Trauerfeier

Die unbeugsame Berlinerin

Am Tag der Beisetzung der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer stehen Kränze und ein Bild von Friedländer auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. Foto: picture alliance/dpa

Eine zierliche alte Dame, elegant gekleidet, mit großen wachen Augen unter dem widerspenstigen weißen Haar - die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer war noch mit mehr als 100 Jahren in all ihrer Zartheit eine beeindruckende Persönlichkeit.

Am Donnerstag ist die gebürtige Berlinerin unter großer Anteilnahme von Politik und Gesellschaft auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee neben dem Grab ihrer Großeltern beigesetzt worden. Sie war am vergangenen Freitag im Alter von 103 Jahren gestorben. Bis zuletzt hatte sie sich als Zeitzeugin unermüdlich gegen ein Vergessen der NS-Verbrechen engagiert.

Wenn sie zu sprechen begann, Auskunft über ihr Leben gab, vergaß man ihr hohes Alter sofort. Spielend zog sie Zuhörende in den Bann, zuletzt noch vor wenigen Tagen im Roten Rathaus in Berlin, wo sie auf der Gedenkveranstaltung des Senats zum 80. Jahrestag des Kriegsendes appellierte: »Bitte seid Menschen!«

Geboren wurde sie als Margot Bendheim in Berlin-Kreuzberg und wuchs in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. Ab 1933 bekam sie als Jugendliche die politischen Veränderungen mit, Verwandte und Freunde emigrierten. Ihr Vater, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte, entschloss sich erst 1939, in letzter Minute, nach Belgien zu fliehen. 1942 wurde er ermordet.

Mutter, Vater und Bruder wurden von den Nazis ermordet

Nach ihrer Schulzeit besuchte Margot Friedländer eine Modezeichenschule. Als sich die Eltern 1937 scheiden ließen, begann sie eine Schneiderlehre. Mit der Mutter und ihrem jüngeren Bruder zog sie zunächst in eine Pension, ab 1939 lebte die Familie bei den Eltern der Mutter. 1941 wurden sie in eine sogenannte »Judenwohnung« eingewiesen. Die beiden Frauen waren nicht zu Hause, als Ende Januar 1943 die Gestapo klingelte und den Bruder abholte. Daraufhin stellte sich die Mutter freiwillig der Polizei, sie wollte den Sohn nicht allein gehen lassen. Beide wurden nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Kurz zuvor hatte die Mutter einer Nachbarin eine Handtasche mit einer Bernsteinkette und einem Notizbuch für die Tochter übergeben. Ihre Botschaft: Versuche, dich zu retten. Jahrzehnte später erzählte Margot Friedländer: »Ich könnte mir vorstellen, dass meine Mutter dachte, ich sei stark genug. Ich war vielleicht sogar als junges Mädchen draufgängerisch. Ich kann mir vorstellen, dass meine Mutter gehofft und gebetet hat, dass ich es schaffe.«

Sie war 21 Jahre alt, riss sich den Judenstern vom Mantel, färbte sich die Haare rot, ließ sich sogar die Nase operieren, um weniger »jüdisch« auszusehen, und tauchte unter. 16 Menschen haben ihr geholfen, immer wieder neue Verstecke zu finden. Doch im April 1944 wurde sie bei einer Ausweiskontrolle auf dem Kurfürstendamm aufgegriffen und dann ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort traf sie ihren späteren Mann, Adolf Friedländer, den sie bereits aus Berlin kannte. Beide überlebten und ließen sich 1945 noch im Lager von einem Rabbiner trauen. 1946 emigrierte das Paar in die USA.

Mitt 88 Jahren Rückkehr in die Heimat

Mehr als zehn Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes entschied sich Margot Friedländer mit 88 Jahren, nach Berlin zurückzuziehen. Seither sprach sie auf unzähligen Veranstaltungen über ihr Leben, redete Politikern ins Gewissen. Tausende von Schülerinnen und Schülern zog sie mit ihren Erfahrungen im NS-Deutschland und ihrem Kampf um das Überleben in den Bann.

Ihre Mission, so formulierte sie immer wieder, sei das Weitergeben ihrer Geschichte insbesondere an junge Menschen. »Ich spreche für die, die es nicht geschafft haben«, betonte sie dabei: »Was ich jetzt mache, ist für die Jugend. Sie soll wissen: Was war, das können wir nicht mehr ändern, aber es darf nie wieder geschehen.«

Den zunehmenden Antisemitismus, das Erstarken des Rechtsextremismus beobachtete sie mit Sorge und Trauer. Die Angst, die viele Jüdinnen und Juden heute wieder empfinden, könne sie verstehen, sagte sie unlängst in einem Interview: »So hat es damals auch angefangen. Doch weil wir ja sehr jung waren, haben wir es nicht geglaubt.« Hass war ihr fremd, sie appellierte, sich für alle einzusetzen, denen Unrecht widerfährt: »Seid Menschen!«

Lesen Sie auch

Margot Friedländer hat viele Auszeichnungen erhalten. »Sie hat unserem Land Versöhnung geschenkt, trotz allem, was die Deutschen ihr als jungem Menschen angetan hatten«, erklärte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach ihrem Tod: »Für dieses Geschenk können wir nicht dankbar genug sein.«

Dokumentation

»Seit zweieinhalb Jahren bebt die Erde«

In Erfurt sprach der Zentralratspräsident über den Status quo Jüdischen Lebens in der Bundesrepublik. Dabei ging Schuster auch auf das Programm »Demokratie leben« und die Kritik an Familienministerin Karin Prien ein

 25.03.2026

Krieg

Iran lässt wenige Schiffe durch Straße von Hormus

Die iranischen Behörden lassen nur wenige Schiffe durch die für den Energiehandel wichtige Wasserstraße. Viele Reedereien meiden die Route angesichts von Angriffen und fehlender Versicherungen

 25.03.2026

London

»Ihm gefiel die Angst«: Frauen berichten von Epstein-Skandal

Über Jahre betrieb Jeffrey Epstein einen Missbrauchsring mit einer hohen Zahl an Opfern. In einem Fernsehinterview berichten fünf Frauen von ihren schlimmen Erfahrungen

 25.03.2026

Meinung

EU-Parlament: Fällt die Brandmauer?

Nach einem Medienbericht haben sich Vertreter der konservativen EVP-Fraktion im EU-Parlament mit rechtsextremen Kräften zur Migrationspolitik abgestimmt. Diese Enthüllung wirft viele Fragen auf

von Michael Thaidigsmann  25.03.2026

Krieg gegen Iran

Hoffnung auf Verhandlungen

Raketenalarm in Tel Aviv, Angriffe auf Teheran: Trotz neuer Vermittlungsversuche und Forderungen an den Iran bleibt eine schnelle Waffenruhe wohl unwahrscheinlich

 25.03.2026

Berlin

»Ich bin für dich Ron!«

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinden Deutschlands, ehrte Israels Botschafter Ron Prosor für dessen Engagement für die kurdischen Gemeinden. Wir dokumentieren die Laudatio im Wortlaut

von Ali Ertan Toprak  25.03.2026

Berlin

Kurdische Gemeinde zeichnet Ron Prosor aus

Der israelische Botschafter wurde beim Neujahrsfest für sein Engagement für die kurdische Gemeinschaft ausgezeichnet

 25.03.2026

Kassel

Schmerzensgeld-Klage nach Antisemitismus auf documenta

Vor Gericht kam es zu keiner Einigung – wie geht es nun weiter?

 25.03.2026

Dokumentation

»Dieser Krieg ist nach meinem Dafürhalten völkerrechtswidrig«

Bundespräsident Steinmeier verurteilte im Auswärtigen Amt den Krieg Israels und der USA. Wir dokumentieren seine Rede

von Frank-Walter Steinmeier  25.03.2026