Südafrika

Die Freiheit der anderen

Die schönsten Träume von Freiheit werden im Kerker geträumt.» Dieses Schiller-Zitat könnte auch von Denis Goldberg stammen. Denn er hat 22 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Dabei war die Freiheit, von der er träumte, nicht einmal seine eigene. Als Jude mit weißer Hautfarbe genoss er in seinem Heimatland alle bürgerlichen Privilegien. Unfrei, das waren die anderen. Seine Mitbürgerinnen und Mitbürger, deren Haut nicht weiß, sondern schwarz war. Für ihre Freiheit ging er erst auf die Straße – und dann ins Gefängnis.

apartheid Denis Goldberg hat es sich auf dem Sofa in der Wohnung eines Freundes in Wuppertal gemütlich gemacht. Gerade ist die deutsche Ausgabe seiner Autobiografie Der Auftrag – Ein Leben für die Freiheit in Südafrika erschienen. Er ist auf Lesereise in Deutschland unterwegs, um in Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen über die Erfahrungen mit dem Apartheidregime zu sprechen. Mit seinen 76 Jahren bewegt er sich ein wenig schwerfällig, aber noch immer strahlt er Energie und Überzeugungskraft aus. Die kleinen Augen unter den buschigen Brauen fixieren ihr Gegenüber aufmerksam. Goldberg erzählt seine Geschichte nicht zum ersten Mal und macht dennoch den Eindruck, als könnte er sie mit ungebrochener Begeisterung wieder und wieder schildern. Denn an ihrem Ende steht ein Tag, den er niemals vergessen wird. Ein Tag, der sein Heimatland für immer veränderte: Am 10. Mai 1994 wurde Denis Goldbergs Freund Nelson Mandela als erster schwarzer Präsident Südafrikas vereidigt. Die Apartheid-Politik, unter der die Schwarzen so viele Jahre gelitten hatten, gehörte endgültig der Vergangenheit an.

menschenwürde Denis Goldberg, am 11. April 1933 in Kapstadt als Sohn jüdischer Einwanderer geboren, wird säkular und sozialistischen Idealen folgend erzogen. In seinem Zuhause gehen alle ein und aus, Weiße, Schwarze, Farbige. «In unserer Familie habe ich früh gelernt, dass die Würde aller Menschen zu achten ist. Meine Mutter legte Wert darauf, jedem Besucher mit Respekt und Höflichkeit zu begegnen. Die letzte Kartoffel war immer für den Gast», sagt Denis Goldberg lächelnd und lehnt sich versonnen zurück.

Der Junge wird in einem Arbeitervorort groß. Seine Familie ist arm, aber verglichen mit der schwarzen Bevölkerungsmehrheit führt sie ein gutes Leben. Bereits als junger Mann bekommt Goldberg Verbindung zum ANC, dem Afrikanischen Nationalkongress. Mit 16 Jahren beginnt er ein Studium zum Bauingenieur. «Ein hartes Stück Arbeit. Ich hatte kaum Zeit für etwas anderes», erinnert er sich. Als er mit 20 Jahren ernsthaft im ANC mitarbeiten will, erfährt er, dass einige von dessen Mitgliedern die Familie schon seit Längerem beobachten. «Die wollten natürlich wissen, ob ich vertrauenswürdig und verlässlich sein würde.»

massaker Sieben Jahre später wird der grenzenlose Optimist Goldberg auf grausame Weise mit der politischen Realität seines Landes konfrontiert. Am 21. März 1960 gehen 50 Kilometer südlich von Johannesburg etwa 20.000 Menschen auf die Straße, um friedlich gegen diskriminierende Passgesetze des Apartheidsystems zu demonstrieren. 69 Schwarze, darunter Frauen und Kinder, werden von den Sicherheitskräften rücklings erschossen, es gibt 180 Verletzte. Nach dem sogenannten Massaker von Sharpeville wird auch Denis Goldberg als Folge des Zusammenstoßes von Polizei und Demonstranten zum ersten Mal ins Gefängnis gesteckt – er kommt vorübergehend in Beugehaft. «Daran habe ich keine guten Erinnerungen. Weiße Aktivisten waren dem Personal besonders verhasst.» Für sie ist er ein Verräter.

Umsturz 1961 gründet sich der bewaffnete Flügel des ANC. Denis Goldberg, der mittlerweile wieder auf freiem Fuß ist, arbeitet dort als technischer Offizier des «Umkhonto we Sizwe» («Speer der Nation»). Doch 1963 wird er in deren provisorischem Hauptquartier, einer Farm in Rivonia bei Johannesburg, verhaftet und 1964 im sogenannten Rivonia-Prozess angeklagt. Die ihm zur Last gelegten Verbrechen: Verschwörung zum Umsturz der Regierung, Vorbereitung zum bewaffneten Einfall ausländischer Kräfte, Betrieb der Farm als Untergrundhauptquartier und Förderung der ANC-Ziele. «Das war alles ganz richtig. Interessanterweise gab es keine Anklage wegen Hochverrats. Nach dem britischen Gewohnheitsrecht brauchte es nämlich zwei Zeugen, die diesen Punkt belegen. Und das wäre eine schwierige Beweisführung geworden», stellt Goldberg mit einem triumphierenden Lächeln fest. Vier Weiße und elf Schwarze – darunter Nelson Mandela, Walter Sisulu und Denis Goldberg – werden zu vierfach lebenslanger Haft verurteilt. Von seinem Anwalt erfährt Goldberg, dass die öffentliche Meinung in den Medien eine noch schlimmere Strafe gefordert hatte: «Hängt sie auf!»

16 lange Jahre hat er im Gefängnis keinen Zugang zu Zeitungen. Bis zu 18 Stunden ist er allein in der Zelle, studiert und näht in der restlichen Zeit Postsäcke. «Ich litt darunter, dass man mich von meinen schwarzen Freunden, die auf Robben Is-land inhaftiert waren, getrennt hatte. Jeden Tag musste ich um den Erhalt meiner Menschenwürde kämpfen. Die Wärter hassten uns, und sie wollten unseren Willen brechen. Zeitweise litt ich unter Depressionen und immer hatte ich Angst, dass sie uns töten, bevor sie uns freilassen.»

1985 – nach 22 Jahren – darf Denis Goldberg das Gefängnis tatsächlich verlassen. In Israel besucht er seine Tochter in einem Kibbuz, geht nach England ins Exil und wird zum Vertreter des ANC bei den Vereinten Nationen ernannt. 1994 feiert er jubelnd die Wahl Nelson Mandelas zum Präsidenten Südafrikas. Der lange Kampf hatte sich gelohnt.

Zukunft Heute lebt Denis Goldberg allein in Kapstadt. Seine Frau und Tochter sind bereits tot, der Sohn hat in England eine neue Heimat gefunden. Noch immer engagiert er sich politisch, auf kommunaler Ebene. Mit Lehrern, Wissenschaftlern und Studenten spricht er in seiner Heimat und in Deutschland über die wechselvolle Geschichte seines Landes. Und er gerät ins Schwärmen, wenn er von den damaligen Weggefährten spricht. «Rassismus ist ein Verbrechen und die Befreiung davon ein Wunder», sagt der alte Mann mit dem streitbaren Temperament und blickt vertrauensvoll in die Zukunft: «Das neue Südafrika ist auf einem guten Weg. Wer hätte gedacht, dass bei uns einmal die Fußballweltmeisterschaft stattfinden würde?» Dann wird die Welt in Goldbergs Heimat zu Gast sein. Und gleichberechtigt in den Stadien Platz nehmen, Schwarz wie Weiß.

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