Bundestagswahl

»Die Bürger haben ihr Urteil über die Ampel längst gefällt«

Wahlfoscher Stefan Merz Foto: David Ausserhofer

Herr Merz, gestern fand das »Quadrell« statt, die Debatte der vier Kanzlerkandidaten. Wie wahlentscheidend ist die Performance der Spitzenleute für das Wahlergebnis ihrer Parteien?
Solche Formate sind durchaus relevant, weil sie in der Regel ein sehr großes Publikum erreichen und dadurch einen wichtigen Beitrag zur Mobilisierung der Wählerinnen und Wähler leisten. Häufig werden dabei aber die Erwartungen und Einschätzungen eher bestätigt und verstärkt. Dass es in großem Stil zu einer Umorientierung und einer Änderung der Wahlabsichten führt, ist selten der Fall. Die Spitzenkandidaten sind nicht allein wahlentscheidend, aber schon sehr wichtig für die Menschen. Über die eigene Kernklientel hinaus von der eigenen Partei zu überzeugen, ist mit schwachem Personal kaum zu schaffen.

Spielt der Umgang der Politik mit Antisemitismus oder der Schutz des jüdischen Lebens in Deutschland eine nennenswerte Rolle bei der Wahlentscheidung?
Diese Themen sind nur für sehr wenige Menschen in Deutschland ein ausschlaggebendes Argument dafür, eine bestimmte Partei zu wählen. Sie spielen aber sicherlich eine Rolle bei der Entscheidung, eine Partei nicht zu wählen. So kann sich trotz der steigenden Zustimmung zur AfD in den letzten Jahren eine breite Mehrheit der Deutschen nach wie vor nicht vorstellen, die AfD zu wählen. Ein Teil der Wählerschaft, vor allem Anhänger von Grünen und Linken, zeigt sich sehr beunruhigt über Rechtsextremismus in Deutschland und das Erstarken der AfD. Auch wenn nicht alle die gleichen Schlussfolgerungen daraus ziehen, spielt dabei die Verantwortung der Deutschen für ihre Geschichte und der sichtbarer werdende Antisemitismus in der Gesellschaft indirekt eine wichtige Rolle.

Wie viele Befragte in Ihren Umfragen halten die Brandmauer zur AfD für richtig?
Zwei Drittel der Deutschen lehnen eine feste Regierungsbeteiligung der AfD in einer Koalition auf Bundes- oder auch Landesebene ab. An dieser Einschätzung hat sich in den letzten Monaten wenig verändert. Etwas offener zeigen sich die Deutschen bei Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene und bei punktueller Zusammenarbeit.

Hat die gemeinsame Abstimmung von CDU/CSU, FDP und AfD im Bundestag vor kurzem die Wählerschaft mobilisiert?
In unseren Befragungen fand nahezu jeder zweite das Vorgehen der Union akzeptabel, im Unterschied zu einer möglichen Koalition mit der AfD. In den Umfragen hat sich bei den Wahlabsichten seitdem nicht viel verändert, was sicherlich daran lag, dass Friedrich Merz inhaltlich mit seinen Vorschlägen auf viel Zustimmung stößt. Einzig der sichtbare Anstieg der Linken in den Umfragen dürfte mit einer Mobilisierung gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD zu tun haben.

Lesen Sie auch

Wie sieht es mit dem Nahostkonflikt aus? Ist er von wahlentscheidender Bedeutung für einige Wähler?
Wenn man die Deutschen fragt, was derzeit die wichtigsten Probleme sind, um die sich die Politik nach der Wahl am dringendsten kümmern müsse, dann landen da seit längerer Zeit und mit großem Abstand die Themen Zuwanderung und Wirtschaft auf den ersten beiden Plätzen. Nur etwa jeder Siebte nennt die internationalen Konflikte und außenpolitischen Herausforderungen. Hier spielt der Nahostkonflikt sicherlich mit rein, aber sehr viele denken auch an die Ukraine, an Russland und an die Herausforderungen, die der Regierungswechsel in Washington für Deutschland und Europa bedeutet.

Können Sie hier nach Parteien differenzieren?
In der Anhängerschaft von SPD, der Linken und des BSW spielt das Themenfeld Kriege und internationale Konflikte eine größere Rolle als unter den Anhängern der anderen Parteien. Aber auch das dürfte vermutlich vor allem auf Putins Krieg gegen die Ukraine zurückzuführen sein.

Gibt es Indizien, wie jüdische Wähler abstimmen?
Dazu kann ich leider gar nichts sagen. Wir fragen die Religionszugehörigkeit in der Regel nicht ab.

Die Umfragen wirken seit Monaten wie zementiert. Wie wahrscheinlich ist es, dass es am Wahltag noch zu Überraschungen kommt?
Insgesamt gibt es tatsächlich wenig Bewegung bei den Wahlabsichten der Deutschen. Dies liegt vermutlich daran, dass es bei den für die Wähler zentralen Fragen nur wenig neue Informationen gibt, die zu anderen Wahlentscheidungen führen könnten. Das Urteil über die Ampelregierung, sowohl über die Parteien als auch über ihr Führungspersonal, scheinen die Bürger schon vor Monaten abschließend gefällt zu haben. Sie wünschen sich eindeutig eine andere Koalition und einen anderen Bundeskanzler.

Warum ist das so?
Die drängendsten Probleme der Deutschen sind seit längerer Zeit die Wirtschaft und die Zuwanderung, Letzteres vor allem in Verbindung mit innerer Sicherheit. Und das sind klassische Unions-Themen. Gleichzeitig können CDU und CSU aber nur einen Teil der Unzufriedenheit der Bürger aufnehmen, weil die Union für viele Probleme im Land mitverantwortlich gemacht wird. Gerade Menschen, die sich eine sehr viel striktere Zuwanderungspolitik wünschen, verbinden viele der aktuellen Probleme mit Angela Merkel und der CDU und werden deshalb die AfD wählen.

Kann man davon ausgehen, dass dieses Mal die Wahlbeteiligung deutlich höher sein wird als 2021, als sie bei knapp 77 Prozent lag?
Dafür spricht einiges. Sowohl das Interesse an der Wahl als auch die Unzufriedenheit mit den Zuständen im Land ist groß. Beides spricht für eine hohe Mobilisierung.

Würde das der AfD eher schaden oder eher nützen? Früher hieß es ja immer, eine hohe Wahlbeteiligung nütze eher den demokratischen Parteien der Mitte.
Die AfD hat es bei vielen früheren Wahlen geschafft, in großem Umfang auch ehemalige Nichtwähler zu mobilisieren und so häufig von einer steigenden Wahlbeteiligung profitiert. Gleichzeitig führt die Angst vor einer starken AfD oft zu einer Gegenmobilisierung, sodass die AfD nicht der einzige Profiteur einer hohen Wahlbeteiligung sein dürfte.

Das Interview mit dem Senior Director Wahlen des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap führte Michael Thaidigsmann.

Delft/Niederlande

Publikum beschimpft Angehörige eines Hamas-Opfers bei »NAZA«-Vorführung

Sabine Tassa, deren Ehemann und Sohn am 7. Oktober 2023 ermordet wurden, kritisiert die Doku. Das Publikum will nichts davon hören

 02.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Gespräch

Jüdische Stimme am Vatikan

Viktor Eichner vom Jüdischen Weltkongresses hat ein großes Ziel: sich für die jüdische Gemeinschaft einzusetzen – vor allem beim Heiligen Stuhl

von Sabine Kleyboldt  02.10.2026

Genf

Sharabi fordert UN-Menschenrechtsrat zur Anerkennung von Geiselmisshandlungen als Folter auf

»Mein Name ist Eli Sharabi. Ich bin ein Überlebender von Folter«, so der ehemalige Verschleppte vor dem Gremium

 02.10.2026

Besuch

Berlins scheidender Regierungschef reist nach Israel

Israels Botschafter in Deutschland äußerte kürzlich Sorge um die Sicherheit der jüdischen Community in der deutschen Hauptstadt. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner reist nun nach Tel Aviv

 02.10.2026

Sacramento

Kalifornien führt »jüdisch« als ethnische Kategorie ein

Gouverneur Gavin Newsom unterschrieb mehrere Gesetze, die für Juden in dem Bundesstaat relevant sind

 02.10.2026

Kommentar

Fair Play – es sei denn, es geht um Israel

Irlands Nationalspieler verweigern Israelis den Handschlag, diskutieren darüber, ob sie überhaupt gegen sie antreten wollen – und die UEFA schweigt. So funktioniert die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes

von Dorothea Schupelius  02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Irankonflikt

USA schickt dritten Flugzeugträger und weitere Marines in den Nahen Osten

Die Stationierung erweitert den Handlungsspielraum Washingtons für mögliche weitere Maßnahmen gegen das Mullah-Regime

 02.10.2026