Einspruch!

Ein bisschen getroffen

Israel ist ein Nationalstaat und hat ein Interesse daran, dass möglichst viele Staatsbürger innerhalb seiner eigenen Grenzen leben – damit das Land nicht ausläuft wie ein löchriger alter Eimer. Das ist vollkommen legitim. Ebenso legitim ist der Versuch, Israelis in Amerika zur Heimkehr zu überreden. Das Ministerium für die Einbürgerung von Einwanderern hat darum verschiedene Videoclips veröffentlicht.

Einer zeigt israelische Großeltern vor einer Menora, die sich per Skype mit ihrer Enkelin unterhalten. Welches Fest man denn gerade feiere, wollen die Großeltern wissen, und die Enkelin in Amerika antwortet strahlend: »Christmas«. Ein anderes Video zeigt ein junges Pärchen, das nach Hause kommt. Er ist Amerikaner, sie Israelin; und der oberflächliche Ami findet ganz super, dass sie Kerzen angezündet hat. Es ist aber gerade Jom Hasikaron, also Gedenktag für die Gefallenen der israelischen Armee. Die Botschaft dieser Videoclips ist klar: Nichts wie weg aus der goldenen Medine!

Werbekampagne Amerikanische Juden sind erbost, sie empfinden diese Kampagne als pure Unverschämtheit. Sie spüren die tiefe Verachtung für das amerikanische Judentum, die sich hier ausdrückt. Als gäbe es im Land des First Amendment nicht Millionen von Juden, die gar nicht daran denken, sich an die amerikanische Mehrheitsgesellschaft (wer immer das sein mag) anzupassen! Mittlerweile hat Israels Premier Netanjahu die Werbekampagne gestoppt. Allerdings merkt man an der Heftigkeit der Reaktion auch, dass die amerikanischen Juden sich doch ein bisschen getroffen fühlen. Immerhin schmilzt ihre Zahl sichtbar dahin, und 55 Prozent von ihnen heiraten mittlerweile einen nichtjüdischen Partner.

Vielleicht ist an der israelischen Kampagne vor allem eines kritikwürdig: ihre Humorlosigkeit, ihr negativer Geist. Wa-rum zeigen die Israelis auf einem Clip nicht den Strand von Tel Aviv samt all seinen sonnigen Attraktionen mit dem Spruch: Wie wäre es, zur Abwechslung mal in einem Land zu leben, das wirtschaftlich boomt – und nur halb so viel Arbeitslosigkeit hat wie Amerika?

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