Tel Aviv

Ein Hauch von Revolte

Zu orientalischen Rhythmen und messianischen Texten tanzen junge Leute in Pumphosen und bunten ärmellosen Hemden Hand in Hand mit den sefardisch‐orthodoxen Anhängern der Schass. »Soziale Gerechtigkeit« steht auf den ringsum aufgehängten Plakaten. Die hohen Mieten in der Stadt waren Grund für eine Gruppe junger Israelis, über Facebook zum Kampf gegen die Regierung und das Kapital aufzurufen.

Was am Donnerstag vor zwei Wochen mit 15 Zelten begann, wuchs innerhalb weniger Tage zu einer Zeltstadt mit hunderten Protestcampern am Rothschild‐Boulevard in Tel Aviv. Und auch am Samstagabend versammelten sich tausende Demonstranten. Die Kundgebung, die ohne jedes parteipolitische Zutun zustande kam, erinnerte in ihren Ausmaßen an die Friedens demonstrationen in den frühen 90er‐Jahren.

HAckbällchen Hier diskutiert eine Gruppe über eine gemeinsame Plattform, dort werden Hackbällchen auf einen Grill gelegt. Ein junger Mann singt Stücke des linken Liedermachers Dani Litani und spielt Gitarrre dazu. »Was haben die Homosexuellen mit den Wohnungspreisen zu tun?«, fragt eine ältere Dame leicht ungehalten und zeigt auf eine Regenbogenfahne, die quer über den Zelten von Israels neuer Protestbewegung hängt. »Dies ist ein Ort, an dem alle ihre Probleme zur Sprache bringen können«, antwortet Maayan Iungman, die vom ersten Tag an dabei ist.

Sie verlässt die Zeltstadt nur, um zur Arbeit zu gehen oder um zum Duschen nach Hause zu radeln. Die 28‐jährige Schauspielerin, die mit selbst gebauter Marionette ein eigenes Stück für Erwachsene auf die Bühne bringt, hat kein Problem, wenn die Schwulen und Lesben oder die Schass mit auf den fahrenden Protestzug springen. »Die Leute hören sich hier gegenseitig zu. Sie fühlen, dass sie Einfluss nehmen können. So etwas gab es in Israel schon lange nicht mehr.«

Waschmaschine Iungman lebt in einem als 1,5-Zimmer-Wohnung deklarierten Raum mit eingebauter Galerie, auf der gerade genug Platz für das Bett und ein Kleiderregal ist. Jeden Monat zahlt sie 1850 Schekel (370 Euro) für ganze 17 Quadratmeter, die Galerie inklusive. Ihre Waschmaschine steht im Hof. Die Kücheneinrichtung ist samt 50 mal 50 cm Minikühlschrank kompakt im Flur verstaut. »Zum Essen klappe ich einen Tisch aus.« Das Zelt teilt sie mit ihrem Kollegen Gal Pertziger, der über die Sommerferien auf der Bühne des Habima‐Theaters steht und an einem Stück für Kinder mitwirkt.

Pertziger wohnt mit seiner Partnerin in zwei Zimmern, für die sie zusammen umgerechnet über 800 Euro bezahlen. »Mit den Mieten ist es nicht getan«, klagt er. Gas‐, Strom‐, Wasserrechnungen und Nahrungsmittel. »Was wir verdienen, reicht kaum für das Notwendigste.« Daran, eine komplette Familie zu ernähren, sei vorläufig überhaupt nicht zu denken.

plastikwannen Der Albtraum der Politiker und derer, die sich nicht zu schade dazu sind, auf Kosten anderer immer reicher zu werden, breitet sich aus. In Beer Sheva, Jerusalem, Ashkelon, Hadera und Afula – überall im Land liegen plötzlich Matrazen in den Parks, stehen Sofas unter improvisierten Stoffdächern, Plastikwannen zum Geschirrwaschen, Altkleiderausgabestellen und Gaskocher. »Unser Protest geht auf wie ein Hefekuchen«, lächelt Iungman über den auch für sie überraschenden Erfolg der Aktion.

Vergleiche mit den Demonstranten in den Nachbarländern drängen sich auf, aber die lehnt sie ab. »Das hier ist nicht Tahrir«, sagt Iungman. »Wir leben schließlich schon in einer Demokratie.«

piratentuch An einem Informationsstand der Bewegung »Spatz Israel« werben Kibbuzniks zur Rückbesinnung auf die Werte von einst: Sozialismus und Zionismus. Noch am Mittwoch schließt sich eine Gruppe Protestcamper spontan den Demonstrationen der Ärzte an, die seit Wochen für höhere Löhne streiken. Man gibt sich solidarisch, schließlich verfolgen alle mehr oder weniger das gleiche Ziel. »Freiheit und Liebe«, ruft ein Mann, der eben aus seinem Zelt schlüpft. Er reckt seinen bloßem Oberkörper und bindet sich nach Piratenart ein Tuch um den Kopf.

Die Stimmung gleicht einem Volksfest und das obschon der Anlass für alle, die hier ihr Zelt aufgebaut haben, ihre finanzielle Not und Perspektivelosigkeit ist. In den vergangenen fünf Jahren stiegen, laut »Jerusalem Report«, die Durchschnittslöhne um ganze 2,5 Prozent, während im gleichen Zeitraum der Verbraucher‐Index um 25 Prozent anwuchs. Die israelischen Löhne sind auf der Skala der OECD‐Staaten auf dem dritten Platz von unten. An dritter Stelle von oben steht Israel aufgrund der hohen indirekten Besteuerung. »Auf diese Weise nimmt der Staat proportional geringe Steuern von den Reichen und proportional mehr von den Armen«, schreibt das Magazin.

Immer mehr Leute, die voll berufstätig sind, schaffen es kaum, die Armutsgrenze zu überschreiten. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Unter den Campern ist die Rede von einer Revolution. »Wir sind so lange im Koma gewesen«, meint Iungman. »Wir waren durch all die Kriege wie vernebelt.« Das Gefühl ist, dass etwas Großes passiert auf dem Rothschild‐Boulevard. Die, die selbst kein Zelt aufgebaut haben, bringen Kleidung, Salate und Wasserflaschen. Umliegende Restaurants stellen den Campern ihre Toiletten zur Verfügung.

Hüttenkäse‐Aufstand Schon vor ein paar Wochen machte sich Volkes Unmut über die steigenden Preise Luft, als ein Mann allein die Initiative ergriff und via Facebook einen Verbraucherstreik gegen die Hüttenkäse‐Preise lancierte. Zigtausende Israelis sprangen sofort darauf an. Innerhalb von zwei Wochen zwang der »Hüttenkäse‐Aufstand« die drei großen Milch‐ produkt‐Unternehmen in die Knie, und der Preis für den 250‐Gramm‐Becher des körnigen Frischkäses fiel von 8 auf 5 Schekel (1 Euro). Ein kollektives Im‐Dunkeln‐Verharren zeichnet sich ab, denn Netanjahu kündigte eine Erhöhung der Strompreise um über zehn Prozent an.

Israels Mieter stehen weder dem Staat noch Kartellen gegenüber. Jeder kämpft bislang für sich allein, ohne jeden rechtlichen Schutz oder Selbsthilfeorganisationen. Wer keine eigene Wohnung hat, ist den Hausbesitzern ausgeliefert. Studenten sind betroffen, ältere Menschen und weniger Verdienende. Ähnlich wie beim »Hüttenkäse‐Aufstand« geht die Initiative für den Zeltprotest auf eine betroffene Bürgerin zurück, deren Miete um 20 Prozent angezogen wurde.

Mietverträge werden gewöhnlich nur für ein Jahr unterschrieben. Danach kann je nach Bedarf ein neuer Vertrag vereinbart werden, wobei es dem Vermieter überlassen bleibt, den Preis beliebig zu erhöhen. Die Mieter fortan rechtlich zu schützen, wird als Lösung indes weder unter den Campern noch bei den Politikern diskutiert. Regierungschef Benjamin Netanjahu erwägt stattdessen die gezielte Förderung von Unternehmen, die bereit sind, neue Mietwohnungen zu bauen. Netanjahus langfristiges Ziel ist, durch das größere Angebot von freiem Wohnraum die Preise zu drücken.

Gerechtigkeit Die Protestbewegung ihrerseits steht vor der Aufgabe, ein gemeinsames Ziel zu formulieren. »Alle zusammen am Platz«, steht in großen Buchstaben auf einem der Plakate. Trotzdem weiß Iungman noch nicht recht, wo die Reise hingehen soll. »Wenn wir standhaft bleiben, wird sich etwas verändern«, sagt sie. »Hier sind so viele und so unterschiedliche Menschen zusammen, es passiert was mit uns. Die Herzen öffnen sich.«

Maayans Bruder Gal ist nicht so optimistisch. »Hier gibt es kein ›wir‹«, sagt er. »Jeder kommt mit eigenem Ziel und eigener Meinung.« Erst vor einem Monat ist der 24‐Jährige aus Südamerika zurückgekehrt, wo er sich nach dem Militärdienst eine Auszeit gönnte. Seither kommt er bei seiner Schwester unter. Der junge Sozialist wettert gegen die herrschenden Strukturen und gegen das neoliberale Wirtschaftssystem, an dem das Land kranke. Die Preise für Mieten und Unterhalt zu senken, sei »nur eine Bekämpfung der Symptome«.

Geldbeutel Wie Maayan Iungman, die sich als Kellnerin ein Zubrot verdient, weil ihr Einkommen aus der Schauspielerei nicht reicht, hält sich Gal als Aushilfe in einem Café finanziell über Wasser. »Die Protestbewegung muss wachsen«, sagt er, eine gemeinsame Sprache finden und ein gemeinsames Ziel. Bedauerlich findet er nur, dass nicht der stockende Friedensprozess mit den Palästinensern noch die jüngst von der Knesset verabschiedeten antidemokratischen Gesetze den Leuten den Anstoß gaben, sondern die Frustration über den eigenen leeren Geldbeutel.

»Bibi ist nicht aus einem Vakuum entstanden«, erinnert er. »Den hat das Volk gewählt, also auch Leute, die jetzt hier sind.« Wenn das »Märchen«, dass Netanjahu über den staatlich geförderten Bau neuer Mietwohnungen verbreite, auf offene Ohren stößt, »werden die Leute sehr schnell ihre Zelte wieder abbauen«.

ventilator Trotz der Aufbruchstimmung und trotz der großen Solidarität im Rest des Volkes, ist es ein harter Protest. Iungman gibt zu, dass sie höchstens drei Stunden pro Nacht richtig schläft. Am meisten macht ihr die Hitze zu schaffen, die sich gnadenlos schon in den frühen Morgenstunden in den Zelten ausbreitet. »Ein paar große Ventilatoren würden mich zu einem glücklichen Menschen machen«, sagt sie und hofft, sich mit der Zeit daran zu gewöhnen. »Ich bleibe solange es sein muss.«

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