Studie

Diplomaten und Nazis

Auslöser für die Studie war das Schicksal von Hugo Heymann. Foto: Familie Kaps

Studie

Diplomaten und Nazis

Das Bundespräsidialamt präsentiert erste Forschungen zu seinem Umgang mit der NS-Vergangenheit nach 1949

von Ralf Balke  01.10.2021 08:32 Uhr

Alles hat eine Vorgeschichte. Auch für die Motive von Frank-Walter Steinmeier, vor einem Jahr Experten damit zu beauftragen, den Umgang seiner Amtsvorgänger mit der NS-Vergangenheit aufarbeiten zu lassen, gibt es eine. »Als ich im März 2017 mein Amt als Bundespräsident antrat, war mir Hugo Heymann völlig unbekannt«, so das Staatsoberhaupt anlässlich der Präsentation des Zwischenberichts vor wenigen Tagen im Schloss Bellevue in Berlin. »Inzwischen fühle ich mich diesem Mann auf eine ganz besondere Art und Weise verbunden, und das hat einen guten Grund: Meine Frau und ich wohnen für die Dauer meiner Amtszeit in dem Haus, in dem einst Hugo Heymann und seine Frau Maria gewohnt hatten.«

Heymann war der Vorbesitzer der Villa in Berlin-Dahlem. Als Jude hatte er unter Druck das Anwesen schon 1933 weit unter Wert verkaufen müssen. Aber nicht nur das. 1938 starb er an den Folgen von Gestapo-Haft und Misshandlungen.

Für Steinmeier war dieses Wissen um das Schicksal von Heymann nicht nur der Anlass, sich mit der Geschichte der Dienstvilla näher zu beschäftigen, sondern gleich das gesamte Bundespräsidialamt unter die Lupe nehmen zu lassen. »Denn auch hinter den Fassaden des Staates liegt vieles noch im Dunkeln. Vieles ist noch nicht ausreichend ausgeleuchtet und nicht erzählt«, so der Bundespräsident. »Gerade das Amt des Staatsoberhaupts darf hier nicht fehlen.« Deshalb wurde vor einem Jahr ein ambitioniertes Forschungsvorhaben angestoßen. »Das Bundespräsidialamt und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus 1949–1994« heißt es.

KONTINUITÄTEN »Die Frage, die dieses Projekt beantworten will, lautet in ihrer allgemeinsten Form: Wie positionierten sich die Bundespräsidenten in dem 1949 neu entstandenen Bundespräsidialamt zum Nationalsozialismus?«, so sein Leiter, der Historiker Norbert Frei, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Dabei stehen nicht nur personelle und ideologische Kontinuitäten im Vordergrund.

Es geht ebenfalls darum, wie die NS-Vergangenheit in Reden, bei Staatsbesuchen oder sonstigen Verpflichtungen, die in ihren Terminkalendern standen, thematisiert wurde. »Welche Rolle und Bedeutung im Prozess der von vielen Deutschen zuerst abgelehnten und dann sich schrittweise entwickelnden Beschäftigung mit der etwas vernebelnd bezeichneten ›jüngsten Vergangenheit‹ nahmen sie alle ein?«

Frei verweist in diesem Kontext auf intergenerationelle Beziehungsgeflechte und nennt Rücksichtnahmen auf politische Stimmungen als Gründe, warum Theodor Heuss, Heinrich Lübke, Gustav Heinemann sowie Walter Scheel, Karl Carstens und Richard von Weizsäcker dabei eher als Moderatoren denn als Avantgarde zu betrachten sind. »Sie haben den Deutschen jedenfalls nichts oktroyiert.«

nsdap-mitglieder Auch ihre Mitarbeiter befinden sich im Blickfeld der Forscher. So hat man herausgefunden, dass rund ein Drittel der Mitarbeiter, die vor 1929 geboren wurden, ehemalige NSDAP-Mitglieder waren.

Einen von ihnen stellt Frei exemplarisch detailliert vor, und zwar Manfred Klaiber, den ersten Chef des Bundespräsidialamts. Dieser sei im Unterschied zu Theodor Heuss »als Staatsdiener alles andere als ein unbeschriebenes Blatt« gewesen. Denn der Karrierediplomat war bereits im Oktober 1934 in die NSDAP eingetreten. Aus dieser Personalie habe sich für Heuss in den folgenden Jahren »einiges an öffentlichem Erklärungsbedarf ergeben«.

Rund ein Drittel der Mitarbeiter waren ehemalige NSDAP-Mitglieder.

Bemerkenswert sind ebenfalls die Bezeichnungen der Sachgebiete, die die verschiedenen Referatsleiter in der Führungsebene unterhalb von Klaiber zu betreuen hatten und die eine vergangenheitspolitische Relevanz besitzen. Da geht es – so wörtlich – um das »Judenproblem und die Displaced Persons« oder die »sogenannten Kriegsverbrechen«. Frei verweist ferner darauf, dass einzelne Referatsleiter wie Albert Einsiedler, der unter anderem in der SA aktiv war, über zwei Jahrzehnte die Arbeit des Bundespräsidialamts prägen sollten.

VORGÄNGER Im Anschluss an die Präsentation diskutierte Steinmeier noch mit Frei, aber auch mit Sybille Steinbacher, Direktorin des Fritz Bauer Instituts, sowie dem Publizisten Robert Leicht über die Rolle seiner Vorgänger im Prozess der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen mit der NS-Vergangenheit in der »alten« Bundesrepublik.

»Alles muss auf den Tisch«, so lautete die Forderung von Leicht, der ebenfalls einiges über die Rezeption der NS-Geschichte zu erzählen wusste. Und Steinbacher erinnerte noch einmal an den ersten Bundespräsidenten. »Heuss war der Vermittler und die Ansprechperson der wiederentstehenden jüdischen Gemeinden.« Zudem hatte er den Blick auf die Hitler-Attentäter vom 20. Juli neu definiert.

Aber auch Steinmeier beschäftigte dabei eine Frage, und zwar, warum Richard von Weizsäcker 1985 mit seiner Formel vom 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung so viel Aufmerksamkeit erreichen konnte und Walter Scheel, der 1971 bereits dieselben Worte gewählt hatte, dagegen keine Resonanz erfuhr? »Ist Scheel etwas ungerecht behandelt worden?« Die weiteren Forschungen der Historiker an dem Projekt werden vielleicht helfen, Antworten zu finden.

Berlin

Ron Prosor unterstützt deutsche Olympia-Bewerbung

»Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland wären ein starkes Zeichen. Nicht trotz seiner Geschichte, sondern gerade wegen seiner Geschichte«, sagt der israelische Botschafter

 10.08.2026

Interview

»Aufklärung im Hier und Jetzt«

Marina Müller über antisemitismuskritische Bildungsarbeit, die Rolle von Lehrern und das neue Projekt von »Zeugen der Zeitzeugen«

von Leon Stork  10.08.2026

Berlin

Bund gibt mehr Geld für Gedenkstätten

Die deutschen Gedenkstätten erhalten von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mehr Fördermittel - für Projekte, aber auch für den Schutz der Orte und Mitarbeiter.

 10.08.2026

Magdeburg

Sachsen-Anhalt: AfD und BSW legen zu

Die Rechtsaußenpartei baut ihren Vorsprung in Sachsen-Anhalt einer neuen Umfrage zufolge weiter aus. Die Wagenknecht-Partei wiederum könnte zum entscheidenden Machtfaktor werden

 10.08.2026

Bayern

Erneut Ermittlungen gegen Aiwangers Ex-Lehrer

Vor drei Jahren rüttelte die Flugblattaffäre um Hubert Aiwanger die bayerische Landespolitik heftig durcheinander. Viele haben das schon wieder vergessen. Nicht so die Staatsanwaltschaft Regensburg

 10.08.2026

Teheran

Modschtaba Chamenei in »äußerst kritischem Zustand«

»Wir wären nicht überrascht, wenn wir bald die Nachricht von seinem Märtyrertod hören würden«, heißt es aus dem Umfeld der Regierung von Präsident Masoud Peseschkian

 10.08.2026

Washington D.C.

Trump ernennt jüdischen Juristen zum neuen Rechtsberater des Weißen Hauses

»Will ist hart, stark und klug! Er liebt auch unser Land und respektiert das Gesetz«, sagt der amerikanische Präsident

 10.08.2026

Medien

Wo steckt die palästinensische Opposition?

Zwei taz-Essays erzählen eindringlich von palästinensischer und muslimischer Entfremdung in Deutschland. Sie lassen zugleich einen entscheidenden blinden Fleck im Nahostkonflikts unerwähnt

von Leeor Engländer  10.08.2026

Itzehoe

Wie ein KZ-Überlebender und ein Ex-Nazi ein Mahnmal schufen

Ein früherer KZ-Häftling und ein Architekt mit Nazi-Vergangenheit bauen gemeinsam ein Mahnmal. Die ungewöhnliche Geschichte des Filmproduzenten Gyula Trebitsch und des Architekten Fritz Höger

von André Klohn  10.08.2026