Heilig-Kreuz-Kapelle weiter genutzt. Im Jahr 1968 wurde die Ruine in der DDR auf Veranlassung der SED abgerissen, der Turm wurde gesprengt.

1984 gründeten rechtskonservative Bundeswehroffiziere einen Verein, der auch den Wiederaufbau der Garnisonkirche zum Ziel hatte - im Fall einer Wiedervereinigung. Dann fiel tatsächlich die Mauer. Die Stadt Potsdam sprach sich für den Wiederaufbau aus, das historische Stadtbild sollte zurückgewonnen werden. Der Soldatenverein begann, Spenden zu sammeln. Doch die evangelische Kirche vor Ort spielte nicht mit. Sie lehnte den Wiederaufbau mit Verweis auf die Geschichte ab.

Seitdem ziehen sich teils heftige Kontroversen durch die jüngere Geschichte. Manfred Stolpe (1936-2019), evangelischer Kirchenjurist und bis 2002 Ministerpräsident von Brandenburg, war vehementer Verfechter des Wiederaufbaus. Der SPD-Politiker sah darin auch eine Wiedergutmachung für den Abriss in der DDR. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (1920-2015) gehörte zu den Befürwortern. Der TV-Moderator Günther Jauch hat viel Geld für das Bauwerk gespendet.

Vorsichtiger Stimmungswandel

Kritik kam und kommt aus Teilen von Kirche, Stadtgesellschaft und Wissenschaft, vom evangelischen Pfarrer und DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer bis hin zur früheren Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD). Initiativen wie »Potsdam ohne Garnisonkirche«, »Christen brauchen keine Garnisonkirche« oder »Lernort Garnisonkirche« argumentieren gegen den Wiederaufbau.

Der vorsichtige Stimmungswandel in der evangelischen Kirche in Richtung Wiederaufbau setzte vor rund 25 Jahren ein. Schließlich wurde den umstrittenen Initiatoren das Projekt Garnisonkirche aus der Hand genommen. 2008 wurde eine kirchliche Stiftung dafür gegründet, den Kuratoriumsvorsitz übernahm der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Berliner Bischof Wolfgang Huber.

Versuche, die Spendengelder des Soldatenvereins zu bekommen, scheiterten. Die eigene Spendenwerbung begann - mit nur mäßigem Erfolg. Dann kam der Bund ins Spiel.

Anziehungspunkt für Rechtsextreme?

Vor elf Jahren wurde die erste zweistellige Millionensumme aus Bundesmitteln in Aussicht gestellt. Inzwischen sind es weit über 20 Millionen Euro, die aus dem Bundeshaushalt allein für den Turmbau fließen, mehr als die Hälfte der rund 42,5 Millionen Euro Baukosten.
Weitere Mittel kommen aus kirchlichen Darlehen und Spenden.

Dass irgendwann auch das Kirchenschiff wieder aufgebaut werden könnte, gilt schon aus finanziellen Gründen als unrealistisch.
Nutzungsvorschläge werden trotzdem immer mal wieder ventiliert, als Konzertsaal, Jugendbegegnungsstätte, Tagungsort für das Stadtparlament.

Kritiker befürchten, der neue Garnisonkirchturm könnte ein Anziehungspunkt für Rechtsextreme werden. Die Kirche hält dem entgegen, dies sei durch die Nutzung als Ort für Demokratiebildung und das Hausrecht praktisch ausgeschlossen. Der Besuch des neuen Potsdamer Aussichtspunkts ist mit der Möglichkeit verbunden, dort eine Ausstellung anzusehen, die auch einen kritischen Blick auf die Geschichte werfen soll.

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  15.07.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Ehrenamtspreis für jüdisches Leben geht nach Köln und Berlin

Bereits zum vierten Mal wird der Ehrenamtspreis für jüdisches Leben verliehen. In diesem Jahr werden Projekte geehrt, die vor allem auf einen niederschwelligen Zugang setzen

von Birgit Wilke  14.07.2026

Medien

Wechsel im ARD-Studio Tel Aviv: Sophie von der Tann wird abgelöst

Während der BR seine Korrespondentin in höchsten Tönen lobt, wurde extern immer wieder heftige Kritik geübt. Von der Tanns Nachfolgerin in Israel ist Pia-Marie Steckelbach

 14.07.2026

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

München

Bayerns 180-Grad-Restitutionswende

Der Freistaat hat sich entschieden, eine Bronze von Picasso zurückzugeben und dabei gleich seinen Umgang mit NS-Raubkunst zu reformieren

von Michael Thaidigsmann  14.07.2026

Faktencheck

Henry Kissinger wollte die »weiße Rasse« nicht beseitigen

Dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger werden immer wieder völlig frei erfundene Zitate zugeschrieben. Etwa, dass er die »weiße Rasse« durch multikulturelle Gesellschaften habe ersetzen wollen

 14.07.2026

Washington D.C.

Trump droht mit Angriff: Was über »Pickaxe Mountain« bekannt ist

Den Berg, der eine Atomanlage beherbergt, bezeichnet der US-Präsident als mögliches Ziel für einen »großen, fetten« Angriff

 14.07.2026

Osnabrück/Doha

Iron-Dome-Deal zwischen Israel und VW droht an Katar-Veto zu scheitern

Ein Verteidigungsdeal mit Israel und Hunderte Arbeitsplätze am VW-Standort Osnabrück sind in Gefahr, da der katarische Staatsfonds blockiert

 14.07.2026

Washington D.C.

USA-Iran-Rahmenabkommen: Was hat Trump überhaupt erreicht?

Groß war der Jubel des US-Präsidenten, als er mit der Führung im Iran ein vages Rahmenabkommen erzielte. Knapp einen Monat später stellt sich jedoch die Frage: Was ist davon noch übrig?

von Franziska Spiecker, Khang Mischke  14.07.2026