Jom Haschoa

Die Schuldigen

Die Anklagebank beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess (November 1945 bis Oktober 1946) Foto: dpa

Wenn wir den 70. Jahrestag der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse begehen, in denen ausgewählte Nazigrößen auf der Anklagebank saßen, müssen wir auch die beunruhigende Frage nach denjenigen stellen, die für ihre Mitschuld am schlimmsten Völkermord der Weltgeschichte niemals vor Gericht gestellt wurden.

Der Massenmord an so vielen Menschen wäre unmöglich gewesen, hätten nicht so viele Regierungen, Gruppen und Einzelpersonen mitgeholfen. Vielleicht gab es zu viele Schuldige, um sie alle vor Gericht zu stellen, aber es ist noch nicht zu spät, um die Schuldigen wenigstens moralisch für das zur Verantwortung zu ziehen, was sie getan und was sie unterlassen haben.

Die Hauptschuldigen waren selbstverständlich jene Nazigrößen, die die »Endlösung« direkt geplant und durchgeführt haben. Ihr Ziel war es, sämtliche Juden der Welt zu ermorden und die »jüdische Rasse« zu vernichten. Sie hätten ihr Ziel beinahe erreicht – in einem relativ kurzen Zeitraum hatten sie fast alle europäischen Juden ausgerottet.

»willige vollstrecker« Doch die Nazis konnten dabei auf zahlreiche »willige Vollstrecker« zählen, sowohl in Deutschland als auch in den von ihnen besetzten Ländern. Zu den Tätern zählten Litauer, Letten, Ungarn, Slowaken, Polen, Ukrainer und andere. In all diesen Ländern gab es auch Helden, die zu Recht in Erinnerung gehalten und geehrt werden. Aber die Zahl der Täter ist weit höher als die der Helden.

Auch Regierungen machten sich schuldig, indem sie kollaborierten und bei den Razzien und Deportationen mithalfen. Die französische Regierung deportierte mehr Juden, als die Nazis verlangt hatten. Auch die Regierungen von Norwegen, den Niederlanden, Österreich, Ungarn und andere halfen den Nazis beim Völkermord. Ein leuchtendes Gegenbeispiel ist Bulgarien: Das Land verweigerte die Zusammenarbeit mit den Nazis, und seine kleine jüdische Minderheit überlebte.

Nicht vergessen sollten wir die Länder, die sich weigerten, Juden aufzunehmen, die den Nazis hätten entkommen können, hätte man sie einwandern lassen. Dazu zählen die Vereinigten Staaten, Kanada und viele andere potenzielle Asylländer, die ihre Pforten verschlossen. Auch in den USA und Kanada gab es Helden, die ihre Regierungen dazu drängten, mehr zu tun, aber in der Regel hatten sie keinen Erfolg.

pogrome Auch viele arabische und muslimische Führer haben Schuld auf sich geladen, indem sie mit den Nazis gemeinsame Sache machten und auf eigene Faust zu Pogromen gegen einheimische Juden aufriefen. Die wichtigste Rolle spielte der berüchtigte Großmufti von Jerusalem, der sich in Berlin mit Hitler traf, eine aktive Rolle beim Judenmord spielte und dafür sorgte, dass jüdische Flüchtlinge nicht nach Palästina gelangen konnten.

Hätten Großbritannien und die USA mehr tun können, um den Völkermord zu beenden? Hätten sie nicht die Gleise nach Auschwitz bombardieren können? Fragen wie diese sind komplex und konnten seit 1945 noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden. Auch nicht vergessen werden sollten diejenigen, die in Nürnberg verurteilte Nazis begnadigt oder vorzeitig entlassen haben, oder diejenigen, die Nazis nach dem Krieg geholfen haben, der Strafverfolgung zu entgehen. Das ergäbe eine lange und verstörende Liste.

Indem die Nürnberger Prozesse sich auf die bekanntesten Nazigrößen beschränkten, entlasteten sie indirekt all jene, die an weniger profilierter Stelle ihren Beitrag zum Gelingen des Völkermords geleistet haben. Gerichte haben naturgemäß eingeschränkte Möglichkeiten, eine große Zahl von Individuen der Gerechtigkeit zuzuführen, die auf einem breiten Kontinuum juristischer und moralischer Schuld stehen. Aber für Historiker, Philosophen, Rechtswissenschaftler und normale Bürger gelten diese Einschränkungen nicht. Wir können die Schuldigen benennen, egal, ob sie in Nürnberg oder in späteren Prozessen vor Gericht standen oder nicht.

zwangsarbeit Es wird nie perfekte Gerechtigkeit für die Helfershelfer des Holocaust geben. Die meisten Schuldigen entkamen der Verfolgung, lebten unbehelligt und starben friedlich im Bett im Kreise ihrer Familien. Westdeutschland erlebte infolge des Marshall-Plans eine wirtschaftliche Blüte, und viele deutsche Industrielle, die zuvor von Zwangsarbeit profitiert hatten, profitierten nun unter den Bedingungen des Kalten Krieges.

Die Waage der Justitia blieb aus dem Gleichgewicht. Dies erklärt vielleicht, warum seither mehr als sechs Millionen Menschen in Völkermorden umgekommen sind, die hätten verhindert werden können – in Kambodscha, Ruanda, Darfur und anderswo; nachdem die Menschheit geschworen hatte: Nie wieder!

Natürlich muss man vorsichtig sein: Wenn wir alle beschuldigen, ist am Ende keiner mehr schuldig. Man muss die Verantwortlichkeit eines jeden, der in irgendeiner Form mit dem Holocaust zu tun hatte, genau abwägen. Das ist eine schwierige Aufgabe, aber sie muss angegangen werden, wenn zukünftige Völkermorde verhindert werden sollen.

Der Autor ist Anwalt und Publizist in New York.

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