Geschichte

»Die Verbrechen lagen vor den Augen«

Blick in den Gerichtssaal in Lüneburg während der Verhandlung gegen den ehemaligen Lagerleiter Josef Kramer und die Wachmannschaft Foto: dpa

Im September vor 70 Jahren blickte die Weltöffentlichkeit auf die niedersächsische Stadt Lüneburg. Dort eröffnete ein britisches Militärgericht am 17. September 1945 das Verfahren gegen das Wachpersonal des Konzentrationslagers Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide. Fünf Monate nach der Befreiung von Bergen-Belsen wurden damit erstmals in einem großen Prozess in Deutschland die Gräueltaten in den NS-Lagern vor Gericht gebracht. Für deren Ausmaß fanden die Zeugen kaum Worte.

»Niemand kann fassen, was sich da getan hat, der nicht dabei gewesen ist«, sagt die heute 90-jährige Anita Lasker-Wallfisch. Die Überlebende von Auschwitz und Bergen-Belsen war gerade 20, als sie vor dem Lüneburger Gericht aussagte. Als bizarr habe sie es wahrgenommen, wie über eine völlig gesetzlose Zeit auf einmal vor Gericht verhandelt worden sei: »Die Verbrechen lagen ja vor den Augen.«

kz-häftlinge Als die britischen Truppen Bergen-Belsen am 15. April 1945 befreiten, fanden sie Tausende unbestatteter Leichen und Zehntausende todkranker Menschen. In Bergen-Belsen starben mehr als 52.000 KZ-Häftlinge und rund 20.000 Kriegsgefangene.

»Kein Bericht und keine Fotografie kann den grauenhaften Anblick des Lagergeländes hinreichend wiedergeben«, beschrieb der britische Brigadier Hugh Llewelyn Glyn Hughes als Zeuge der Anklage, was er und seine Landsleute vorfanden. Systematisch hatten die Mörder von Bergen-Belsen Menschen umgebracht, verhungern, verdursten und unter erbärmlichen hygienischen Umständen an Krankheiten sterben lassen.

44 Frauen und Männer mussten sich nun, rund zwei Monate vor den Nürnberger Prozessen, vor dem Lüneburger Gericht verantworten – vom KZ-Kommandanten Josef Kramer über die Aufseher bis hin zu elf ehemaligen Häftlingen mit Funktionärsstellung.

rechtsstaat In dem Prozess hätten die Briten auch die Rückkehr zu einem Rechtsstaat vollziehen und demonstrativ die Rechte der Angeklagten wahren wollen, sagt der Historiker John Cramer aus Regesbostel bei Hamburg. Ehrgeizige Anwälte übernahmen die Verteidigung und schossen dabei nicht nur aus Sicht der Zeugen einige Male über das Ziel hinaus. »Das hat dazu beigetragen, dass viele Zeugen später verstummt sind«, sagt Cramer, der umfassend über den Prozess geforscht hat.

An welchem Wochentag und zu welcher Uhrzeit sie gesehen habe, dass einer der Angeklagten jemanden ermordete, wurde Anita Lasker-Wallfisch gefragt. »Niemand hatte eine Uhr. Es gab ja nichts Normales mehr«, sagt sie. »Ich war damals sehr, sehr wütend über diese Schau.«

Im Gerichtssaal in einer Lüneburger Turnhalle ging es nicht allein um Bergen-Belsen. »Dass der Prozess einen so großen Stellenwert hatte, lag daran, dass dort erstmals auch über die Verbrechen von Auschwitz verhandelt wurde«, sagt der Historiker Cramer.

auschwitz Zwölf Beschuldigte wurden auch wegen Verbrechen in Auschwitz angeklagt. Josef Kramer war zunächst Kommandant von Auschwitz-Birkenau. Franz Hössler und der Arzt Fritz Klein schickten dort Menschen in die Gaskammern. Auch die Aufseherin im Frauenlager Bergen-Belsen, Irma Grese, kam nach der Auflösung der Vernichtungslager im Osten aus Auschwitz.

Bei den Todesmärschen in Richtung Westen waren auch Gefangene nach Bergen-Belsen getrieben worden. So saßen im Lüneburger Prozess den Tätern befreite Menschen gegenüber, die Verbrechen in beiden Lagern bezeugen konnten – unter ihnen Anita Lasker-Wallfisch. Die Zeugen berichteten zuhauf von Gewaltexzessen, Schlägen und Erschießungen.

Elf Angeklagte wurden zum Ende des Lüneburger Prozesses am 17. November 1945 zum Tode verurteilt und später in Hameln hingerichtet. 19 wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt, 14 freigesprochen. Davongekommen sind aber viel mehr. »Ein paar Menschen sollten Verbrechen aufklären, für die mehrere Hundert Menschen als Täter infrage kamen«, sagt Cramer. An den Urteilen sei zu erkennen, dass den Tätern die persönliche Beteiligung an den jeweiligen Gräueltaten nachgewiesen werden musste – anders, als es die Anklage zunächst vorgehabt habe.

»lerneffekt« Trotz großen Medienechos zweifelt der Historiker an einem »Lerneffekt« für die deutsche Gesellschaft infolge des Prozesses. Besonders britische Boulevardzeitungen hätten die Täter als wahre Bestien beschrieben. So sei es für die Masse der Bevölkerung leicht gewesen, sich von der eigenen Verantwortung für nationalsozialistische Verbrechen zu distanzieren.

»Was haben wir gelernt? Nicht viel«, sagt auch Anita Lasker-Wallfisch. Anders als damals begreife sie aber inzwischen den Prozess als einen Versuch, von der absoluten Rechtlosigkeit der Nazi-Zeit zu einer Normalität zurückzukehren. »Es war der erste Versuch, mit dem Thema umzugehen.«

Tino Chrupalla, Bundesvorsitzender der AfD, spricht bei dem Wahlkampfauftritt in Grimmen (Mecklenburg-Vorpommern), 28. August

Berlin/Heidelberg

Verdacht der Volksverhetzung: Dachorganisation der Sinti und Roma zeigt Tino Chrupalla an

Es geht um eine Äußerung des AfD-Chefs bei einer Wahlkampfveranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern

 01.09.2026

Madrid

Ceuta-Ansturm: Sánchez erhebt Vorwürfe in Richtung Moskau und Jerusalem

Der spanische Regierungschef beschuldigt Netzwerke mit »Verbindungen zu Russland und Israel«, mit Falschmeldungen den Massenandrang auf die Nordafrika-Exklave angeheizt zu haben

 01.09.2026

New York

Met-Gala: Ausstellung mit umstrittenem Designer Galliano abgesagt

Das Event sollte eine Ausstellung zu Ehren des Designers eröffnen. Doch nach der Ankündigung hagelte es wegen des jüngsten Antisemitismus-Vorfalls Kritik

 01.09.2026

Berlin

Grünen-Politiker antisemitisch beschimpft und angegriffen

Daniel Eliasson sagt, der Täter habe versucht, ihn ins Gesicht zu boxen und ihn als »scheiß Juden« beschimpft

 01.09.2026 Aktualisiert

Berlin

Neuer Antisemitismus-Eklat setzt Linke unter Druck, Zentralrat übt scharfe Kritik

Knapp drei Wochen vor der Wahl zum Berliner Angeordnetenhaus sorgt der jüngste Skandal nun auch bei den möglichen Koalitionspartnern SPD und Grünen für Unruhe

 01.09.2026

Jerusalem

Geheimdienst: Netanjahus Sohn wegen Bedrohung aus USA zurück

Netanjahu hatte von iranischen Mordplänen gegen einen seiner Söhne gesprochen. Der Inlandsgeheimdienst bestätigt nun, Jair sei wegen einer akuten Bedrohung aus den USA nach Israel zurückgekehrt

 31.08.2026

Ehrung

Rabbiner Andreas Nachama erhält Berliner Moses-Mendelssohn-Preis         

Er gilt als eine zentrale Figur des jüdischen Lebens in Deutschland: der Rabbiner und Publizist Andreas Nachama. Nun erhält er eine besondere Auszeichnung

von Daniel Zander  31.08.2026

Berlin-Wahl

Neue Umfrage: Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen drei Parteien

Am 20. September ist Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Welche Parteien verlieren? Welche haben die besten Chancen auf das Rote Rathaus?

 31.08.2026

Magdeburg

Wie gefährlich wird die Wahl für die Bundesregierung?

Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat das Potenzial, auch die Regierungsparteien in Berlin in Turbulenzen zu bringen. Für deren Vorsitzende könnte es ungemütlich werden

von Michael Fischer, Theresa Münch  31.08.2026