BSW

Die Gretchenfrage

Feindbild Westen: Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht auf dem ersten BSW-Parteitag Foto: picture alliance/dpa

Für die einen gilt er als renommierter Experte. Die anderen sagen, er delegitimiere Israels Sicherheitsinteressen und bediene verschwörungsideologisches Denken: Michael Lüders, Islamwissenschaftler und Politologe, wurde am vergangenen Samstag im ehemaligen Ost-Berliner Kino Kosmos in den erweiterten Vorstand des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) gewählt. Die Personalie gibt einen Anhaltspunkt, wie sich die neue Partei der ehemaligen Linken-Ikone in der Nahost-Politik positionieren wird.

Lüders gibt den Ton vor: Schon drei Tage nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 gab er dem Südwestrundfunk ein Interview, in dem er die Vergeltungsmaßnahmen Israels als falsch und als Kriegsverbrechen bezeichnete und dem Westen eine Mitverantwortung für die Eskalation des Konflikts gab, denn dieser habe nichts gegen die Situation der Palästinenser unternommen. Und so könnte sich bestätigen, was die 2017 verstorbene Politologin und ehemalige Redakteurin dieser Zeitung, Sylke Tempel, 2012 im »Tagesspiegel« über das »Prinzip Lüders« schrieb: »Alles wird so verdreht, dass es in sein Weltbild der bösen israelischen und amerikanischen Kriegshetzer und des armen, rein defensiven Iran passt.« Will Wagenknecht das auch als Leitlinie für ihre Partei?

Reaktionen auf die Wahl von Michael Lüders

Argwöhnisch reagierten frühere Linkspartei-Genossen der BSW-Vorsitzenden Wagenknecht auf die Wahl von Lüders, der am Samstag von allen Kandidaten das beste Ergebnis erzielte. Und dies aus mehreren Gründen: Der Menschenrechtsaktivist Martin Glasenapp, der jahrelang für die Linken-Politikerin Katja Kipping gearbeitet hat, schrieb auf der Plattform X, inhaltlich passe das schon mit Lüders: »Der deutsche Nahostexperte behauptet bekanntlich wie Sahra Wagenknecht, dass vor allem der Westen für den Krieg in Syrien verantwortlich gewesen wäre und alle Sanktionen gegen das syrische Folterregime fallen müssen.«

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner wies darauf hin, dass Lüders offenbar wenig Berührungsängste mit Rechtsradikalen hat: Im April will er auf einem Investorentag in Liechtenstein über das Thema »Gaza-Krieg ohne Ende?« referieren. Dort sind als Redner auch der ehemalige WerteUnion-Bundesvorsitzende und AfD-Präsidentschaftskandidat Max Otte sowie Markus Krall angekündigt, der sich in der WerteUnion gleichfalls als Türöffner Richtung AfD engagierte.

So sortiert sich eine neue Partei, nicht nur in der Nahost-Frage, sondern auch in der Frage des Umgangs mit der AfD und anderen Akteuren am rechten Rand. Zwar schließt das BSW Koalitionen mit der AfD aus. Zugleich aber zielt die neue Partei durchaus auf deren Wählermilieus. Funktionäre der AfD sollen bei Interesse nicht übergangslos in die Wagenknecht-Partei aufgenommen werden – das aber schließt nicht aus, dass der eine oder die andere, die früher in der rechtsradikalen Partei aktiv waren, künftig bei Wagenknecht & Co. mitmischen können. Die zum Gründungsparteitag im Kosmos-Kino versammelte Mitgliedschaft – etwa 400 Teilnehmer – war handverlesen, die ältere Generation und auch die Männer dominierten. Streit in den eigenen Reihen wie bei ihrem nach wenigen Jahren fehlgeschlagenen Projekt »Aufstehen« will Wagenknecht tunlichst vermeiden.

Es gibt Hinweise auf Schnittmengen zwischen der AfD und dem Bündnis Sahra Wagenknecht.

Noch ist längst nicht klar, ob der Vorsitzende der erzkonservativen WerteUnion, Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, recht bekommt mit seiner Einschätzung, dass Wagenknecht und ihre Partei – anders als er das vorhat – eine Brandmauer zur AfD errichten und letztlich nur Mehrheitsbeschaffer für SPD und Grüne werden. Er schätze Wagenknecht, weil sie Probleme anspreche, sagte Maaßen in einem Interview mit dem Lokalsender »tv Berlin« kurz vor dem BSW-Gründungsparteitag. Ihre Lösungsvorschläge aber kämen aus der »alten rostigen Werkzeugkiste des Sozialismus«.

Es gibt durchaus Hinweise auf inhaltliche Schnittmengen zwischen BSW und AfD. Die Linkspartei-nahe Zeitung »nd« schrieb in ihrem Parteitagsbericht: »In der Kritik an der AfD bleibt das BSW indifferent. Eine klare Verurteilung der rechtsextremen Pläne mit AfD-Beteiligung für Massenausweisungen blieb die Ausnahme. Mehrere Redner legten nahe, dass viele Menschen aus Wut über die Regierungspolitik quasi gegen ihren inneren Willen AfD gewählt hätten.«

Das Blatt zitierte den früheren Linkspartei-Vorsitzenden Klaus Ernst, der sich dem Bündnis Sahra Wagenknecht angeschlossen hat, mit den Worten, bei der Kritik an zu wenig Sozialausgaben und Investitionen in die Wirtschaft sowie zu viel Geld für Rüstung gebe es »momentan nur eine Partei, die da ab und zu auch mal was Richtiges sagt, das ist die AfD«.

Unterstützung von AfD-Anträgen

Die im BSW organisierte Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen antwortete vergangene Woche bei »Abgeordnetenwatch« auf die Frage, warum sie sich der AfD-Forderung im Bundestag nach einer »Friedensinitiative« im Ukraine-Konflikt mit Abkehr von der militärischen Logik nicht angeschlossen habe: »Den AfD-Antrag haben wir sorgsam geprüft. In der Endabwägung konnten wir nicht zustimmen, die vorgeschlagene konkrete Umsetzung ist vielfach kritikwürdig.« Offensichtlich hält das BSW also auch die Unterstützung von AfD-Anträgen prinzipiell für möglich.

Was die BSW-Erfolgsaussichten angeht, sind die Wahlforscher noch sehr unsicher. In jüngsten Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen wird die neue Partei zwischen vier und acht Prozent taxiert, in Brandenburg zwischen vier und 13 und in Thüringen sogar zwischen vier und 17 Prozent. Aufmischen könnte Wagenknecht die Parteienlandschaft aber sehr wohl. Ihr Mann Oskar Lafontaine betonte in der Schluss­rede auf dem Gründungsparteitag einen Unterschied zur AfD, der bei Landtagswahlen kaum zählen dürfte: Demnach stehe die AfD wie alle anderen Parteien »an der Seite Israels«. Sie sei deshalb keine echte »Friedenspartei«.

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

London

Britischer Premierminister Starmer kündigt Rücktritt an

Der Einzug seines größten Rivalen ins Parlament kostet Premierminister Keir Starmer das Amt. Der Labour-Chef hatte sich schon in den vergangenen Monaten von einer Krise zur nächsten gehangelt

 22.06.2026 Aktualisiert

Paris/Berlin

Ron Prosor kritisiert Frankreich wegen Einschränkungen bei Rüstungsmesse

Der israelische Botschafter in Deutschland schreibt: »›Kauft nicht von Juden‹ – die französische Version davon.« Es geht um antiisraelische Maßnahmen bei der Eurosatory-Messe

 22.06.2026

Berlin

Mann pöbelt bei WM-Public-Viewing

Der betrunkene 40-Jährige soll antisemitische und rassistische Beleidigungen von sich gegeben haben. Die Polizei ermittelt unter anderem wegen des Verdachts der Volksverhetzung

 22.06.2026

Nahost

Iran und USA einigen sich auf Fahrplan für Abkommen

Ziel ist es, den Krieg zwischen den USA und dem Iran dauerhaft zu beenden und offene Fragen zu klären – darunter auch den Umgang mit dem Atomprogramm des Mullah-Regimes

 22.06.2026

Washington

Trump: Iran muss sofort seine Stellvertreter im Libanon stoppen

Der Iran muss seine Proxys im Libanon unter Kontrolle bringen, fordert Trump. Andernfalls müsse Teheran mit harten Konsequenzen rechnen

 21.06.2026

Potsdam

Linke sucht Kontakt mit Juden im Kampf gegen Antisemitismus

Der Partei wird immer wieder Antisemitismus vorgeworfen. Nun heißt es in einem Beschluss, dass der Parteivorstand mit jüdischen Verbänden in den Austausch gehen soll

 21.06.2026

Iran-Verhandlungen

US-Vizepräsident Vance sieht »große Fortschritte«

In der Schweiz wird über ein Ende des Iran-Kriegs verhandelt. US-Vizepräsident Vance bewertet den Auftakt der Gespräche offenbar als Erfolg

 21.06.2026

Teheran

Iran: Verhandlungen mit USA auf einen Tag begrenzt

Die Verhandlungen zwischen Teheran und Washington in der Schweiz wurden mit Spannung beobachtet. Nun dämpft der Iran die Erwartungen

 21.06.2026